Schwäbisch Hall Das Konzert als Gesamterlebnis: Geselligkeit, Kultur, Unterhaltung

Schwäbisch Hall / MONIKA EVERLING 07.10.2015

Am Abendhimmel schimmern die Wolken dunkelrot, die Luft ist lau. Von allen Seiten strömen Menschen in Richtung Kulturscheune der Schwäbisch Haller Waldorfschule, alte, junge und welche mittleren Alters. Einige begrüßen sich mit Umarmungen. Man kennt sich, man freut sich an dem schönen Abend. Die Menschen kommen als Zuhörer zum Konzert des Haller Sinfonieorchesters (HSO). Einmal im Jahr hat dieses Orchester Konzertwochenende - immer Anfang Oktober. Die Konzerte in Hall und Gaildorf sind Publikumsmagnete: Fast jeder musikinteressierte Mensch in der Region kennt jemanden, der mitspielt. Da hat am Konzertabend nicht nur die Musik eine Hauptrolle, sondern auch die Geselligkeit ist wichtig. Deshalb hat das Publikum eine ungewöhnliche Zusammensetzung: deutlich jünger als in den üblichen Abonnementkonzerten und breiter durch die Gesellschaftsschichten verteilt. Dreimal wird das Programm aufgeführt, insgesamt etwa 1200 Menschen sind gekommen.

Die Solo-Flöte beginnt mit einer weich umhüllenden Melodie, in die man sich wegträumen kann - dabei hilft ein Dia auf einer Leinwand über den Musikern, das einen See mit einem Steg im Abendrot zeigt. Oboe, Hörner, Klarinette, Harfe, Triangel und natürlich die Streicher - sie alle tragen zum Klangreichtum der sinfonischen Dichtung "Prélude à l'après-midi d'un faune" sowie der "Petite Suite" von Claude Debussy bei. Das letztgenannte Werk hat zeitweise etwas von Walzer, manchmal von Jahrmarkt. "Erfrischend", nennt es ein Zuhörer.

Hauptwerk des Konzerts: 3. Sinfonie von Johannes Brahms

Das finden auch Franziska Binder (16, Hall), Franziska Walz und deren Zwillingsschwester Fabiola Walz (15, Bubenorbis). Auf die Frage, was ihnen am besten gefallen hat, antwortet Franziska Binder: "Das Schnelle, Schräge." Die drei Mädchen sind gekommen, weil sie jemanden kennen, der mitspielt. Alle drei spielen selbst ein Orchesterinstrument, Franziska und Fabiola Walz sind Mitglieder der "Jungen Philharmonie Schwäbisch Hall", des Musikschulorchesters.

Hauptwerk des Konzerts ist die 3. Sinfonie von Johannes Brahms. Sie wirkt viel wuchtiger, herber als die Debussy-Werke. Aber auch dieses Werk bietet viele Klangfarben, Melodien von Klarinette und Horn wechseln sich ab mit tiefen Streicherklängen, eine sonore Cello-Kantilene erinnert an Smetanas "Moldau". Der vierte Satz weckt heftige Gefühlsausbrüche, Dirigent Benjamin Lack scheint zu tanzen.

Die Orchestermitglieder sind je etwa zur Hälfte Leute, die Musik studiert haben, und engagierte Laien. Fast alle haben einen anstrengenden Berufsalltag. Was bringt sie dazu, an vier Wochenenden samstags und sonntags ganztags sowie an einigen Abenden zu proben? "Anreiz ist die Qualität der Stücke - und die Qualität des Dirigenten", sagt der Cellist Thomas Hartmann. "Außerdem mag ich die generationenübergreifende Zusammensetzung des Orchesters. Wir spielen hier mit unseren Schülern und anderen jungen Leuten zusammen. Es ist schön, dass wir auf diesem Wege Traditionen weiterreichen und die großen Werke der Musikgeschichte vermitteln können."

"Wenn ich von etwas begeistert bin, setze ich Kräfte dafür frei."

Der Kontrabassist Eberhard Hofmann ergänzt: "Es ist ja so: Wir haben beide ein Orchesterinstrument studiert, haben als junge Leute in Landes- und Bundesjugendorchestern bedeutende Sinfonien einstudiert. Wenn man da mal infiziert ist, will man nicht darauf verzichten. Und dann: Wenn ich das Publikum sehe, freue ich mich. Da sitzen junge Leute, das ist ja auch unsere Aufgabe, ihnen diese Musik nahezubringen." Beide sind Lehrer an allgemeinbildenden Schulen. Ist es nicht sehr anstrengend, gerade jetzt zum Schuljahresbeginn so viel Zeit für das Orchester aufzubringen? "Wir sind ja nicht mehr ganz neu in dem Geschäft", sagt Eberhard Hofmann. "Wir können ja in den Sommerferien einiges vorbereiten. Und dann können wir die Probenwochenenden und die Konzerte auch genießen." Thomas Hartmann fügt an: "Wenn ich von etwas begeistert bin, setze ich Kräfte dafür frei."

Auch der Dirigent Benjamin Lack investiert viel Energie in die Arbeit mit dem Orchester. Er stammt aus Gaildorf, lebt am Bodensee, wo er einige Chöre und Orchester leitet und Domkapellmeister ist. Zudem lehrt er an zwei Musikhochschulen. Welchen Stellenwert hat da das HSO? "Ich nehme es genau so ernst wie die Ensembles, die ich beruflich dirigiere", sagt er. "Proben ist Arbeit, das Konzert ist Genuss. Ich kann mich daran erfreuen, wenn das Orchester weitgehend ohne mich funktioniert wie ein großes Kammermusikensemble. Ich darf dann dabei sein, es begleiten, Impulse geben, zuhören."

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