Waldkindergarten Das Konzept kommt an

Vesper mit selbst gekochtem Grießbrei und Apfelmus. Zum Geburtstag von Paula gibt es außerdem Muffins. Ganz hinten steht Teamleiterin Lena Kirschstein.
Vesper mit selbst gekochtem Grießbrei und Apfelmus. Zum Geburtstag von Paula gibt es außerdem Muffins. Ganz hinten steht Teamleiterin Lena Kirschstein. © Foto: Sigrid Bauer
Obersontheim / Sigrid Bauer 22.09.2018
Bald wird der Obersontheimer Waldkindergarten zehn Jahre alt. Sein Konzept kommt an: Erstmals gibt es sogar eine Warteliste. Ein Besuch im Wald am Wolfsberg zeigt: Die Kinder fühlen sich dort rundum wohl.

Dem heutigen Geburtstagskind Paula hat Teamleiterin Lena Kirschstein einen aus dünnen Zweigen geflochtenen und mit farbiger Wolle verzierten Kranz aufgesetzt. Die Sechsjährige hat für alle leckere Muffins dabei. „Danke, Paula!“, sagen die Kinder im Chor zum Abschluss des Vespers im Grünen. Schon im Morgenkreis haben sie für Paula einen Baumstumpf, der als Tisch dient, mit farbigen Tüchern geschmückt, ein Lied gesungen und mit selbst gebauten Rhythmusinstrumenten begleitet und ihr einen Geburtstagsspruch aufgesagt. „Das sind einige unserer Geburtstagsrituale. Überhaupt sind Rituale den Kindern wichtig. Sie geben ihnen Halt und strukturieren den Tag. Die Kinder fordern sie ein“, erklärt Lena Kirschstein.

Der Tag ist fest strukturiert

Der Tag ist immer ähnlich gegliedert mit Morgenkreis, Vesper und Abschlussrunde. „Bei uns gibt es aber auch einen festen Wochenablauf. Montag ist unser Maltag, am Dienstag kochen wir an unserem Herd, den wir mit Holz schüren. Heute haben die Kinder für das Apfelmus die Äpfel geschnippelt“, berichtet die Kindheitspädagogin. Am Mittwoch ist Bachtag, den die Gruppe an einem nahen Gewässer verbringt. Am Donnerstag, dem Bärentag, haben die großen Kinder 20 Minuten Vorschule und der Freitag ist der Unterwegstag.

Eine Bügelsäge als Geschenk

Besondere Ereignisse wie heute Paulas Geburtstag lassen sich gut integrieren. Heiß begehrt sind die Geschenke vom Kindergarten, immer ist es ein Werkzeug. Zum sechsten Geburtstag ist es eine Bügelsäge. „Schau mal, was man da mit dem Griff machen kann“, staunt Paula und zeigt, wie variabel der Griff befestigt werden kann. „Ich habe jetzt alles: einen Schäler (für Kartoffeln), einen Hammer, ein Schnitzmesser und die Säge“, freut sich das Mädchen.

So eine robuste Säge ist vielseitig einsetzbar. Paula spielt mit drei anderen Mädchen an einem morschen Baumstumpf und pult verrottetes Holz heraus. Ella verrührt es in einem alten Topf mit Wasser. „Das ist Sahne“, stellt sie klar. Wenig später dient der Baumstumpf als Herd, an dem man sich verbrennen kann: Das Thema beeindruckt die Kinder anscheinend, denn sie spielen es intensiv nach. Ronja ruft mit einem Stück Holz am Ohr den Krankenwagen und schildert ganz genau, was ihrer „Tochter“ passiert ist. „Das Spielen in der Natur regt die Fantasie unglaublich an. Einmal dient das Holz als Telefon, das nächste Mal ist es ein Auto oder ein Flugzeug“, veranschaulicht Lena Kirschstein.

Die Jahreszeiten erleben

„Ich finde es wichtig, dass Kinder die Jahreszeiten bewusst erleben und Lebensprozesse in der Natur wahrnehmen. Dass sie Kultur in ihrer Ursprünglichkeit kennenlernen, etwa alte Werkzeuge wie eine Apfelpresse, um Sinnzusammenhänge zu verstehen. Sie sollen erfahren, etwas selber mit den Händen zu machen, die Wirkung einfacher Werkzeuge erleben, einen Hammer, der etwas zerbricht oder eine Säge, für die man eine gewisse Geschicklichkeit braucht“, verdeutlicht sie. Damit will sie einen Gegenpol zur Anziehungskraft der virtuellen Medien schaffen und den Kindern die Grundlagen unserer heute weit fortgeschrittenen Technik zeigen.

Für ihre Kollegin Andrea Philipp ist der Wald als Riesenraum ein großer Unterschied zum üblichen Kindergarten. „Die Kinder erleben dadurch Freiheit“, ist sie überzeugt. Überschaubare Räume, Lager, bauen sich die Kinder selber oder lassen sie sich von den Eltern bauen. Eine Burg etwa ist so entstanden. Sie kann aber bestimmt auch als Schiff oder Höhle zweckentfremdet werden.

„Balancieren können die Kinder“

Andrea Philipp betont, wie geschickt sich die Kinder durch das Spielen in der Natur bewegen. „Durch das unebene Gelände werden ihre motorischen Fähigkeiten entwickelt. Balancieren üben sie nicht, das können sie einfach“, weiß sie. Elementar sei auch die Achtsamkeit gegenüber der Natur, die sie lernen. „Müll wegwerfen geht gar nicht. Das ist ihnen klar“, berichtet sie.

Ohne das Engagement der Eltern wäre der Waldkindergarten nicht möglich. „Wir haben ganz tolle Eltern, die sich sehr einbringen“, lobt Lena Kirschstein. Froh ist sie auch über die Unterstützung von Förster Timo Rieger von der Evangelischen Landeskirche, der der Wald gehört. Die Eltern haben in ihrer Freizeit eine große neue Hütte errichtet, die in Kürze eingeweiht wird. „Im Bauwagen war es im letzten Jahr für 17 Kinder einfach zu eng. Bald haben wir 18 Kinder, dann sind wir froh über die geräumige Hütte“, sagt die junge Kindergartenleiterin.

Info Seit es eine Waldspielgruppe für Kinder zwischen eineinhalb und drei Jahren gibt, steigt die Nachfrage im Waldkindergarten stark an. Es gibt inzwischen eine Warteliste. Infos: www.waldkindergarten-obersontheim.org

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel