Frühchen Das kleinste Frühchen Deutschlands wird eingeschult

VERENA BUFLER 30.08.2013
2005 kam Franziska Probst als damals kleinstes Frühchen Deutschlands zur Welt. Sie wog nur 270 Gramm. Im September wird sie eingeschult. Ihre Zukunft ist ungewiss.

Übermütig schnappt sich Franziska im Garten die Familienkatze und drückt sie an sich. Dann rennt sie zur Schaukel und nimmt Tempo auf, um kurz darauf geduldig in die Kamera des Fotografen zu lächeln. Franziska Probst ist ein richtiger kleiner Sonnenschein. Unbekümmert und freundlich geht sie auf Fremde zu – gleich ob Kinder oder Erwachsene. Im September wird das Mädchen eingeschult. So weit, so normal, könnte man meinen. Doch bei Familie Probst in Wackershofen ist nichts normal. Seitdem Franzi auf der Welt ist, stehen Mutter Sabrina (33) und Vater Thomas (31) unter Strom. Denn Franziska war ein so genanntes Extremfrühchen.

Rückblick: Sabrina Probst ist in der 25. Woche schwanger. Die zurückliegenden Wochen ist ihr Baby nicht mehr gewachsen. Und dann steht durch eine Schwangerschaftsvergiftung plötzlich ihr eigenes Leben auf dem Spiel. Mit dem Hubschrauber wird Sabrina Probst in die Uniklinik Ulm geflogen. Die Ärzte machen den Eltern wenig Hoffnung, dass ihr Baby überlebt. Am 13. Dezember 2005 wird Franziska per Kaiserschnitt geholt. Sie wiegt nur 270 Gramm und ist 24,5 Zentimeter lang. Doch sie atmet.

Weshalb Franziska im Mutterleib nicht mehr wuchs, wissen die Ärzte bis heute nicht. Nur, dass es ein wahres Wunder ist, wie gut sie sich entwickelt hat.

Drei Arzttermine pro Woche

Franziska ist mittlerweile sieben Jahre alt, wiegt 18 Kilogramm und ist 1,18 Meter groß. Geistig steht sie anderen Kindern in ihrem Alter in nichts nach. „Ihre kognitive Entwicklung ist beeindruckend“, erzählt Ulrike Narciß. Die begleitende Sonderschullehrerin kennt Franziska, seit diese vor vier Jahren in den Sonnenhofkindergarten kam. Franziska kennt alle Buchstaben und kann die Namen von Mama, Papa und ihren Cousins schreiben. Ihre Motorik dagegen ist stark unterentwickelt. Erst mit drei Jahren begann sie zu laufen; Rollator und spezielle Orthesen für Stabilität in den Gelenken benötigte sie noch lange danach. Perlen auffädeln, malen oder sich die Hose zumachen, das alles schafft sie noch nicht.

Franziska wird vielfältig gefördert: Logotherapie, Ergotherapie, Krankengymnastik und Reittherapie, dazu Besuche bei Ärzten und beim Heilpraktiker. Drei Termine pro Woche sind normal. Dadurch konnten bereits Erfolge erzielt werden. Zum Beispiel ist das Loch in Franziskas Herzen ohne Operation zugewachsen. „Es ist eine Gratwanderung zwischen ihr helfen und ihr Ruhe gönnen“, sagt Sabrina Probst. Deshalb bringen die Eltern es auch nicht übers Herz, Franziska zu zwingen, ihre Brille zu tragen. „Sie muss schon mit so vielen Einschränkungen zurecht kommen.“

"Essen ist Chaos"

Zeit, um mit anderen Kindern zu spielen, bleibt dem Mädchen wenig. Nicht einmal für den Schwimmkurs im Schenkenseebad hat es bisher gereicht. Der eng getaktete Alltag erzeugt Druck. Franzi kompensiert diesen, indem sie ihre Koffer packt und „Urlaub“ spielt. Wenn die Familie verreist, ist das für Franziska die schönste Zeit des Jahres. Dort kann sie im Wasser planschen, toben – und das alles ohne Termine.

Das Thema Ernährung bereitet Franziska weiterhin Probleme. „Essen ist Chaos“, sagt ihre Mutter. Erst seit 2012 kommt Franziska ohne Sondennahrung aus. Ihre Mundmuskulatur ist auf dem Stand einer Einjährigen. Mit Zeit und Mühe schafft sie es, kleine Portionen zu sich zu nehmen. Die Eltern haben ihre Vorstellungen von gesunder Ernährung über Bord geworfen und lassen Franziska kalorien- und fetthaltige Lebensmittel essen – Hauptsache, sie nimmt nicht ab. „Es ist kurios: Wir freuen uns, wenn sie nach Schokolade und Cola fragt.“

Nicht selten ernten sie kritische Blicke, wenn sie ihr Töchterchen im Restaurant Limonade trinken lassen. Auch sonst macht es ihnen die Gesellschaft nicht immer leicht. „Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon Vorwürfe von Fremden gehört habe, wenn ich mit Franzi im Auto auf dem Behindertenparkplatz geparkt habe“, erzählt Sabrina Probst. Dabei besitzt das Kind einen Behindertenausweis.

Eltern haben Wunsch nach zweitem Kind verworfen

Franzis Zukunft ist ungewiss. Wird sie nach dem Besuch der Grundschule Sulzdorf, wo sie in eine integrative Klasse kommt, auf eine weiterführende Schule gehen? Kann sie je einen Beruf erlernen oder ihren Führerschein machen? Fragen, die die Eltern umtreiben. Gleichzeitig wollen sie anderen Mut machen, dass sich auch ein extremes Frühchen positiv entwickeln kann. „Sie ist ein Sechser im Lotto“, sagt Sabrina Probst.

Das Hoffen und Bangen um die gemeinsame Tochter hat Sabrina und Thomas Probst zusammengeschweißt. Den Wunsch nach einem zweiten Kind jedoch haben sie verworfen. „Sie benötigt unsere ganze Zuwendung.“ Doch wenn Franziska dann ihre zarten Arme um Mama und Papa schlingt und sich an sie schmiegt, wissen beide, dass es die Mühe wert ist.