Das Heulen des Haalgeistes

LAZ 08.12.2015

Schon von Weitem hört der Passant das Geräusch der Motorsäge. Vor den Treppen zur Michaelskirche betrachten alle Schaulustigen gebannt den Mainhardter Bildhauer Ricardo Villacis bei seiner Arbeit. Winzige Holzstücke bleiben in ihren Haaren hängen. Das Heulen ist so ohrenbetäubend, dass niemand versucht, sich in ein Gespräch zu verwickeln. Villacis wehrt die äußeren Einflüsse mit Brille und Gehörschutz ab. Auch der benachbarte Imbissstand hat mit einer Plastikplane gegen die Splitter Vorsorge getroffen.

Der Künstler sägt in einer Stunde den Haalgeist aus einem in eine Werkbank gespannten Baumstumpf. Das Monster beobachtet ihn dabei. Ein verkleideter Mensch versteckt sich unter dem flauschigen, braunen Fell. Für die Feinheiten verwendet Ricardo Villacis eine zweite Säge mit einem schmaleren Blatt. Durch diese Bearbeitung kommt die schöne Maserung des Holzes erst richtig zum Vorschein.

Neben dem Schauschnitzen bietet Ricardo Villacis individuelle Skulpturen in allen erdenklichen Formen an - vom Briefmarkenformat bis zur Übergröße. Außerdem können Motorsägenkünstler in spe bei ihm Schnitzkurse besuchen. Zimmermeister Frieder Drechsel erfreut sich mit seinem begeisterten Enkel Martin an der Show. Begleitet wird er von Hermann Gramm, der bemerkt: "Für dieses Handwerk braucht der Bildhauer sicherlich viel Fantasie und Gefühl. Er muss wissen, was er will, um nichts zu verschneiden."