Historie Das Grundgerüst fürs dörfliche Leben

In früheren Jahrhunderten hat sich manchmal über den Holzeinschlag ein Streit entzündet. Auch deswegen sind, wie im Haller Raum, Dorfverordnungen entstanden.
In früheren Jahrhunderten hat sich manchmal über den Holzeinschlag ein Streit entzündet. Auch deswegen sind, wie im Haller Raum, Dorfverordnungen entstanden. © Foto: Jens Wolf/dpa
Obersontheim / Sigrid Bauer 17.04.2018

Dorfordnung, Dorfbrief, Gemeindebrief oder Dorfrecht – das sind alles gleichwertige Bezeichnungen für Dokumente, die früher das soziale Miteinander geregelt haben. Aus Gelbingen ist eine erste Dorfordnung von 1487 mit nur fünf Punkten bekannt, wie der Haller Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch den rund 50 meist älteren Zuhörern des Geschichtsforums im Obersontheimer Hospitalgebäude berichtete. Bis 1585 ist sie auf schon 58 Paragrafen angewachsen. Die Fischerei im Kocher, Holz, Vieh und Gemeindearbeiten sind Themen, die zu viel Streit geführt haben und sich deshalb in zahlreichen Verordnungen niederschlugen.

„Durch die Drei-Felder-Wirtschaft gab es erheblichen Regelungsbedarf“, nannte Maisch als Beispiel. Genauso konfliktträchtig: die Viehhaltung, besonders auf den kommunalen Weiden. „Jedes Dorf hatte eigene Regeln, wie viele und welche Tiere jeder Bauer auf diese Weiden schicken durfte“, so Maisch.

Kompliziert wurde die Rechtslage durch mehrere gleichzeitige Herrschaften. So mussten die einen Bauern im Dorf einen Teil ihrer Ernte an die Haller Stadtadligen, andere an die Hohenloher oder die Comburger Herren abgeben. Jede Herrschaft konnte zudem mit ihren Bauern eigene Dorf­ordnungen und Dorfmeister haben. „Da bestand durchaus die Gefahr, dass sich ein Streit zwischen den Dorfbewohnern zu einem Konflikt zwischen den Herrschaften auswuchs“, erklärte der Haller Historiker.

Dorfordnungen sind meist aus dem Zusammenwirken des Dorfes und der Herrschaft(en) entstanden. Der Einfluss der Parteien war recht unterschiedlich. So trafen sich die verschiedenen Herrschaften teils auf neutralem Grund, um als Antwort auf Konflikte im Dorf Ordnungen aufzustellen, wobei unklar ist, ob Gemeindevertreter beteiligt waren, während etwa von Gailenkirchen eine Dorfordnung bekannt ist, die die Dorfbewohner vor Ort erstellt haben. „Die Herrschaften haben sie nur genehmigt“, so Maisch.

Bauern organisieren sich selbst

Wie die Dorfordnungen durchgesetzt wurden, darüber ist wenig bekannt. „Die Reichsstadt Hall hat Amtsleute für die Dörfer beauftragt, allerdings waren sie selten dort, sodass die Dörfer für die Herrschaft oft eine Black Box waren“, schilderte Maisch. Die Bauern hätten ihre Arbeit selbst organisiert und das Land unter sich weiter vererbt. „Hier wurde die Herrschaft nur über die bäuerliche Abgabe ausgeübt“, erklärte der Geschichtsexperte.

Wichtig in den Dorfordnungen waren seit Mitte des 16. Jahrhunderts die Gemeindeversammlung. Wenn zu ihr geläutet wurde, musste jeder kommen. Genau geregelt war, wer wann sprechen darf, Beleidigungen waren verboten, die Mehrheit entschied. „Bei Bedarf wurde die Dorfordnung auch mal in der Versammlung vorgelesen“, weiß Maisch. Das Regelwerk legte auch die Wahl des Dorfmeisters, der für die Herrschaft der Ansprechpartner im Dorf war, fest.

Aus Obersontheim, das damals sieben verschiedene Herrschaften hatte, ist erstmals von 1538 eine „Gmeins-Ordnung“ bekannt. Anlass für die Dorfordnung waren Streitigkeiten über Gemeinvermögen wie Äcker, Holz und Fisch. Entsprechend umfangreich sind die Regeln dazu. Bis ins kleinste Detail ist etwa der Holzeinschlag festgelegt. Bann-Holz aus dem Herrschaftswald bekamen nur wenige Bürger. Ausgesucht wurde es von vier Hofmännern der Herren. Die Herrschaften versuchten ihren Einfluss auszuweiten und übertrugen Regeln aus dem Bannwald auf den Gemeindewald, etwa die Aufsicht durch die vier Hofmänner. „Dagegen wehrten sich die Obersontheimer, und 1539 wurde der Holzeinschlag erfolgreich neu verhandelt“, berichtete Kreisarchivarin Monika Kolb in ihrem Vortrag. In einer Obersontheimer Dorfordnung von 1670 wurde erstmals formuliert, wie sich die ideale Dorfgemeinschaft verhalten soll. „Solche Friedensgebote sind typisch für das ausgehende 17. Jahrhundert“, so Kolb.

Zweites Treffen

Zum zweiten Mal traf sich das Geschichtsforum des Landkreises Hall zu einer öffentlichen Veranstaltung. Letztes Jahr ging es in Rosengarten um „Gebaute Geschichte“. „Kenntnisse über Regional- und Lokalgeschichte sind wichtig, um zu verstehen, wie sich der Charakter unserer Region gebildet hat und welche historische Entwicklungen sie geprägt haben“, so Kreisarchivarin Monika Kolb. Das Forum soll auch eine Plattform für den Gedankenaustausch zwischen Heimatforschern und Geschichtsvereinen untereinander bieten. „Außerdem wollen wir das verstaubte Bild der Geschichtsforschung revidieren und die Archive nach außen öffnen“, erklärt sie.