Brustkrebs Hagemann: „Ich weiß, dass alles wieder gut wird“

Alisa Hagemann trägt die Mütze, weil sie sich derzeit einer Chemotherapie unterziehen muss. Auf Instagram gibt sie Schminktipps für Krebspatientinnen.
Alisa Hagemann trägt die Mütze, weil sie sich derzeit einer Chemotherapie unterziehen muss. Auf Instagram gibt sie Schminktipps für Krebspatientinnen. © Foto: Tobias Würth
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 07.12.2018
Alisa Hagemann hat Brustkrebs. Sie gibt ihr Tanzstudio in der Kerz auf und wird Hall-aktiv-Vorsitzende. Woher sie dafür ihre Kraft schöpft, erzählt sie im Interview.

Wie sind Sie zu Hall aktiv gekommen, der Vereinigung von 120 Händlern und Gastronomen, die Events  in Hall veranstalten?

Zufällig, durch die Shopping Night 2015, bin ich reingerutscht. Ich wurde angefragt, ganz kurzfristig die Modenschau zu choreografieren. Ich habe der  Leiterin des Stadtmarketings, Silvia Wittmann, gesagt: „Wenn ihr in diese Richtung weitergehen wollt, wäre ich die Richtige.“ Ich habe Lust  dazu, da ich das Potenzial sehe, dass Hall eventtechnisch mehr machen kann.

Wie sah die erste Modenschau  denn aus?

Am Anfang war sie sehr chaotisch. Es ist wichtig, das langfristig vorzubereiten. Für die weiteren Modenschauen in der Marktstraße hatten wir einen Vorlauf von drei Monaten.

Warum braucht das so viel Zeit?

Wir haben unsere Mitglieder angefragt und sie darüber informiert, dass man nicht nur Kleider präsentieren kann, sondern auch Küchengegenstände, Schmuck und Baustoffe.

Dann läuft also jemand mit einer Kaffeemaschine über den Laufsteg?

So einfach ist das nicht. Da kommt dann meine Kreativität ins Spiel. Ich überlege mir, wie man einen Kaffeeautomaten oder wie zuletzt eine ganz große  Pfeffermühle ins Spiel bringt. Da ist dann Show dabei. Zum Haller Herbst haben wir Backschüsseln und Schneebesen tänzerisch choreografiert.

Was sind Ihre Ziele  als neue Vorsitzende von Hall aktiv über diese Events hinaus?

Natürlich stehen die Mitglieder erst mal im Vordergrund. Wir wollen wachsen und mehr Mitglieder dazubekommen. Wir suchen auch einen Sponsor, der uns viele Möglichkeiten eröffnet. Ziel ist auch die Message: Wer sind wir? Viele wissen nicht, was hinter uns steckt. Das Thema regional einkaufen müssen wir nach vorne bringen.

Warum?

Wir müssen gegen das Onlineshopping angehen. Es gibt tolle Geschäft und super Boutiquen in Schwäbisch Hall. Das müssen wir allen verdeutlichen. Die muss man unterstützen, wenn man lokal einkauft.

Wie erreicht man das?

Schon durch die Events. Die Beratung in den Läden ist wichtig, um Kunden den Vorteil des lokalen Einkaufens klarzumachen. Hall aktiv darf nicht stagnieren. Denn die Feste müssen weiter bestehen und weiterentwickelt werden. Wir brauchen Wachstum und auch finanzielle Hilfe. Das sage ich offen und ehrlich.

Seit Oktober leiten Sie Hall aktiv zusammen mit Karl Kronmüller. Nicht immer sind alle Händler bei Aktionen dabei. Wie wollen Sie das ändern?

Das musste ich auch schon erfahren. Allerdings besteht Hall aktiv aus Händlern, Dienstleistern, Gastronomen und Einzelpersonen. Da muss man versuchen, alle mitzunehmen. Wir wollen nun transparente Konzepte entwickeln. Am Ende entscheiden die Mitglieder. Es ist  daher wichtig, Marketingsitzungen abzuhalten. Leider sind da nicht alle immer anwesend. Das ist aber schlecht, da am Ende ja ein Konzept umgesetzt wird. Das mussten wir leider bei der Shopping Night erleben: von 20 Geschäften wollten nur 2 die geplante Aktion übernehmen. Da bin ich dran und möchte mehr durchsetzen, dass alle dafür brennen, was zuvor beschlossen wurde.

Haben Sie dazu genug Freiraum?

Ich arbeite eng mit der Geschäftsführerin von Hall aktiv, das ist Silvia Wittmann von der Touristik und Marketing, zusammen. Herr Karl Kronmüller, der zweite Vorsitzende, gibt mir auch viele Tipps. Ich spreche nun eine jüngere Zielgruppe an. Ich hoffe dadurch andere Händler und Gastronomen ins Boot zu holen.

Wie sind Sie eigentlich nach Hall gekommen?

Ich absolvierte meine Ausbildung als Sport- und Fitnesskauffrau in Stuttgart. Ich war damit aber nicht ganz zufrieden und habe nach Hall gewechselt. Ich habe meine Ausbildung hier beendet und bin wegen der Liebe in Schwäbisch Hall geblieben. Meinen jetzigen Ehemann habe ich im Studio kennengelernt.

Wie ging es weiter?

Ich habe ein Jahr nach Beendigung der Ausbildung mein eigene Studio eröffnet. Das „studio A tanz & fitness“ in der Kerz war ein reines Kursstudio aus dem Tanz- und Fitnessbereich. 2012 im Mai eröffnet, dieses Jahr im Juni geschlossen nach sechs Jahren, wegen meiner Erkrankung. Aber es ist okay.

Darf ich Sie dazu befragen?

Klar.

Sie haben Brustkrebs. Wann haben Sie das erfahren?

Im Juni dieses Jahres wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Es wurde ein Knoten an der Brust ertastet. Dann erfolgte nach einer Gewebeprobeabnahme und einer Mammografie schlagartig – innerhalb von einer Woche – die Diagnose.

Wie war das?

Man glaubt es nicht. Es ist wie im Film. Man hockt dann da. Der Arzt sagt Ihnen das und dann läuft so ein innerer Film ab. Für mich war klar: Alisa, mach’ das Studio zu. Fang ein neues Leben an. Gesundheit steht jetzt für mich an erster Stelle. Leider verliert man in der Selbstständigkeit den Respekt vor sich, was Gesundheit angeht. Man muss immer da sein. Ich hatte mein Team gerade aufgebaut, um Kurse abzugeben. Als Chef von dem Ganzen ist man immer präsent.

Hat das Studio jemand übernommen?

Es wurde mir von Kollegen angeboten, dass sie es weiterführen. Ich ticke so: Wenn ich was mache, dann mache ich es  richtig. Hopp oder topp. Wenn man das so weiterlaufen lässt, hat man keine Konzentration auf sich selbst, sondern hat seinen Kopf dort.

Was folgt nun medizinisch?

Es erfolgt eine Chemotherapie in meinem Fall – je nachdem was man für eine Tumorart hat. Das geht ein halbes Jahr. Danach erfolgt eine Operation und eine Bestrahlung sowie die Reha. Wenn man krebsfrei ist, benötigt man fünf Jahre, um die Gewissheit zu haben, dass man wirklich tumorfrei ist.

Wie gehen Sie damit um?

Wie Sie sehen, sehr offen. Ich habe mir mitten in meiner Selbstständigkeit die Frage gestellt: Sagst du nichts? Aber dann kriegen sie es irgendwie raus und die Gerüchte gehen herum. Oder ich gehe gleich offen damit um. Ich habe das in einem Mitgliederbrief geschrieben. Jeder kann mir jetzt auf meinem Instagram-Blog folgen und erfahren, wie es mir geht und mir jederzeit schreiben. Ich bin zur Brustkrebs-Bloggerin geworden. Ich habe mit verschiedenen Organisationen Charity-Aktionen gemacht.

Haben Sie viele positive  Rückmeldungen erhalten?

Ja. Das ist die beste Art, damit umzugehen. Ich weiß, das  kann nicht jeder. Aber wenn man in der Stadt jemanden trifft und der weiß aus dem Instagram-Blog was  los ist, ist es leichter, ihm gegenüber zu treten. Ich merke aber auch, dass viele damit nicht umgehen können.

Machen die dann dicht?

Genau. Sie  schreiben mir viel über Instagram. Wenn sie mich treffen, können sie mir nicht in die Augen schauen.

Können Sie das verstehen?

Man muss es akzeptieren. Manchmal wundere ich mich: Warum schreibt er mir, kann mir aber nicht in die Augen blicken? Das ergreift andere Menschen wohl mehr, wenn sie direkt vor mir stehen. Es ist okay.

Ihren Alltag mussten Sie umstellen von 180 auf 0.

Es ging von 1000 auf 0 runter. Das ist richtig extrem. Ich hatte eine Sechs-Tage-Woche mit bis zu acht Kursstunden am Tag. Komplett runterzufahren ist heftig. Jetzt habe ich Termine, Arztbesuche. Man schlüpft schnell in die Rolle der Chemotherapie-Patientin.

Wo nehmen Sie Ihre Kraft her?

Meine Power? Ich war schon immer ein positiver Mensch. Mein heutiger Ehemann hat mich, das erste Mal als er mich sah, als „Wirbelwind“ bezeichnet. Das wurde in der Hochzeit aufgegriffen. Ich bin ein Stehaufmännchen. Vielleicht ist das ein Weg, noch mehr Talente in mir zu entdecken. Bei mir bestand das Leben aus Tanzen. Das erfüllt schon viel Positives, ist aber nicht alles.

Tanzen Sie noch?

Das ist nicht möglich. Es ist körperlich zu anstrengend. Ich mache dafür Yoga und gehe viel spazieren und schwimmen. Ich habe einen starken Glauben. Ich bin Christin. Es ist nicht so, dass ich den ganzen Tag bete. Aber es gibt ein gewisses Vertrauen, es gibt Mut, Dinge anzugehen, anzusprechen. Ich habe Hoffnung. Ich weiß, dass alles danach wieder gut wird. Ich habe einen inneren Frieden in mir.

Das wissen Sie?

Das weiß ich.

Michael Jackson weckte das Tanztalent in ihr

Alisa Hagemann wurde am 1. Juli 1986 in Rumänien geboren. Kurz darauf verließ die Familie das Land, da sie in der Ceauşescu-Zeit dort keine Zukunft für ihre Kinder sah. Im Alter von vier Jahren lebte Alisa daher in Sydney. Dort sah sie das Michael-Jackson-Video „Thriller“. Sie ahmte den Tanz perfekt nach und führte ihn überall, sogar im Flugzeug, vor. Die  Familie zog nach Schwäbisch Gmünd. Alisa Hagemann startete eine Ausbildung als Sport- und Fitnesskauffrau. Sechs Jahre lang führte sie ihr eigenes Tanz- und Fitnessstudio in Michelfeld. Über ihre Brustkrebserkrankung schreibt sie im Netzwerk Instagram.

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