Schwäbisch Hall / Norbert Acker  Uhr
Auch die zweite Auflage des Christopher-Street-Days in der Stadt ist ein Erfolg. Fröhlich und friedlich wird für Toleranz und gegen Hass demonstriert.

Mit einer kleinen Enttäuschung für die Organisatoren beginnt der zweite Christopher Street Day (CSD) in Hall am Samstagmittag. Die Polizei interpretiert die Demonstrationsgenehmigung der Stadt so, dass eine Überquerung der Kreuzung beim Polizeirevier nicht erlaubt ist. Man könne die Sicherheit der CSD-Teilnehmer im dortigen Bereich mit nur zwei Beamten auch nicht garantieren, sagt ein Polizist zu Vera-Kristin Hörner vom AK Politik des Club Alpha. „Das sind ja liebe und höfliche Menschen von der Polizei, aber ich verstehe nicht, warum wir das von der Stadt nicht genehmigt bekommen haben“, sagt Hörner.

Gut gemischt

Benjamin Grahm vom Orga-Team hat vor der Treppe zum Landratsamt in der Gelbinger Gasse mittlerweile ein Mikro in die Hand genommen. Die Musik – eine Playlist, die Radio Sthörfunk extra für den Haller CSD zusammengestellt hat – stoppt. „Seid bunt, seid laut“, sagt Grahm und gibt den verbalen Startschuss für den Gang durch die Gassen der Haller Altstadt. „Im vergangenen Jahr hatten wir 450 Teilnehmer. Ich schätze, es sind diesmal über 500“, sagt er auf Nachfrage. „Aber wir wollen es bewusst auch nicht so riesig haben. 5000 Menschen durch die Haller Gassen, das geht nicht.“ Grahm ist zufrieden, man habe wieder tolle Teilnehmer aller Altersschichten, „gut gemischt und gut drauf“.

CSD Christopher Street Day in Schwäbisch Hall

Beim Stopp auf dem Marktplatz bekommt der bunte Zug seinen politischen Aspekt. Silvia Wagner von der Haller Ortsgruppe der „Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus – Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN/BdA) beklagt, dass Homophobie immer noch spürbar sei, „bis in die Mitte der Gesellschaft“. Man müsse gegen den spürbaren Rechtsruck und Hass in Deutschland, Europa und weltweit ankämpfen.

Zeichen setzen

Das nächste Wort hat die gebürtige Hallerin Kerstin Schmitt, die in Leipzig lebt und dort auch beim CSD engagiert ist. Sie erinnert an die Stonewall-Unruhen vor 50 Jahren, die der Ursprung des CSD sind. Damals hatte eine Razzia in einer Schwulen-Bar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei geführt. Das Ereignis wird als Wendepunkt der Lesben- und Schwulenbewegung in ihrem Kampf für Gleichberechtigung angesehen. Aber Schmitt ruft auch zu Spenden für die Seebrücken auf, um Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten. „Diese Kapitänin ist so mutig, dass es mir die Schuhe auszieht“, sagt sie über die Kommandantin der Sea-Watch 3, die gerade von den italienischen Behörden in Haft genommen worden ist. „Lasst uns ein Zeichen setzen gegen Hass, Rassismus und Homophobie“, ruft sie den CSD-Teilnehmern zu.

Christian Gaus läuft am Samstag beim Christopher Street Day in Hall mit. Er spricht über seine Homosexualität, seinen verstorbenen Mann und Politik.

Dann setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Viele haben sich Regenbogenfarben ins Gesicht gemalt, auch die entsprechenden Fahnen sind allgegenwärtig. Passanten zücken ihre Handys, machen Fotos und winken. Boxen auf Bollerwagen beschallen den Zug mit Musik, es wird getanzt, die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen. „Ich finde es wunderschön“, sagt die frisch gewählte Haller Linken-Gemeinde- und Kreisrätin Ellena Schumacher Koelsch, die auch mitläuft.

Sebastian Mondry ist aus Freiberg am Neckar auf Einladung von Freunden zum CSD nach Hohenlohe gekommen, „normalerweise feiere ich in Stuttgart oder München mit“. Ihm ist es in Hall etwas zu klein, doch die Stimmung sei trotzdem gut.

Für die „Reisegruppe Uttenhofen“ um Nina Wieland aus dem gleichnamigen Rosengartener Teilort ist die Größe des Haller CSD genau richtig. „Das ist doch das Schöne daran, das Gemütliche und Intime“, sagt Sonja Rogge aus Fürth. Dann nimmt sie einen der kleinen mit Wasser gefüllten Luftballons, die die Gruppe vorbereitet hat, und wirft ihn einem anderem Teilnehmer vor die Füße. Der freut sich bei der Nachmittagshitze über die Abkühlung. Bei der Suche nach Kühle beweisen die CSDler viel Kreativität: Der Brunnen auf dem Marktplatz wird spontan zum Planschbecken umfunktioniert und am Grasbödele zieht es einige ins Kocherwasser.

Vielfältiges Leben

„Wir können stolz auf Städte wie Schwäbisch Hall sein“, sagt Daniel Born, der queerpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Er ist auf Einladung des SPD-Ortsvereins gekommen und ihm gefällt es sehr. Veranstaltungen wie der CSD zeigten das „großartige und vielfältige demokratische Leben in Baden-Württemberg“. Man dürfe nicht zulassen, dass rechte Kräfte dies zerstörten. „Wir müssen Fahne zeigen“, sagt er und tut genau das mit seinem eigenen Regenbogenbanner.

Am Bonhoeffer-Platz im Kocherquartier ist Endstation. Es werden noch ein paar Worte gesprochen. Dann geht es für viele CSD-Teilnehmer weiter zum Sommerfest vom Club Alpha. Wer abends immer noch nicht genug vom Feiern hatte, konnte bei Musik von drei DJanes bis spät in die Nacht weitertanzen. „Wir sind auf jeden Fall sehr zufrieden“, sagt Benjamin Grahm. „Die Aids-Hilfe Schwäbisch Gmünd hat uns gegenüber auch die entspannte Stimmung auf dem Sommerfest sowie die nicht kommerzielle Ausrichtung gelobt.“ Auch hinter den Kulissen habe alles besser geklappt als im vergangenen Jahr. Ist damit der dritte CSD sicher? „Schauen wir mal“, sagt Grahm und lächelt. Vielleicht klappt es dann auch mit der Kreuzungsüberquerung.

Das könnte dich auch interessieren:

Die hohenlohischen Unternehmen geben sich beim Zweitligisten die Klinke in die Hand.

Nach dem Brand in Uttenhofen am Freitag fängt abends noch ein Gebäude Feuer.