Etwa 15 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Baden-Württemberg arbeiteten bisher – zumindest stundenweise – im Homeoffice. Aufgrund der aktuellen Gesundheitslage sind es derzeit über 50 Prozent: „Alle, die es technisch und betrieblich können, arbeiten bei uns bis auf Weiteres von zu Hause aus“, sagt Sabine Gauger, Supportmanagerin bei Optima.

In diesen Tagen ist sie zusätzlich im Coronavirus-Task-Force-Team – einer Arbeitsgruppe, die man beim Haller Verpackungsspezialisten ins Leben gerufen hat, um die Notsituation durch die Pandemie zu meistern. Sie selbst habe in der Vergangenheit selten von zu Hause aus gearbeitet, nur an einzelnen Tagen. So sei Homeoffice bei Optima zwar kein Neuland, doch längst auch nicht breit eingesetzt gewesen. Weshalb laut Gauger über 150 Laptops angeschafft und sämtliche Onlinezugänge aufgestockt werden mussten, um das mobile Arbeiten ad hoc so umfassend überhaupt zu ermöglichen. Ähnliches wie Gauger berichten Kai Eiß von der Bausparkasse sowie Annette Retzbach von Würth, wo ebenfalls technisch aufgerüstet wurde, damit ein Gros der Büroangestellten zu Hause arbeiten kann. Die Absprachen mit Kollegen laufen nun per Video, Telefon oder Chat statt persönlich. Sonst habe sich wenig geändert.

„Die Geschäftsprozesse laufen weiter. Jeder zeigt, dass er in den eigenen vier Wänden präsent und leistungsfähig ist. Wir sind untereinander sogar enger in Kontakt als zuvor“, erzählt Sabine Gauger, die lachend anfügt, jetzt eben im Hausdress statt im Hosenanzug zu stecken. Für viel wichtiger als die im Internet häufig diskutierte Kleiderfrage hält Kai Klostermann, Experte für Unternehmenskultur, dass mobiles Arbeiten nun nachweislich im großen Stil möglich ist. Warum vor der Corona-Krise viele Betriebe in der Region dem Homeoffice gegenüber skeptisch waren, sei nicht technisch, sondern kulturell begründbar. Man setze hierzulande Leistung immer noch mit Arbeitszeit und einem bestimmten Arbeitsort gleich. „Was gerade passiert, ist, dass Führungskräfte genauso wie Angestellte über ihren Schatten springen und konventionelle Gedanken zur Arbeit hinter sich lassen müssen“, meint Klostermann. Als Softwareentwickler vertritt der 28-Jährige eine Branche, die „Arbeit 4.0“ oder „New Work“ fortschrittlich angeht. Der Wolpertshausener kann sich seine Arbeitszeit frei einteilen und selbst entscheiden, ob er in sein Büro nach Stuttgart pendeln oder von zu Hause aus tätig sein will. „Die Anforderungen haben sich verschoben. ­Techniker, Wissenschaftler, ­Vertriebsmanager oder Mitarbeiter im öffentlichen Dienst müssen oft einfach nachdenken – Konzepte schreiben, Strategien entwickeln oder etwas ausformulieren.

Untermünkheim

Notlage erzwingt Umdenken

Das lässt sich nicht in Zeit abbilden wie etwa Akkordarbeit.“ Auch Achim Berg, Präsident des Digitalverbands Bitkom, fordert im Zuge der Corona-Pandemie Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen auf, entschiedener zu digitalisieren und mobiles Arbeiten als Standard einzuführen. Dafür müsse ein radikales Umdenken stattfinden und unter anderem der starre Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden. Zudem müssten sichere Daten und stabile Internetverbindungen gewährleistet sein, die auch dann funktionierten, wenn Tausende Zugriffe auf einmal kommen. „Die Krise ist für die Betriebe ein guter Test, um festzustellen, ob ihre IT-Abteilungen in der Lage sind, das alles aufzubauen“, ist sich Kai Klostermann sicher. In der aktuellen Sondersituation laufe alles über Vertrauen. „Das ist in Deutschland rechtlich sehr schwierig. Aber das ist maximale Flexibilität.“

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Prozent aller Jobs könnten nach dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) dauerhaft im Homeoffice  erledigt werden.

Homeoffice ist umstritten


Im vergangenen Jahr haben laut Statistischem Bundesamt bundesweit rund zwölf Prozent aller Erwerbstätigen täglich oder mindestens die Hälfte der Arbeitszeit von zu Hause aus gearbeitet. In Skandinavien sind rund 28 Prozent im Homeoffice. In den Niederlanden gibt es einen Anspruch auf einen Homeoffice-Tag pro Woche.

Verschiedene Studien zeigen: Mitarbeiter sind im Homeoffice leistungsfähiger (Bürokräfte werden im Schnitt alle drei Minuten unterbrochen), arbeiten jedoch länger und können seltener abschalten, weil die klare Grenze fehlt. Zudem fehlen ihnen der kreative Austausch und die Eingebundenheit ins Team.