Die Bemühungen, um die Corona-Ausbreitung zu verlangsamen, nehmen vom heutigen Dienstag an drastischere Ausmaße an. Es sind nicht nur landesweit Kitas und Schulen geschlossen, sondern auch viele Einrichtungen des Alltags. Am gestrigen Nachmittag berichteten im Haller Rathaus Vertreter der Stadtverwaltung von den Konsequenzen einer neuen Landesverordnung.

Der Betrieb einer Vielzahl von Einrichtungen ist fortan untersagt. Dazu gehören Kultur- und Bildungseinrichtungen jeglicher Art, darunter Museen und Theater, auch das Freilandmuseum, die Volkshochschule und die Akademie der Künste. Betroffen sind auch Kinos, Schwimmbäder und Saunen, Fitnesstudios und Sportstätten, auch so kleine wie der Gymnastikraum der Haller TSG. Dazu kommen Bibliothek, Jugendhäuser, Vergnügungsstätten wie Spielhallen und Wettbüros sowie Prostitutionsstätten.

Landesverordnung gilt bis zum 15. Juni

Der Betrieb von Gaststätten wird untersagt. Vom Verbot ausgenommen sind Speisegaststätten, wenn zwischen den Tischen mindestens eineinhalb Meter Abstand herrscht. Laut Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim gehörten etwa das Restaurant Pflug zur Kategorie Speisegaststätte. Die Gastronomen müssten aber sicherstellen, dass im Falle von Infektionen Kontaktpersonen mindestens einen Monat lang nachverfolgbar bleiben. „Ich vermute, dass Tische nur über Reservierungen vergeben werden“, sagt der OB. Denn so könnten Besucher namentlich registriert werden. Ein spontaner Besuch wäre dann kaum möglich. „Ich weiß, dass es ganz gewaltige Eingriffe sind“, so Pelgrim.

Dirk Steimann, Fachbereichsleiter Kultur und Touristik, ergänzt, dass Einrichtungen wie die Ilge und das Art-Café eher Bar-Charakter hätten. Diese müssten laut Landesverordnung nun geschlossen bleiben. Annette Wagenländer, Leiterin des Fachbereichs Bürgerdienste und Ordnung, schließt Kontrollen nicht aus.

Die größte Überraschung steckt laut Pelgrim auf dem letzten Blatt der neunseitigen Landesverordnung. „Diese tritt erst am 15. Juni außer Kraft“, so der OB. Also nicht wie die Schulschließung nach Ostern, sondern erst nach den Pfingstferien.

Das könnte Konsequenzen für Großereignisse in Hall haben: Haller Frühling, Kinderfest, Kuchen- und Brunnenfest, Freilichtspiel-Premiere. Diese werden wegen des Virus SARS-CoV-2 Stand heute abgesagt. Einzige Möglichkeit: Die Landesregierung nimmt die Verordnung rechtzeitig zurück.

Der Haller Frühling werde „auf keinen Fall“ stattfinden, meint Pelgrim. Für die Freilichtspiele-­Premiere am 13. Juni hat er noch Hoffnungen. Völlig unklar sei, ob nun die Planungen für das große Pfingstfest der Sieder vom 29. Mai bis 1. Juni trotzdem fortgeführt werden.

Generell gelte, so Pelgrim, dass Veranstaltungen ab 100 Personen nicht stattfinden dürfen. „Sei es drinnen oder unter freiem Himmel.“ Hochzeiten mit maximal 100 Gästen bleiben daher erlaubt. „Wir bitten darum, zu überlegen, ob man in diesem Zeitraum heiraten muss“, so Pelgrim. Trauungen würden zwar noch abgehalten, aber nicht im Trausaal, sondern in der Hospitalkirche.

Stadt will Gebühren für Kita und Kurse erstatten

Hintergrund ist, dass auch die Stadtverwaltung Mitarbeiter schützen müsse, um so die Versorgung aufrechtzuerhalten. „Wir untersagen daher den Zugang zu behördlichen Objekten.“ Behördengänge, etwa im Rathaus, Baurechtsamt und Ordnungsamt seien nur noch nach telefonischer Anmeldung möglich. Eingeschränkt oder ganz untersagt werden auch Besuche in Kliniken, Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Öffentliche Ratssitzungen finden keine statt.

Die Stadtverwaltung tage seit 14 Tagen täglich, um weitere Maßnahmen zu besprechen. Nun sind zudem zweimal wöchentlich Pressekonferenzen angekündigt, um über aktuelle Entscheidungen zu berichten. Eine dieser Entscheidungen betrifft das Finanzielle. „Dort, wo keine Leistungen erbracht werden, werden wir keine Beträge erheben“, so Pelgrim. Gebühren für ausgefallene Kita-Betreuung würden ebenso erstattet wie die für ausgefallene VHS-Kurse.

54 Kinder in der Notbetreuung


In Hall wurde eine Notbetreuung eingerichtet. Anspruch haben Kinder bis zur Klassenstufe 6, sofern beide Eltern beziehungsweise der alleinerziehende Elternteil in systemrelevanten Berufen tätig sind. Christoph Klenk, städtischer Fachbereichsleiter für Frühkindliche Bildung, Schulen und Sport, berichtet, dass aktuell 26 Kinder für Krippe und Kita im Alter von ein bis sechs Jahren sowie 26 Kinder im Grundschulalter angemeldet sind. Dazu kommen noch zwei Kinder der weiterführenden Schulen Klasse 5 und 6. Hierzu werden nach aktuellem Stand Räume in der Grundschule Breit­eich sowie Kreuzäcker genutzt, außerdem Kita-Räume in der Breit­eich, Waldorfschule, Diak und Kreuzäcker.

Die Gruppengrößen werden laut Klenk auf fünf beschränkt. Angemeldete Kinder würden vor dem Eintritt auch auf Körpertemperatur geprüft. „Gelangt ein Virus dort hinein, legt man gleich eine hohe Anzahl an Personen aus systemrelevanten Bereichen lahm“, argumentiert Klenk.

Die Hotline zur Anmeldung für die Notbetreuung ist werktags von 9 bis 14.30 Uhr besetzt: 07 91 / 7 51-3 70 thumi

Weitere Corona-Folgen


Einkaufsservice eingerichtet

Die Stadt Hall bietet ab sofort einen Einkaufsservice für Menschen an, die aufgrund ihres Alters oder einer Vorerkrankung ein höheres Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf bei Infizierung mit dem Coronavirus haben. Diesen Menschen empfiehlt das Robert-Koch-Institut, zu Hause zu bleiben und persönliche Kontakte auf das Notwendigste zu reduzieren. Menschen, die in Hall nicht über Familie, Nachbarschaft oder Bekannte mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln oder Produkten aus der Apotheke versorgt werden können, können täglich bis 12 Uhr Bestellungen unter Telefon 07 91 / 7 51-2 94 abgeben. Die Waren werden am selben Tag ausgeliefert und müssen dann bezahlt werden. Dieser Einkaufsservice wird vom Mehrgenerationenhaus organisiert. Damit will die Stadt laut OB Pelgrim auch den Machenschaften von Trickbetrügern vorbeugen.

Freizeitangebote abgesagt

Die Stadt Hall sagt sämtliche Betreuungsangebote in den Osterferien ab. Das betrifft sowohl das Ferienangebot am Heimbacher Hof als auch die Ferienprogramme an den Grundschulen Kreuzäcker und Rollhof. Bereits bezahlte Gebühren werden erstattet. Geschlossen wird auch der Jugendraum Riverside im Alten Schlachthaus sowie Jugendräume in Tüngental und im Solpark sowie der Kindertreff Gruffel an der Grundschule Hessental.

Gebäude geschlossen

Die Stadtverwaltung bittet, nicht dringende behördliche Angelegenheiten zu verschieben. Die Gebäude sind für die Öffentlichkeit geschlossen. Dringendes könne nur nach telefonischer Anmeldung erledigt werden.Bürgeramt: 07 91 / 7 51-2 42

Ausländerbehörde: 7 51-3 40

Standesamt: 7 51-5 00

Wohngeldstelle: 7 51-2 58

Bußgeldstelle: 7 51-3 73

Verkehrsbehörde: 7 51-4 44

Gewerbe- und Polizeibehörde: 7 51-4 22

Stadtkasse: 7 51-4 55

Steuern: 7 51-4 97 oder -4 27

Zentrale Vergabestelle Finanzen: 7 51-4 69 oder -4 60

Hospitalstiftung: 7 51-6 43

Baurechtsamt: 7 51-4 25

Tourist-Information: 7 51-6 00

Notbesetzung im Gericht

Zum Schutz der Beschäftigten und Verfahrensbeteiligten sowie Besuchern beschränkt das Amtsgericht den Publikumsverkehr „auf ein unabdingbar erforderliches Maß“, schreibt die Behörde. Bis vorläufig 19. April arbeite das Gericht mit Notbesetzung und stehe nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Gerichtliche Sitzungen würden „auf das zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zwingend erforderliche Maß reduziert“. Dazu gehörten Eilsachen, Haft- und Ermittlungsrichtertätigkeiten sowie Fortsetzungstermine in Strafsachen. thumi