Schwäbisch Hall Clemens Giebel spielt auf der Großen Treppe in Hall Don Juans Diener Sganarelle

Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 19.08.2015
Mit Regisseur Thomas Goritzki hat er bereits vor zwölf Jahren zusammengearbeitet, in Hall ist er heuer zum ersten Mal: Clemens Giebel verkörpert in Molières "Don Juan" den Diener Sganarelle: ein Mann im Zwiespalt.

Um diesen Herrn ist der Diener Sganarelle wahrlich nicht zu beneiden: Don Juan schert sich um nichts, kennt weder Moral noch Anstand, ist ein liebeheuchelnder Egomane und die personifizierte Maßlosigkeit. So jemanden dienen zu müssen, ist ein hartes Los - und das treibt Sganarelle schier in den Wahnsinn. "Oft muss ich das, was mir zuwider ist, auch noch bejubeln", jammert er lautstark auf den Stufen vor St. Michael. Der Schauspieler Clemens Giebel schlüpft bei den Freilichtspielen Hall in die Figur dieses ewig Hin- und Hergerissenen. Don Juan und Sganarelle seien quasi "schicksalhaft aneinander gekettet", erklärt Giebel, "sie ergeben ein System, das sich gegenseitig bedingt".

Noch dreimal lässt sich vortrefflich mit ihm mitleiden, wie er als Sganarelle mit seinem von Max Tidof verkörperten Herrn hadernd über die Stufen tänzelt und ständig versucht, ihm ins Gewissen zu reden - vergeblich freilich. Von heute, Mittwoch, bis einschließlich Freitag, schimpft dieser Bedenkenträger Sganarelle noch abends auf der Treppe über Don Juan, steht ihm aber auch bei - ein zum Duckmäusertum verdammter und herrlich komischer Kerl.

Regisseur Thomas Goritzki und Schauspieler Giebel kennen sich von früheren Projekten aus Braunschweig. "In drei Stücken haben wir zusammengearbeitet", erzählt Giebel, der von 2002 bis 2010 Ensemblemitglied des Staatstheaters Braunschweig war. Sechs Jahre hatten sich die beiden nicht mehr gesprochen, dann sei im Frühjahr ein Anruf gekommen, erzählt Giebel, ihm wurde die Sganarelle-Rolle angeboten. So einen Vertrauensvorschuss zu bekommen, sei schön. "Thomas bringt einem viel Respekt und Vertrauen entgegen, das gibt einem auch eine gewisse Freiheit", erklärt Giebel, der außer Goritzki und Ausstatter Heiko Mönnich im Haller "Don Juan"-Ensemble vorher niemanden kannte.

Überhaupt war Hall für den 41-Jährigen bislang ein unbeschriebenes Blatt. Er wusste zwar von der Treppe als Bühne, hat sie vor Probenantritt auch mal gegoogelt. Dann aber direkt vor und auf ihr zu stehen, "da dachte ich schon ,wow", räumt der Schauspieler ein. Doch mit der Arbeit an der Inszenierung verliere die Treppe ihren Schrecken, "das empfindet man dann nicht mehr als steil". Seine Frau - sie ist ebenfalls Schauspielerin und Ensemblemitglied am Theater Regensburg - habe anfangs vermutet, dass zunächst auf einer Probebühne gearbeitet werde, erzählt Giebel. Aber nein - vom ersten Tag an wurde im Original-Bühnenbild geprobt: der Treppe. Und dann auch noch in aller Öffentlichkeit - "aber nach ein, zwei Tagen hat man sich daran gewöhnt".

Geboren wurde Clemens Giebel in Köln. Sein Schauspiel-Studium absolvierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Er hatte sich zwar zunächst auch parallel auf ein Musikstudium vorbereitet - immerhin hatte er Klavier-, Schlagzeug- und Gitarrenunterricht -, blieb aber bei der Schauspielerei. Obwohl: Die Liebe zur Musik pflegt er weiterhin, spielt verschiedene Instrumente ("ich bin ein Multidilettantist") und hat nach etlichen musikalischen Projekten vor zwei Jahren mit der Musikerin Rebekka Maier die Band "Cato Janko" gegründet. Wie das klingt? "Wenn eine Schublade, dann bitte ,deutschsprachiger Elektro-Pop", sagt Giebel lächelnd.

Die Musik ist für ihn ein weiteres Standbein, so übernahm er zum Beispiel die musikalische Leitung und produzierte die Musik für "Diener zweier Herren" und "Peterchens Mondfahrt" am Theater Regensburg. Das Zaubern, was er schon als Kind anfing, ist noch so eine Giebelsche Leidenschaft. Die habe wiederum viel mit Theater zu tun, betont er und zitiert den Illusionisten Jean-Eugène Robert-Houdin: "Ein großer Zauberer ist ein Schauspieler, der einen Zauberer spielt." Doch um ein guter Magier zu sein, müsse man hart daran arbeiten - dies sei nicht einfach mit den anderen Standbeinen zu vereinbaren. Zudem ist Giebel Familienvater, hat eine neunjährige Tochter, die ihren Schauspiel-Eltern auch gerne mal mit Text-Abhören hilft. Also beschloss Giebel, die Zauberei als Hobby zu betreiben - "eine gute Entscheidung".

Giebels Sommer in Hall geht bald zu Ende. Was danach kommt? "Mal sehen" - jedenfalls wird er vielen Freilichtspiele-Besuchern als hin- und hergerissener Sganarelle in Erinnerung bleiben.

Zur Person vom 19. August 2015

Clemens Giebel wurde 1974 in Köln geboren. In Frankfurt am Main studierte er Schauspiel. 1998 wurde er ans Theater der Stadt Heidelberg engagiert, von 2002 bis 2010 ans Staatstheater Braunschweig. Seither arbeitet er als freier Schauspieler, tritt auf Bühnen von Bremerhaven bis Regensburg auf und steht vor der TV-Kamera. 2013 gründete er die Band Cato Janko. Ein Hobby: Zauberei.

SWP

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