Schwäbisch Hall Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zu Gast bei Würth-Akademie

Wolfgang Schäuble wird von Norbert Heckmann begrüßt. Der Geschäftsführer des Mutterunternehmens  Adolf Würth GmbH und Co.KG bezeichnet den Gast als einen der größten Brückenbauer Europas.
Wolfgang Schäuble wird von Norbert Heckmann begrüßt. Der Geschäftsführer des Mutterunternehmens  Adolf Würth GmbH und Co.KG bezeichnet den Gast als einen der größten Brückenbauer Europas. © Foto: just
Schwäbisch Hall / JÜRGEN STEGMAIER 29.06.2016
Was jetzt zu tun ist … Wie es weitergeht ... Warum es so weit gekommen ist ... Weiterhin lassen Schlagzeilen den Eindruck entstehen, als sei Europa ein simples Spiel das gelingt, wenn man einfachen Regeln folgt.

War das Insekt etwa im Auftrag des britischen Geheimdiensts unterwegs? Immer und immer wieder flog es vor dem rot-schwarzen Vorhang über die Bühne. Vielleicht war es ja auch eine 007-Minidrohne auf Erkundungsflug im unmittelbaren Umfeld eines einflussreichen Finanzmanagers? Jedenfalls ließ sich Wolfgang Schäuble von dem kleinen Flugobjekt nicht beeindrucken und schon gar nicht irritieren. Geheimnisverrat beging er ohnehin nicht.

Was jetzt zu tun ist … Wie es weitergeht ... Warum es so weit gekommen ist ... Weiterhin lassen Schlagzeilen den Eindruck entstehen, als sei Europa ein simples Spiel das gelingt, wenn man einfachen Regeln folgt. Dass es so nicht ist, ahnten viele schon vor der Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen.

Wolfgang Schäuble machte bei seinem Besuch am Montag in Künzelsau deutlich, dass es nicht reicht, Europa gesundbeten zu wollen. „Wir sollen und können den Menschen nicht vorschreiben, was für ein Gefühl sie haben sollen. Die Politik muss die Menschen so annehmen, wie sie sind und Lösungen für die Probleme anbieten“, sagte der Bundesfinanzminister in der Freien Schule Anne-Sophie vor 420 geladenen Gästen, „und zwar schnell“. Unter den Zuhörern waren Bausparkassen-Chef Reinhard Klein und sein Vorstandskollege Jürgen Gießler, Bettina Würth, Stiftungsbeiratsvorsitzende des Würth-Konzerns, Robert Friedmann, Top-Manager der Würth-Gruppe, IHK-Hauptgeschäftsführerin Elke Döring sowie IHK-Präsident Harald Unkelbach.

Morgens noch eine Tour mit dem Handbike

Wolfgang Schäubles Besuch war lange schon angekündigt. Viele fragten sich, ob der Finanzminister des wirtschaftsstärksten europäischen Landes wenige Tage nach dem Brexit-Entscheid tatsächlich die Zeit haben würde, für einen Vortrag nach Künzelsau zu kommen. Bevor er sich am Montag auf seine Tagestour über Augsburg und Fürth nach Hohenlohe aufgemacht hatte, fand er die Zeit, in seiner Heimat Offenburg noch eine Runde mit seinem Handbike zu drehen.

„Nach dieser Aufregung in England sollten wir einen kühlen Kopf bewahren“, mahnte der 73-Jährige. „Europa ist in einem kritischen Zustand.“ Für Schäuble ist nach der Entscheidung auf der Insel klar: „Wir dürfen nicht so weitermachen wie bisher.“ Die Menschen seien keineswegs gegen eine europäische Einigung. Friede, Sicherheit und Stabilität ließen sich durch einzelne Staaten allein nicht gewährleisten. Es brauche ein Bündnis. „Wir müssen uns stärker um unsere Nachbarschaft kümmern“, fordert Schäuble. Diese sieht der CDU-Politiker nicht nur an den unmittelbaren Landesgrenzen, sondern in einer Region, die sich vom mittleren Osten bis nach Nordafrika erstrecke.

Eine einheitliche Flüchtlingspolitik steht für Schäuble ganz weit oben. Wie man ein Abkommen mit der Türkei gefunden hat, so müsse Europa auch eines in einem nordafrikanischen Land anstreben. Der Strom solle aufgehalten werden, ehe die Flüchtenden in nicht seetüchtige Boote steigen und möglicherweise im Mittelmeer ertrinken.

Zeigen, was Europa besser kann als ein einzelnes Land

Einen Schlüssel für die Akzeptanz Europas sieht Schäuble im schnellen Umsetzen von guten Ideen. „Wir müssen den Menschen jetzt zeigen, was Europa besser kann als ein einzelnes Land.“ Konzepte gebe es genug. Weitere zu entwickeln sei brotlose Kunst. Dass die Langsamsten das Tempo bestimmen, sei nicht weiter hinnehmbar. „Es müssen jetzt diejenigen vorangehen, die bereit sind, die Probleme zu lösen. Die anderen werden dann schon kommen“, appellierte der Mann, der so lange im Deutschen Bundestag sitzt wie kein anderer.

Um das Vertrauen der Menschen wieder zu erlangen, müssten die Hauptsorgen – Flucht, wirtschaftliche Stabilität, Sicherheit, Friede – schnellstmöglich angepackt werden. „Wir brauchen jetzt keine langen Verhandlungen, in denen alles kleingeredet wird.“ Zumindest den Würth-Leuten dürfte diese Forderung nach einer schnellen Umsetzung eines Plans vertraut sein. Der Konzern ist dafür bekannt, dass nicht lange gezappelt wird. Der Bau der Start- und Landebahn am Haller Flugplatz, verschiedene Logistikzentren, unlängst ein neues Verwaltungsgebäude sind Beispiele dafür– und das neue Kongresszentrum in Gaisbach, Einweihung nächstes Jahr, ist seiner Zeit voraus.

Das Insekt, das anfangs noch quer über die Bühne und um Schäuble herumgebrummt war, verschwand nach einer halben Stunde plötzlich. Entweder wurde es vom EU-Bürokratiemonster gefressen oder es ist überschuldet unter den Euro-Rettungsschirm gekrochen. Falls es doch eine britische Minidrohne war, wurde sie wohl im Auftrag ihrer Majestät heimgeholt.