Tierwelt Buffalo Bill wartet um die Ecke

Guido Seyerle 13.01.2018

Eine große Bisonherde galoppiert durch die offene Steppe. Der trockene Boden vibriert vom Gewicht der riesigen Tiere. Von Weitem ist Buffalo Bill zu erkennen, der diese Herde aufmerksam beobachtet … Karl May und seine Geschichten über den Wilden Westen lassen grüßen. Doch diese Szene könnte sich genauso in Hohenlohe zugetragen haben. Familie Humpfer im Schrozberger Teilort Standorf züchtet Bisons. Von ihrem Wohnzimmerfenster aus schweift der Blick des Besuchers weit über die Hohenloher Ebene. Da passen die folgenden Worte besonders gut, wenn Katrin Humpfer (36)  Hans Graf von Lehndorff zitiert: „Das Licht so stark, der Himmel so hoch, die Ferne so mächtig.“

Es gab für die Humpfers einige Herausforderungen zu meistern, bis die ersten Bisons im Februar 2017 auf dem idyllischen Gelände in Standorf einziehen konnten. Eigentlich hat die Familie, deren Wurzeln auf dem Hof ab dem Jahr 1735 urkundlich belegt sind, genug zu tun. Gemeinsam mit den Eltern und vier Mitarbeitern werden 80 Kühe versorgt, 80 Hektar Land bewirtschaftet und mit der betriebseigenen Biogasanlage wird seit 2009 laut Joachim Humpfer „bis auf ein Haus ganz Standorf beheizt“. Doch die Familie interessiert sich sehr für Tiere aller Art. Am Rande des Bachs Schandtauber werden edle Pferde der Rasse Trakehner gezüchet. In zwei Gebäuden auf der Humpfer-Ranch sind die Stuten, die Aufzuchtjährlinge und nebenan die Hengste untergebracht. Auf einem ver­blichenen Foto ist Joachim Humpfers Großvater auf einem Trakehner sitzend zu erkennen, die Arbeit mit den Pferden steckt dem Diplom-Agraringenieur im Blut. Als das Gespräch auf die finanziellen Erlöse der Zucht kommt, lächelt der 39-Jährige in Richtung seiner Frau: „Katrin hat 2007 das Thema aufgebracht. Die Pferde dienen eher zur Kapitalvernichtung.“

Ruhig und beschaulich

Allerdings haben sich die gebürtige Heidenheimerin und der Standorfer nicht über das Thema Tiere kennengelernt. Die Realschullehrerin sagt lachend: „Wir haben uns das erste Mal an einer Tankstelle in Dinkelsbühl gesehen. Als ich dann hier war und wir gegrillt haben, dachte ich: Das ist ruhig und beschaulich. Und in Hohenlohe ist auch der Himmel so weit!“ Von der Bisonzucht hat die heute zweifache Mutter in diesem Moment noch nichts geahnt. Das Thema kam erst 2015 auf. In einem Edeka-Markt entdeckten die beiden Werbung für Bisonfleisch. Katrin Humpfer erkundigte sich bei einer Verkäuferin, woher das Fleisch kommt – aus den USA oder Kanada. Dabei erreicht der Kilopreis leicht das Zehnfache von Rindfleisch. Danach stand der Plan fest. Die beiden schauten sich nach Bisonhaltern in Deutschland um. In der Nähe von München wurden sie fündig. Die Hofmetzgerei Wiesheu beliefert auch das Oktoberfest mit Bisonfleisch, deren ersten Tiere wurden vor rund 20 Jahren importiert. Derzeit gibt es nur rund 1000 Bisons in Deutschland.

Bisons statt Milchkühe

Da sich der Milchpreis damals erneut in einem tiefen Tal befand, beschlossen Humpfers, in die Bisonzucht einzusteigen. Im Februar 2016 orderten sie trächtige Bisonkühe in der Eifel. Doch vor dem Halten der Tiere muss der „Sachkundenachweis Bison“ erworben werden. „Da gab es ein Problem: Niemand wusste, wie wir diesen erwerben können“, erzählt der Landwirt. Nach längerem Hin und Her einigte man sich mit dem Landwirtschaftsamt darauf, dass die Humpfers vor drei Veterinären einen schriftlichen Test ablegen müssen. Diesen bestand das Ehepaar auf Anhieb, allerdings war viel Zeit verstrichen. Der Tiertransport aus der Eifel musste innerhalb von zwei Tagen vonstattengehen, da der Zeitraum der Genehmigung auslief. Vier Tiere ließen sich verladen, die fünfte Kuh nicht. Joachim Humpfer musste noch einmal in die Eifel fahren und diese auf den allerletzten Drücker nach Hohenlohe bringen. Nun fehlte nur noch ein Puzzleteil: ein Bulle. Käuflich war keiner zu bekommen, also besorgten sich die Humpfers einen Mietbullen. „Er darf zwei Jahre mit sieben Frauen verbringen“, erklärt Katrin Humpfer. „Dabei geht die Brunftzeit von Juli bis September, die Tragezeit beträgt 280 Tage.“ Sobald sich eine Herde gebildet hat, die regelmäßig für Nachwuchs sorgt, wollen die Landwirte damit beginnen, einzelne Tiere auf der Weide zu schießen. Dies wird frühestens 2019 der Fall sein.

Trockenen Hufes unterwegs

Beim Besuch der mehr als zwei Hektar großen Bisonweide direkt an der Schandtauber wird klar: Die teilweise über 1,5 Tonnen schweren Tiere haben viel Platz. Aus dem langen Gras steigt ein würzig-feuchter Duft auf. Die Züchter erklären, während sich die Tiere in sicherem Abstand bewegen: Die Bisons leben in der freien Natur, das Fleisch ist derzeit ein exklusives Produkt von hoher Qualität. Sollte das Winterwetter nicht steppentypisch trocken sein, können sich die Tiere in einen Offenstall zurückziehen, damit ihre Hufe nicht zu lange in der feuchten Erde stehen. Um die Bisons in regelmäßigen Abständen tierärztlich zu untersuchen, müssen sie immer wieder eingefangen werden. Humpfers lachen herzhaft, als sie von den ersten Versuchen erzählen: „Nach einem Tag hatten die Bisons unsere Rinder-Fanganlage zerlegt.“ Abhilfe soll eine speziell verstärkte Fanganlage schaffen, die aus Kanada importiert wurde. Joachim Humpfer kommentiert: „Dazu muss man schon ein wenig abenteuerlich drauf sein.“ Seine Frau ergänzt, während sie auf die Weide schaut: „Ich sage immer wieder gerne Cowboy zu meinem Mann. Wir sind verrückt genug.“ Sie schätzt an den Tieren, dass sie „kräftig und urig“ sind: „Wenn ich am Zaun stehe und der Bulle brummt, das hat was.“

Bisonfleisch gibt es bei den Landwirten bereits zu kaufen. Dieses stammt von befreundeten Betrieben. Es entwickelt am Gaumen eine Mischung aus feinen Wild-, Leber- und Rindaromen und ist sehr zart. Kilopreis des cholesterinarmen Fleisches: rund 100 Euro. Ob Karl May je selbst Bisonfleisch gegessen hat, ist nicht belegt. An einen Freund schrieb der Schriftsteller 1894 zum Thema Bison: „Buffalo Bill kenne ich persönlich, er war Spion und guter Führer.“ Wer weiß, ob beim demnächst anstehenden Fasching nicht dieser Bisonjäger mit seinem markanten Kinnbart irgendwo bei den Humpfers gesichtet wird.

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