Bürger retten ihren Theatersteg

Ja, er steht noch: Der Theatersteg sollte vor 30 Jahren abgerissen werden. Bürger verhinderten das. Foto: Würth
Ja, er steht noch: Der Theatersteg sollte vor 30 Jahren abgerissen werden. Bürger verhinderten das. Foto: Würth
TOBIAS WÜRTH 02.02.2013

Ein Sturm der Entrüstung prasselte Anfang Februar 1983 über die Haller Stadtverwaltung herein. Vor 30 Jahren wollte sie den Theatersteg - der vom Spielplatz am Unterwöhrd zum Seniorenwohnheim führt - abreißen. Er sei "entbehrlich".

Bürger, die über den Fluss wollen, könnten genauso gut die neu angelegte, steinerne Furt daneben benutzen. Den gibt es heute noch. Oder sie könnten einfach den Roten Steg nutzen.

Die Verwaltung hatte die Rechnung ohne die Bürger gemacht. Zwar stimmte der Gemeinderat der "Einziehung des Theaterstegs" mit 20 zu 11 Stimmen zu. Allerdings machten 372 Haller im "Entwidmungsverfahren" schriftliche Eingaben, forderten den Erhalt der Brücke. Nur ein Bürger stellte sich dabei hinter den Vorschlag der Verwaltung.

Was für die Idee der Verwaltungsspitze unter Oberbürgermeister Karl-Friedrich Binder spricht: Der Steg, damals schon 50 Jahre alt, war nicht so bequem wie heute zu benutzen. Es existierten noch keine Rampen - er war nur über Treppenstufen zu erreichen. Selbst von vielen Bürgern wurde er in seinem damaligen Zustand als "hässlich" empfunden. In einer Eingabe schlug einer vor, Eisenstangen mit Holz zu verzieren und am Geländer Blumenkästen anzubringen.

Der Theatersteg hat seinen Namen von dem "Komoedienhauß". Im Jahr 1782 beschloss der Rat der Stadt, das heute Schafstall genannte Gebäude (das wohl nie ein Schafstall war) von einem Magazin in ein Theaterhaus umzuwandeln. Noch heute wird dort gespielt: Gerhards Marionetten faszinieren mit ihren Auftritten an dünnen Fäden.

Worin sich die Stadtverwaltung täuschte: Selbst heute noch nutzen häufig Bürger wohl mindestens genauso oft den Steg, wie die niedrige, steinerne Brücke über die Furt daneben. Ein Grund dafür mag sein, dass die unebene Steinbrücke eben doch nicht so "bequem benutzt werden" kann - wie es die Stadtverwaltung damals anpries.

Während die Räte über den Abriss des Theaterstegs diskutierten, war der bereits auf Tauchstation gegangen. Um Fußgänger nicht durch das Winterhochwasser zu gefährden, sperrte der Bauhof den Steg mit einem Gitter ab. Das riss ein Wutbürger - wie man ihn heute nennen würde - ein. Er brachte ein Schild an: "Wenn Politik und Gemeinderat nichts tun, dann muss der Bürger selbst handeln."

Sein Wunsch wurde erfüllt. Der Gemeinderat nahm seinen Beschluss, den Theatersteg abzureißen, weil er nicht mehr in die Landschaft passe, zurück. Die Brücke steht heute noch, wurde über die Jahre erneuert, ist ein beliebter Weg über den Fluss.