Dort wurde es zu klein.“ Dieser Satz fällt öfter, wenn Martin Röther über die Entwicklung seines Textilhandels spricht. Diesen kennt man heutzutage in ganz Deutschland unter dem Namen Modepark Röther.

1969 – mit dem Auto in Dörfern und auf Märkten unterwegs. 1972 – Blockgasse, nach zwei Jahren zu klein. 1974 – Neue Straße, nach neun Jahren fehlen die Entwicklungsmöglichkeiten. 1983 – Haalplatz, nach 13 Jahren wird es viel zu eng. 1996 – Kerz, kaum eröffnet, schon zu klein.

Röthers Modehandel wuchs in den ersten 25 Jahren stürmisch, seit 1996 wie ein Orkan.

Der Seniorchef trägt einen dunklen Anzug, ein burgunderfarbenes Hemd und eine gestreifte Krawatte. Dazu könnte man sich schwarze Lederschuhe vorstellen, doch Martin Röther trägt bequeme Sneakers. Das passt. Der Mann, der heute 80 Jahre alt wird, verlässt sich auf seinen Geschmack. Er sucht sich seine Kleider selbst aus. „Mich kann niemand bedienen“, sagt er. Auf Empfehlungen verzichtet er gerne. Khaki-Farben mag er nicht. Leiten lässt er sich nicht nur bei der Kleiderwahl von seinem Grundsatz: nicht abheben, immer auf dem Boden bleiben.

23 000 Kunden am Tag. 400 Marken. 1,7 Millionen Stammkunden. Die Zahlen beschreiben eine Entwicklung, die sich Martin Röther als junger Mann nicht hätte vorstellen können.

Weil die Lehrstellen in den Nachkriegsjahren rar waren, ließ sich Martin Röther, der auf einem Bauernhof in Gaildorf groß geworden war, auf eine Ausbildung zum Metzger ein. Nach dem Abschluss arbeitete er im Verkauf. Das liegt ihm. Er kann gut mit Menschen.

Unterwegs von Dorf zu Dorf

Sein Schwiegervater, Paul Pabst, verdiente sein Geld zu dieser Zeit mit dem Handel von Textilien. Mit dem Auto fuhr er Dörfer und Märkte ab. Manchmal war der junge Martin Röther mit dabei. Als Paul Pabst an den Folgen einer Krankheit starb, ließ sich Martin Röther ein Vierteljahr Urlaub geben, um den Kleiderhandel fortzuführen. Er hatte das Angebot seines Arbeitgebers, nach drei Monaten zurückkehren zu können. „Aber ich wusste schon am zweiten Tag: Ich komme nicht zurück.“ 1969 machte er sich selbstständig. Er war gerne von Dorf zu Dorf unterwegs und oft ein willkommener Gast. In Beltersrot half er einem Bauern beim Schlachten.

Martin Röther hatte Erfolg. Manchmal sei er mit dem Kassieren nicht nachgekommen. Kunden und andere Standbetreiber mussten helfen. Er orientierte sich am Geschmack junger Leute. Nicht selten fuhr er nachts in die Kleiderfabriken der Region und kaufte Ware nach, um sie tags darauf anzubieten. Die Kunden auf den Märkten schätzten sein Augenmaß. Auf der Muswiese in Rot am See war sein Stand meist eng umstellt. Röther schaute sich den Kunden an und nannte spontan die passende Größe.

Bereits 1972 kaufte er sich ein Haus in der Haller Blockgasse. Der Verkäufer hatte zunächst Zweifel an der Solvenz des Interessenten. Doch Röther zahlte, ohne einen Kredit aufzunehmen.

Als das Glashaus auf dem Milchmarkt gebaut wurde, bewarb sich Röther, wurde aber von Verwaltung und Gemeinderat abgelehnt. Daraufhin baute der Unternehmer im Michelfelder Handelsgebiet Kerz. Bedenken zu diesem Schritt gab es genug, sie kamen aus der Stadtverwaltung, dem Gemeinderat und selbst dem Verband der Textilhändler.

Schaltzentrale im Kerz

Dennoch entstand nahe der B 14 der erste Modepark. Parallel dazu lief noch das Geschäft am Haalplatz. Doch dort war nach der Eröffnung im Kerz kaum noch was los, wie seine Frau Margit Röther deutlich macht. Wenig Umsatz in der Innenstadt, hoher Umsatz auf der grünen Wiese – diese Erfahrung prägte die weiteren Entscheidungen.

Der Modepark im Kerz ist zur Schaltzentrale des gesamten Unternehmens geworden. Dort sind die organisatorischen Einheiten für alle Standorte konzentriert.

Wichtig ist Martin Röther, dass alles seine Ordnung hat. Früher hat er vor seinem Geschäft in der Stadt im Arbeitskittel die Kippen aufgelesen. Manche dachten, er sei der Hausmeister. Heute kümmert er sich noch um die Außenanlagen oder zerbrochene Fensterscheiben.

Schneller als die Ladendiebe

Kein Pardon kennt er mit Ladendieben. „Früher habe ich die alle erwischt. Ich war sehr schnell“, sagt Martin Röther. Einmal wurde er per Telefon darüber informiert, dass ein Dieb im Michelfelder Modepark zugange war. Röther war mit einem Auto unterwegs. Er ließ sich den Dieb beschreiben. Tatsächlich sah er den Übeltäter kurze Zeit später als Tramper an einer Straße stehen. Er bot ihm freundlich die Mitfahrgelegenheit an. Samt Dieb und gestohlener Ware fuhr er zurück zum Modepark. „Dort flüchtete der Übertäter. Ich konnte ihm nicht folgen, weil ich Birkenstocks anhatte. Aber wir hatten die Ware wieder“, erinnert sich Martin Röther.

Nicht an allen der inzwischen 44 Standorten waren Röthers Modeparks gerne gesehen. In Aalen stellte sich die Werbegemeinschaft quer. In Heilbronn erreichten 105 Einzelhändler einen Baustopp. In Tuttlingen hatte Röther bereits gekauft, durfte dort aber nicht eröffnen. Er vermietete das Gebäude an den Haller Baumarktbetreiber Dieter Häsele.

Alles unter einem Dach

Warum ist Röther so erfolgreich? „Wir haben gute Qualität in der mittleren Preisklasse. Und alles unter einem Dach“, erklärt der Seniorchef. Wichtig seien auch kostenlose und breite Parkmöglichkeiten.

Sorgt sich Röther vor dem
Online-Handel? „Nein“, sagt der 80-Jährige. Erstens baut das Unternehmen das Internet-Geschäft auf, zweitens gebe es genug Menschen, die die Kleidung anprobieren, sehen und anfassen wollen, ehe sie sie kaufen.

Warum hört Martin Röther nicht mit dem Arbeiten auf? „Ich kann nicht so einfach loslassen, wie ich will. Das habe ich alles aufgebaut. Das ist mein Lebenswerk“, sagt der Seniorchef und beschreibt mit seinen Armen einen großen Kreis.

Metzger, fliegender Händler, Unternehmer


Martin Röther kommt am 14. Februar 1939 in Gaildorf zur Welt. Nach der Schulzeit macht er zunächst eine Lehre zum Metzger, doch schon bald hilft er seinem Schwiegervater Paul Pabst, der einen Kleiderhandel betreibt. Er bietet die Textilien auf seinen Fahrten von Dorf zu Dorf an, außerdem auf Märkten.

Verheiratet ist Martin Röther seit 1962 mit Margit Röther. Aus der Ehe stammen zwei Söhne: Michael und Thomas Röther. Beide sind die Geschäftsführer der MTR Handels- und Beteiligungs GmbH, die die Modepark-­Kette betreibt.

Von Modepark Röther gibt es inzwischen 44 Filialen in Deutschland und Österreich. Zwei weitere werden in diesem Jahr dazukommen. Das Unternehmen beschäftigt 2200 Mitarbeiter, davon 140 Auszubildende. Angeboten sind insgesamt mehr als vier Millionen Kleidungsstücke auf 244 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Täglich kommen etwa 23 000 Kunden in die Modepark-Filialen. just