Birnen sucht man vergeblich in der Ausstellung „Three Black Pears“ (drei schwarze Birnen) von Lucy Teasdale. Dafür findet man umso mehr Pferde und Reiter, Hinweise auf Pferderennen und auf den Polosport. „Very British“ sei das, finden die Schwäbisch Haller Kulturbeauftragte Ute Christine Berger, die Haller Künstlerin Felicitas Franck und der Kunstverein Schwäbisch Hall. Deshalb haben sie die 34-jährige Künstlerin nach Hall geholt, um mit einer Ausstellung in der Galerie am Markt die Haller Veranstaltungsreihe „Very British“ zu bereichern.

Eine Deutsche aus England

Ihren Titel hat die Schau in Bezug auf das Wappen der englischen Stadt Worcester, das drei Birnen der Sorte Worcester Black Pear enthält. Lucy Teasdale ist in Worcestershire, also im Umland von Worcester, aufgewachsen. Sie fühlt sich geprägt von der Kindheit auf dem Lande im Land der Pferderennen und des Polosports. Deshalb nimmt sie in ihrer Kunst Rückgriff darauf – obwohl sie nicht nur seit 2006 in Berlin lebt, sondern inzwischen sogar die deutsche Staatsbürgerschaft hat.

In der Haller Galerie am Markt zeigt sie ausschließlich Plastiken aus Acrystal. Beim Betrachten fragt man sich: Was ist das für ein Material? Wie fühlt es sich an? Es ist spannend: Einige Teile der Skulpturen haben eine rauhe Oberfläche, wirken zerklüftet und zeigen deutliche Bearbeitungsspuren. Dort sieht das Material aus wie Ton oder Schaumstoff. Andere Teile sind ziemlich glatt, da wirkt es wie Gips. Anfassen verbietet sich leider.

Und bedauerlicherweise klärt auch die Einführungsrednerin Biene Feld aus Berlin das Rätsel nicht. Doch hinterher, im Gespräch, berichtet Lucy Teasdale gerne über ihre Arbeitsweise: Acrystal ist ein Acrylharz. Die Künstlerin erstellt die Plastiken zunächst aus Ton, fertigt dann eine Negativform aus Gips und Silikon an. Diese wird mit dem Acrystal ausgegossen. „Es ist flüssig wie Milch“, erklärt Teasdale. Und nach dem Erhärten muss sie es mit großer Vorsicht aus der Form lösen. Damit die Skulptur nicht zerbricht, werden einige der filigranen Teile mit Metall stabilisiert. Teasdale gestaltet viele ihrer Arbeiten in kräftigen, fast schrillen Farben.

Die Formgebung hat sehr viel mit Bewegung zu tun. Zum Beispiel das Werk „Grandly National“. Grandly heißt prachtvoll oder großartig, erklärt Biene Feld. Es sei wohl eher ironisch zu verstehen, denn es geht um das Pferde-Hindernisrennen „Grand National“, das für Pferd und Reiter sehr gefährlich ist. In Teasdales Skulptur quellen die Pferde und Reiter aus etwas heraus, das man als Tunnel ansehen kann, als Bücherstapel oder als Blasebalg. Sie purzeln übereinander, eines der Pferde ist kopfüber in einem Trog gelandet. Die Gliedmaßen und sogar der Schweif ragen hoch in die Luft. Dies zeigt den Schwung, den das Pferd vor seiner unsanften Landung hatte.

Hinschauen und beobachten

Ebensoviel Bewegung enthalten die Arbeiten „Jump!“, „Polo“, „Along the Towpath“ (entlang des Treidelpfades) und „Two Birds“. Es sind kleine bis mittelgroße Werke, die meisten weniger als 30 Zentimeter hoch, bis zu etwa einen Meter lang, die zum intensiven Hinschauen und Beobachten einladen. Biene Feld spricht von einem „Balancieren zwischen Figuration und Abstraktion“, aber zumindest in der Haller Ausstellung überwiegt das figurative Element, das heißt, die dargestellten Menschen und Tiere sind meist gut erkennbar.

Biene Feld berichtet den knapp 50 Vernissage-Besuchern, sie sei erstaunt gewesen, in Lucy Teasdales Atelier in Berlin-Friedrichshain keine Werkskizzen vorzufinden. Stattdessen hängen da Zeitungsfotos vom Tennis, Pferdesport und Polospiel. Teasdale verzichte fast ganz auf Handzeichnungen und fertige stattdessen eine Vielzahl an Vorstudien aus Ton an, „es sind quasi dreidimensionale Zeichnungen“, sagt Feld, die ebenfalls eine Berliner Künstlerin ist und von derselben Galerie vertreten wird wie Teasdale: Galerie Born. Feld weiß, woher Teasdales Impuls kam, Künstlerin zu werden: Sie habe schon als Kind täglich mit ihrer Großmutter gezeichnet – in England, selbstredend. Trotzdem bezweifelt Feld, dass die Werke Teasdales „very British“ seien.

Info Die Ausstellung ist bis 14. April mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Das Rahmenprogramm beginnt morgen, Mittwoch, um 18 Uhr mit dem ersten von drei Vorträgen von Kunstvereins-Vorstand Wolfgang Schwarzkopf über englische Literatur. Am Sonntag, 24. Februar, führt Felicitas Franck ab 11.30 Uhr durch die Schau. Zur Finissage am 14. April ab 16 Uhr gibt es ein Künstlergespräch mit Lucy Teasdale.