Amtsgericht Schwäbisch Hall Betrunkener schießt mit Schreckschusswaffe

Schwäbisch Hall / Eleonore Heydel 10.11.2018
Ein 63-Jähriger muss sich wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Das Verfahren wird eingestellt.

Wären es echte Schusswaffen gewesen, hätte es am frühen Abend des 10. März dieses Jahres in einem Haller Wohngebiet vielleicht Tote gegeben. Zwei betrunkene Männer ballerten auf offener Straße mit ihren täuschend echten Pistolen herum. Der Jüngere zielte auch in die Richtung von Kindern. Erst als der zweite Randalierer dem ersten mit seinem Schreckschussrevolver ins Gesicht geschossen hatte, kehrte kurzfristig Ruhe ein. Als die Polizei eintraf, floh der jüngere Schütze. Per Hubschrauber wurde er wenig später gesucht und gefunden. Gegen beide Männer wurde daraufhin polizeilich ermittelt.

In Notwehr gehandelt

Der 22-jährige Mann, der als Erster wahllos mit seiner Pistole Knallpatronen abfeuerte, hat inzwischen einen Strafbefehl wegen „Vollrauschs“ akzeptiert. Über die Höhe seiner Strafe wurde vor Gericht nichts bekannt. Sein 63-jähriger Mitstreiter musste sich jetzt vor dem Haller Amtsgericht verantworten.

Der Rentner erfasst die gegen ihn gerichtete Anklage mit den Worten: „... weil ich mit dem Ding raus bin ohne kleinen Waffenschein!“ Aber er hält dem Gericht vor: „Dann müssten Sie nach Silvester die halbe Bundesrepublik hier vorladen!“

Die Staatsanwaltschaft ließ von vornherein Milde walten: Der Angeklagte habe in Notwehr gehandelt, als er seinen Schreckschussrevolver „Röhm 69“ gegen den Kontrahenten richtete. Angeklagt wurde nur ein Verstoß gegen das Waffengesetz. Eine Schreckschusswaffe darf man nicht draußen mit sich herumtragen. Man braucht dafür einen kleinen Waffenschein. Einen solchen Schein besitzt der trinkgewohnte 63-Jährige nicht.

Ohne einen Verteidiger ist er pünktlich im Gericht erschienen. Im Flur warten viele Zeugen: Mütter, Kinder, zwei Polizeibeamte. Im Saal soll eine rechtsmedizinische Gutachterin die Schuldfähigkeit des Rentners überprüfen. Aber kaum hat die von der Staatsanwaltschaft geschickte Referendarin die Anklage verlesen, gehört die Bühne dem klein gewachsenen bärtigen 63-Jährigen allein.

„Zweimal geschieden, einmal verwitwet“, erklärt der Mann, der sein graues, sehr langes Haar nach hinten zusammengebunden hat. „Aktuell“ sei er verheiratet. Seine Kleidung ist gepflegt, nur die Sandalen sind für den Monat November ungewöhnlich. Der
Vater von sechs Kindern aus vier Beziehungen lebt bürgerlich in
einer Haller Mietwohnung, gibt aber zu: „Ab und zu kiff ich
noch.“

27 Einträge in seinem Vorstrafenregister beweisen: Eine weiße Weste hat der gelernte Metzger nicht. Vor allem der Handel mit Haschisch hat ihm immer wieder Strafen eingebracht. Der langjährige Konsument erklärt: „Was bei mir erschwerend dazu kommt, ist Alkohol.“ Außerdem nehme er noch das Beruhigungsmittel Bromazepam: „Der Kopf will seine Dröhnung!“

Am 10. März habe der 22-jährige Bekannte schon „leichten Seitenwind“ gehabt, als er zu ihm zu Besuch gekommen sei – in der Hand eine halbgefüllte Flasche Chantré. Man habe die ganze Zeit beim Trinken „nachgeladen“ und gleichzeitig Marihuana in bester „Treibhaus-Qualität“ geraucht. Ob es ein, zwei oder drei Tütchen gewesen seien, wisse er nicht mehr: „ Ich zähl die Tüten nicht, ich bin 48 Jahre dabei!“

Im heftigen Streit um ein abgewickeltes Haschisch-Geschäft habe er seinen Saufkumpel aus der Wohnung gedrängt. Draußen habe der junge Mann angefangen zu schießen. Er selbst, sagt der Rentner, habe seinen Revolver vorsorglich schon verdeckt bei sich getragen. Mit Blick auf die USA rechtfertigt er seinen Waffenbesitz. Bei einem Besuch bei seiner ältesten Tochter in Texas habe er festgestellt: „Da war die Pumpgun unter der Nackenrolle im zwei Meter breiten Bett!“

Ungewöhnlicher Schritt

Im Flur warten die Zeugen immer noch, als sich die Vertreterin der Staatsanwaltschaft im Saal zu einem ungewöhnlich milden Schritt bereit erklärt: Das Verfahren könne eingestellt werden. Einzige Bedingung sei, dass der Angeklagte seinen Revolver „Röhm 69“ nicht zurückbekomme. Der Rentner bedauert, die Waffe habe 62 Euro gekostet, aber er wolle sich nicht sperren.

Als das Gericht den entsprechenden Einstellungsbeschluss verkündet hat, werden alle Zeugen hereingerufen. Sie können unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Auch der redegewandte Angeklagte, der sich erfolgreich selbst verteidigt hat, wird in seine Wohnung zurückkehren. Den Kindern in seiner Nachbarschaft aber wird die Schießerei der beiden betrunkenen Männer vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben.

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