Kunst Besuch aus Israel: Zvi Orgad forscht im Haller HFM über den Maler Elieser Sussmann

Zvi Orgads Augen strahlen, wenn der israelische Kunsthistoriker vor der Synagogenvertäfelung steht, die im Hällisch-Fränkischen Museum in Hall ausgestellt ist.
Zvi Orgads Augen strahlen, wenn der israelische Kunsthistoriker vor der Synagogenvertäfelung steht, die im Hällisch-Fränkischen Museum in Hall ausgestellt ist. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ 22.07.2014
"Everyone has his shout", sagt Zvi Orgad. Er meint damit, dass jeder Künstler etwas Wichtiges zu sagen hat - auch der Synagogenmaler Elieser Sussmann, über den er ein paar Tage lang in Halls Museum forscht.

Das Flugzeug, mit dem er in sechs Stunden von Ashkelon in Israel nach Deutschland fliegt, ist für Zvi Orgad eine Zeitmaschine. Sie bringt ihn ins 18. Jahrhundert, dahin, wo einst Elieser Sussmann jüdische Gebetshäuser kunstvoll bemalte. Zwischen 1730 und 1740 gestaltete er mehrere Synagogen im fränkisch-schwäbischen Raum. Er orientierte sich dabei an den volkstümlichen barocken Holzsynagogen in Polen.

Zvi Orgad verbringt vier Tage in Hall, taucht ab, studiert die Synagogenvertäfelung, die im Hällisch-Fränkischen Museum ausgestellt ist, und liest parallel Bücher zur Geschichte der Juden in Hall. "Sie haben einen Schatz hier", sagt er und schaut wie verliebt auf die bunten Holzpaneele, die einst die Unterlimpurger Synagoge schmückten, welche noch vor der Steinbacher Synagoge existierte.

Der 45-Jährige schreibt seine Doktorarbeit im Fach jüdische Kunstgeschichte. Künstler wollte er einst werden, er studierte Grafikdesign. Er illustriert Bücher und Zeitschriften, malt und zeichnet, bis er seine zweite Leidenschaft mit ins Boot holt: Geschichte. Beides zu verbinden, Kunst und Historie, sei sichtbare Geschichte - "I love it". Er spricht nur wenig Deutsch. Aber er möchte es lernen. Polnisch und Deutsch braucht er, um die Bücher zu verstehen, die er lesen will, um mehr über die jüdische Geschichte zu erfahren. Deshalb reist er nach seinem Aufenthalt in Hall nach Polen, um dort einen einmonatigen Intensivkurs für Polnisch zu machen.

Der Anfang war gut

Die Wurzeln der jüdischen Kultur seien in Deutschland und Polen, sagt er. "Weinstock" war einst sein Familienname. Fühlt er sich heimatlich in Deutschland? Orgads Blick wird ernst. "Wir haben schlechte Erinnerungen", sagt er und hinterlässt seinem Satz drei Punkte. . . Nur kurz hält die Schwermut, dann sagt er heiter: "Ich habe mich entschieden, über die guten Zeiten zu forschen. Jedes Ende hat einen Anfang, und der Anfang war gut."

Seine Augen sind rötlich, angestrengt, aber sie fangen an zu leuchten, wenn er die Malereien anschaut. Hier vor Ort könne er die Hand des Künstlers erkennen. Wo hat er sich besonders angestrengt? Welchem Detail hat er sich gewidmet? Und wenn ihn nun die Zeitmaschine, die ihn in Halls jüdische Vergangenheit gebracht hat, auch erlauben würde, Elieser Sussmann zu treffen, was würde er ihn fragen?

Zvi Orgad hat viel über den Künstler nachgedacht. Man kennt nicht viel von ihm, weiß nur von den zehn Jahren, in denen er im fränkischen Raum als Synagogenmaler aktiv war. Orgad sieht die Hingabe und die Kraft des Künstlers. Jeder Künstler wolle etwas herausrufen. "Was wollte Sussmann ausrufen?", wäre die Frage, die Orgad gerne stellen würde. Er ahnt es bereits: Sussmanns Streben war geprägt von dem Wunsch, die Welt so zu malen, wie die jüdische Religion sie sieht, Zerstörung und Aufbau darzustellen und die Kraft und den Glauben eines Volkes zu zeigen. Orgad studiert den Synagogenmaler nicht nur, er ist ihm auch Inspiration. Und das kann auf ganz spielerische Art sein. Viele Zeichnungen hat er für seine Arbeit abgepaust, und dabei kam ihm die Idee, am jüdischen Laubhüttenfest (Sukkot) seine Laube im Sussmannschen Stil zu bemalen.

Er lacht jetzt, die anfängliche Zurückhaltung ist einer fröhlichen Redseligkeit gewichen. Und so schwärmt er von dem Laubhüttenfest, der Freude dabei vor allem für die Kinder. Er selbst ist verheiratet und Vater zweier Teenager. Ebenso beginnt er zu schwärmen von der wunderschönen Stadt Hall und den leckeren Butterbrezeln. Vielleicht kommt er bald wieder - für einen Deutschkurs im Goethe-Institut.

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