Für das Haller Amtsgericht ist der Prozess gegen den Bestatter Jochen M. ein außergewöhnliches Verfahren - alleine wegen dem Umfang mit bereits sieben Prozesstagen. Vorsitzender Richter Wolfgang Amendt hätte den Fall am liebsten an das Landgericht Heilbronn abgegeben. Zwei Anträge wurden abgelehnt. "Ich gehe davon aus, dass wir nur eine Durchgangsinstanz sind", sagt Amendt am Dienstag, kurz bevor die Plädoyers gesprochen werden. Es sei abzusehen, dass die unterlegene Seite die nächste Instanz anstreben wird.

Die Vorstellungen von Anklage und Verteidigung klaffen dabei weit auseinander. Oberstaatsanwalt Peter Bracharz sieht es als erwiesen, dass der Haller Bestatter Jochen M. etliche Kunden betrogen hat. Der Unternehmer, der 2004 das einst städtische Bestattungshaus übernommen hatte, habe teure Särge verkauft, aber "durchweg MDF-Särge" für Feuerbestattungen verwendet. "Auf den Rechnungen steht Vollholzsarg / Kiefer natur. Was geliefert wurde, war aber kein Vollholz." Das gehe aus Belegen hervor, wonach kurz vor Trauerfeiern Faserplatten-Särge für je 58 Euro gekauft worden waren. Die Hinterbliebenen hatten aber "einen Sarg aus gewachsenem Holz", "ein Mittelklassemodell" oder "ausdrücklich keinen Billigsarg" bestellt, wie sie vor Gericht ausgesagt haben. Sie bezahlten mindestens 580 Euro.

Bracharz zitiert aus Tätigkeitsberichten der Mitarbeiter. Darin sind etliche Umbettungen nach Trauerfeiern gelistet. Die Aussage des Angeklagten, die Umbettungen seien mit den Hinterbliebenen abgesprochen gewesen, habe keiner der Betroffenen vor Gericht bestätigt.

Bracharz will auch die Erklärung von M. nicht gelten lassen, dass die Angeklagten sich beim Trauergespräch in einer Extremsituation befunden haben und sich daher nicht an Absprachen erinnern könnten. "Dass sich alle unisono geirrt haben, kann ich so nicht hinnehmen", meint der Oberstaatsanwalt. Unterm Strich bleibe der gewerbsmäßige Betrug mit sattem Gewinn. "Das war das Geschäftsmodell."

Dabei hätten die Ermittler nur den Zeitraum 2012, Anfang 2013 geprüft. "Da haben wir bereits 18 Fälle." Während der Verhandlung waren 20 Anklagepunkte fallen gelassen worden, weil sich laut Bracharz die Zeugen, "die teilweise unter Schock ausgesagt haben, nicht an Punkte erinnern konnten, die uns wichtig waren". Der Staatsanwalt fordert für die übrigen Fälle jeweils zwischen acht Monaten und einem Jahr Haft - als Gesamtfreiheitsstrafe drei Jahre und neun Monate. Zudem solle ein Berufsverbot von fünf Jahren verhängt werden - auch wenn der Angeklagte sein Geschäft zum 1. Juni aufgegeben hat.

"Ihr Ergebnis überrascht mich nicht, ich komme zu einem anderen", kontert die Freiburger Pflichtverteidigerin Ulrike Wallot. Zunächst müsse das Schöffengericht "weg vom Emotionalen" und sich darauf zurückziehen, wie der Fall rechtlich zu werten sei. Die Ermittler seien durch den anderen Haller Bestatter, der 2014 wegen Umbettungen und pietätlosem Verhalten nach einem Geständnis zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden war, "sehr beeindruckt gewesen". Im Übereifer sei teilweise tendenziös ermittelt worden.

Ihr Mandant habe bei den Trauergesprächen selten über das Sargmaterial gesprochen. Der Begriff Vollholz sei erst durch die Ermittler ins Spiel gebracht worden. Eine entsprechende Formulierung auf den Rechnungen dürfe nicht zu hoch gewertet werden, da es sich dabei nur um einen Textbaustein der Abrechnungssoftware handle. Zudem könne nicht nachgewiesen werden, welchen Sarg die Kunden bestellt und in welchen Modellen die Verstorbenen kremiert wurden.

Für Wallot ist die Beweislage daher zu dünn, Jochen M. "einen Vorwurf zu machen oder ihn gar zu verurteilen". Der Angeklagte sei durch die Ermittlungen, die sich seit 2012 ziehen, ohnehin persönlich und wirtschaftlich stark beeinträchtigt, sogar über mehrere Wochen stationär in einer psychosomatischen Klinik behandelt worden. Wallot plädiert auf Freispruch. Das Urteil wird für den 15. Juli, 15 Uhr, erwartet.

Richter Wolfgang Amendt kritisiert indes die fehlenden Kontrollen im Bestatterwesen. "Die Zuführung in die Leichenhalle ist Sache des Bestatters, die ordnungsgemäße Einäscherung Sache des Krematoriumsbetreibers." Alles geschehe im "guten Glauben". Kontrollinstanzen, die etwa Sargmodelle vor der Kremierung dokumentierten, gibt es nicht. Daher sei das "freie Unternehmertum und die Privatisierung" nicht in jeder Branche sinnvoll.