Im zweiten Anlauf hat gestern vor dem Heilbronner Landgericht der Berufungsprozess gegen den ehemaligen Haller Bestatter Jochen M. begonnen. Der erste Termin für die Berufungsverhandlung im Oktober letzten Jahres war gleich zu Beginn geplatzt. Die Verteidiger hatten erfolgreich die Schöffenbesetzung der befassten kleinen Strafkammer am Landgericht gerügt.

Der heute 62-jährige Jochen M. soll im Jahr 2012 Angehörige von Verstorbenen systematisch betrogen haben. Er soll ihnen teure Särge in Rechnung gestellt haben, obwohl er laut Anklage die Verstorbenen vor der Verbrennung in Pressspan-Särge umbetten ließ.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Die Ermittlungen gegen Jochen M. zogen sich lange hin. Im Frühsommer 2015 wurde ihm vor dem Haller Amtsgericht der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft ging zunächst von 36 illegalen Umbettungen aus, dazu von zwei Fällen, an denen M. Geld von Kunden veruntreut haben sollte. Im Laufe von acht Verhandlungstagen wurde damals eine Reihe von Anklagepunkten eingestellt. Am Ende verurteilte das Amtsgericht den Bestatter wegen 18-fachen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zwei Monaten. Vergeblich hatte seine Verteidigerin einen Freispruch gefordert.

Das Urteil ist aber bis heute nicht rechtskräftig. Jochen M. legte Berufung ein, die Staatsanwaltschaft zog nach. Wieder dauerte es über zwei Jahre, bis der Berufungsprozess angesetzt wurde.

Jochen M. sitzt in einem winterlichen Wollpullover neben seinen beiden auswärtigen Verteidigern. Seinen Rucksack hat er neben sich abgelegt. Er kommt aus einer Fachklinik für suchtkranke Männer bei Ravensburg. Er habe, bedauert er, im Herbst wieder mit dem Trinken angefangen. Er habe seit 1996 ein Alkoholproblem, sei aber lange Zeit trocken geblieben.

Als Beruf gibt er Diakon, Sozialpädagoge und Kaufmann an. Erst auf Nachfrage des Haller Staatsanwaltes Sven Güttner nennt er auch den Beruf des Bestatters. Er habe mit Hilfe von Kursen die entsprechende  Ausbildung absolviert. In Schwäbisch Hall führte er die „Christliche Trauerhilfe Schwäbisch Hall-Hohenlohe“. 2015 gab er das Unternehmen auf.

Der Vorsitzende Richter der 5. Kleinen Strafkammer Frank Haberzettl erklärt zu Beginn in kurzen Worten, was Jochen M. vorgeworfen wird. Das angefochtene Urteil des Haller Amtsgerichtsdirektors Dr. Wolfgang Amendt umfasst 105 Seiten. Das sind offensichtlich zu viele, um den Text vorzulesen. Wie schon vor dem Haller Amtsgericht, bestreitet M. die Betrugsvowürfe auch jetzt in der Berufungsverhandlung. „Hat es in Ihrem Betrieb Umsargungen gegeben?“, fragt Haberzettl direkt. Antwort: „Es gab viele Umsargungen bei uns.“ Jochen M. weist daraufhin, dass für die Abholung von Verstorbenen andere Särge benutzt würden als für eine spätere Trauerfeier. Zum Abholen habe er immer einfache Erdbestattungssärge verwendet: „Sie können nicht in ein Altersheim gehen mit einem Kunststoffsarg.“

Richter Haberzettl meint andere Umsargungen: „Von einem teuren Sarg A in einen billigen Sarg B.“ Es geht um die einfachen, für die Verbrennung benutzten Pressspan-Särge. Das sei, so der Angeklagte, nur in den Fällen erfolgt, bei denen es mit den Angehörigen abgesprochen worden sei.

Im übrigen seien auch die Pressspan-Särge echte Holzsärge. Daneben gebe es Vollholzsärge, die nur wenig teurer wären. Diese Pressspan-Särge habe er im Einkauf für 58,50 Euro bezogen und für 580 bis 620 Euro verkauft - „je nach Verhältnissen der Angehörigen“, wie er sagt. „Ich habe überhaupt nicht im Sinn gehabt, unlautere Mittel einzusetzen oder Leute zu betrügen.“

Als voll schuldfähig erklärt

Als erster Zeuge bestätigt ein ehemaliger Bestattungshelfer (56), dass es Umsargungen von teureren Särgen in „Verbrenner“ gegeben habe. Ein Pressspan-Sarg sei innerhalb des Betriebes zu keinem Zeitpunkt als Holzsarg bezeichnet worden. Der psychiatrische  Sachverständige Dr. Thomas Heinrich (Klinikum Weinsberg) hat Jochen M. für voll schuldfähig erklärt. Seine Alkoholabhängigkeit oder auch Depressionen würden daran nichts ändern.

Info Für den Prozess sind fünf Verhandlungstermine angesetzt. 32 Zeugen sind geladen. Am 27. Februar soll es weitergehen.