Ein Zeuge wird ungewollt zum Beschuldigten. Andreas N. sollte zu möglichen Umbettungen im Betrieb seines angeklagten Chefs Jochen M. aussagen. Noch bevor der Richter vergangene Woche mit der Befragung beginnen konnte, setzte N. an: Es würden nahezu alle Leichentransporte seit 2011 fotografisch dokumentiert - am Krematorium, im Beisein eines dortigen Mitarbeiters. N. und seine Kollegen hätten mit ihren Handys Bilder aufgenommen: vom Sarg und von den Verstorbenen. So sei festgehalten, dass die Toten tatsächlich in den bezahlten Särgen eingeäschert wurden. In der Anklage steht dagegen, dass Verstorbene ohne Wissen der Angehörigen in billige Särge umgebettet wurden. Die Fotos von N. könnten helfen - wenn es sie denn gäbe. Sie seien gelöscht, so N. vor Gericht.

Oberstaatsanwalt Peter Bracharz und das Schöffengericht hatten Zweifel an der Glaubwürdigkeit - auch weil eine mögliche Einflussnahme des Chefs im Raum stand: Andreas N. hatte auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Wolfgang Amendt bestätigt, dass er kurz vor seiner Vernehmung mit dem Angeklagten durch den Park spaziert sei und sich über die anstehende Aussage unterhalten habe.

Mindeststrafe bei Meineid: ein Jahr

Der 53-Jährige wurde darauf vereidigt - was nun herbe Konsequenzen für ihn haben kann. Die Mindeststrafe bei Meineid beträgt ein Jahr. Gleich drei Zeugen belasteten ihn nun am gestrigen dritten Verhandlungstag schwer, darunter Alexander K., ein ehemaliger Helfer im Bestattungshaus. "Ich habe die Verstorbenen hingefahren und ausgeladen, nichts dokumentiert", sagte der 34-Jährige. Er wisse nichts von Fotos.

Auch der Krematoriums-Mitarbeiter Karl G. widerspricht der Aussage des Bestattungshelfers N. "Vor mir wurden keine Särge im freien geöffnet und fotografiert. Das ist nie passiert." Richter Amendt spricht gar von einem unethischen Vorgang, "wenn es so gewesen wäre". Der Krematoriumsmitarbeiter stimmt zu. "Wenn, dann macht man Fotos drinnen im Trauersaal, nicht in der Öffentlichkeit."

Auch der Kriminaloberkommissar Dietmar R. weiß nichts von Fotos. "Das hat er bei seiner Vernehmung nie erwähnt." Und solche Bilder hätten die Beamten aufhorchen lassen. "Die wären ermittlungsrelevant gewesen." Der Staatsanwalt prüft nun ein Verfahren wegen Meineids. Aber erst muss der Prozess gegen den Chef des Bestattungshauses abgeschlossen werden. Jochen M. wird Betrug in 38 Fällen vorgeworfen. M. widerspricht vehement allen Anklagepunkten.

Angestellte Silke R., die seit 2004 im Unternehmen arbeitet, will nichts von Unregelmäßigkeiten bemerkt haben. Sie habe nur die Buchhaltung geführt, ihren Chef nie kontrolliert. "Ich habe Sie so verstanden, dass Sie weder geprüft noch nachgedacht haben", kommentiert Amendt im Bezug auf möglicherweise falsch abgerechnete Särge.

Silke R. bestätigt nur, dass das Bestattungshaus seit Jahren mit dem Konto im Soll sei, derzeit bei rund 35000 Euro. "Es ist auch richtig, dass Geldbeträge, die von Kunden für Vorsorgeverträge eingezahlt wurden, nicht mehr vorhanden sind."

Zeuge Richard N.: "Die Gründe (für die Umsargungen, Anmerk. der Redaktion) habe ich als 400-Euro-Jobber nie hinterfragt."

Ermittler Dietmar R., der die Zeugin als glaubwürdig einstuft, hat Zweifel an den Aussagen des ehemaligen Mitarbeiters Alexander K.. Dieser will nichts von Umbettungen gesehen haben, obwohl es entsprechende Aufschriebe gebe. Zeuge Richard N., ebenfalls ehemaliger Mitarbeiter, bestätigte dagegen Umsargungen. "Die Gründe habe ich als 400-Euro-Jobber nie hinterfragt."

In rund 70 Prozent der Anlieferungen aus dem Bestattungshaus von M. seien die Verstorbenen in billigen Pressspansärgen gelegen, erklärte der Krematoriums-Mitarbeiter Karl G. gestern. Das habe sich erst mit Bekanntwerden der Ermittlungen geändert: "Jetzt sind es deutlich mehr normale Särge aus Vollholz."

Info Der Prozess wird am Dienstag, 9. Juni, 8.45 Uhr fortgesetzt.