Gender Begeisterte Zuhörer*innen: Birgit Kelle bei Wintergesprächen

SONJA ALEXA SCHMITZ 07.12.2015
Das ist kein Tippfehler oben in der Überschrift. Das ist "gegendert". Was das bedeutet, hat Birgit Kelle im Schloss Döttingen erklärt. Sie erläuterte ihre oft kritisierten Standpunkte. Gestrig? "Nein, traditionell." Mit Bildergalerie.

Die Frau kann reden. "Einer muss es ja tun", sagt sie, und sie tut es. Sie tut es auf Vorträgen, in Fernseh-Talkshows und in Büchern. Weil sie sich ärgert über Feministinnen, die einer Mutter ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie die Kinder hüten möchte, statt Karriere zu machen. Sie ärgert sich auch über die Politik, die die Familie nicht fördere. Kein Geld, heiße es. Und darüber ärgert sich das CDU-Mitglied besonders: Dass das scheinbar nicht vorhandene Geld in die Genderindustrie gesteckt werde. Milliarden würden dafür investiert. 200 Lehrstühle für Gender Studies gebe es mittlerweile.

Was eigentlich "Gender" und "Gender Mainstream" bedeute, solle sie in zwei Sätzen erklären, bittet Moderator Marcel Miara. Es werden mehr als zwei Sätze. Man ist nicht mehr nur Mann oder Frau, man kann sich zudem einsortieren in homo, transsexuell, zwitter, bi, queer oder - und hier gibt es Lacher - in "weder noch". Und weil es heute all diese Neigungen gebe und sie nirgendwo diskriminiert werden dürften, werde die Gesellschaft so modelliert, dass jeder überall zu seinem Recht komme. Zum Beispiel bei der Unisex-Toilette, bei der Berücksichtigung von Gender in Schulbüchern und natürlich bei der Sprache. Störten wir uns bisher schon an den umständlichen Formulierungen (BürgerInnen), so werde es künftig noch schöner. Ein Unterstrich, der "Gender Gap" (Bürger_innen) oder auch ein "Gender Star" (Bürger*innen) schließt alle Gender mit ein.

Heiter, schlagfertig, unermüdlich antwortet Birgit Kelle auf die Fragen. Besonders aufmerksam werden die Zuhörer, als es um ihr Herzensthema geht: Mütter, bleibt zuhause! Kelle kritisiert Feminismus, der den Frauen einredet, Mutterschaft sei ein Problem. Hier kommt Applaus aus dem Publikum. Ursprünglich hätten Feministinnen zum Ziel gehabt, dass Frauen dasselbe tun dürfen wie Männer. Mittlerweile gelte ein männliches Leben als emanzipiert. "Was ist daran weiblich?", fragt sie.

Die Frauenquote bezeichnet sie als das "perfideste Instrument zur Unterwerfung der Frau". Wer Karriere will, der schaffe das heute auch. Aber wollen die Frauen das überhaupt?

Die vierfache Mutter kritisiert, dass die von Natur aus wilden Jungs in der Schule gemessen werden an den ruhigeren Mädchen. "Früher bekamen sie Nachsitzen, heute Ritalin." Da könne keine gesunde Männlichkeit heranwachsen. Aus dem Publikum kommt ein "Bravo"-Ruf.

"Wie soll denn ein Mann sein?", möchte Miara wissen. "Vor allem so, wie er sich selbst definiert", antwortet Kelle.

Viele Themen werden in knapp zweieinhalb Stunden angesprochen. Nie wird es langweilig. Kelle plaudert, als unterhalte sie sich mit Freunden. Aber nicht immer stößt sie auf Befürworter. Wenn sie angefeindet wird, was sich in den letzten zwei Jahren zu richtigen Hassäußerungen gesteigert habe, nehme sie das lässig. Viel Zustimmung stehe auf der anderen Seite, "außerdem mag ich eine gepflegte Auseinandersetzung".

Die Frau rückt zurecht, was einst gut war und in Schräglage gekommen ist. Sie kann begeistern, motivierten, sie tut gut. Die Gäste, die den Saal im Schloss Döttingen auf den letzten Platz füllen, sind voll auf ihrer Seite. Es sind genauso viele Männer wie Frauen erschienen. Auch Bürgermeister Frank Harsch ist Kelle-Fan. Er schließt die Veranstaltung mit den Worten: "Also, wenn bei mir im Rathaus eine Unisex-Toilette eingerichtet wird, dann gehe ich aber hinters Haus."

Zur Person

Autorin Birgit Kelle wurde laut ihrer Internetseite im Januar 1975 im siebenbürgischen Heltau (Rumänien) geboren. Als Neunjährige siedelte sie mit ihrer deutschstämmigen Familie in die Bundesrepublik über. Birgit Kelle ist verheiratet und hat vier Kinder. Ihr erstes Buch"Dann mach doch die Bluse zu" erschien im August 2013.

Was Gender bedeutet

Begriff Unter "Gender Mainstreaming" ist die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter zu verstehen. Und mit Gender als einzelnem Begriff werden scheinbar geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert - danach gibt es keine homogene Gruppe von Frauen oder Männern beziehungsweise keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein, definiert die Uni Bielefeld.