Baumeister einer neuen Epoche

LUIGI MONZO 01.10.2015

In Untermünkheim erinnern heute eine Straße und eine Festhalle an den Zimmermann und Baumeister Johann Friedrich Weinbrenner (1697-1772). Er wurde in Geislingen geboren und wuchs wenige Kilometer kocheraufwärts in Haagen auf. In der ganzen Region finden sich Spuren seines handwerklichen Könnens, das zugleich als große familiäre Tradition auf das Werk seines berühmten Enkels Friedrich Weinbrenner (1766-1826) verweist, den Baumeister Karlsruhes und einen der Wegbereiter des Klassizismus in Deutschland.

In diesem Jahr feiert mit Karlsruhe eine relativ junge Stadt ihren 300. Geburtstag. Von Markgraf Karl Wilhelm als Residenz gegründet, sollte sie die Befreiung von der Enge mittelalterlicher Burgen in die Gestalt einer offenen Stadt übersetzen. Ohne Mauern, stattdessen mit einem vom neuen Residenzschloss betonten fächerförmigen Stadtgrundriss, entstand hier das ideale Beispiel einer barocken Fürstenstadt. Als monumentale Zentralstadt wurde sie rasch zur reinsten Verkörperung des Absolutismus in Deutschland.

Kaum 100 Jahre später erfuhr sie jedoch infolge von Aufklärung, Revolution und unter dem Eindruck der entstehenden Industriegesellschaft eine tiefgreifende Wandlung: War Karlsruhe am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit knapp 8000 Einwohnern noch eine kleine Residenzstadt, verzeichnete sie bereits 1815 fast doppelt so viele Bewohner. Nicht nur die Sozialstruktur änderte sich, sondern auch das Erscheinungsbild der inzwischen zur Kapitale eines Großherzogtums aufgestiegenen Stadt. Nicht mehr die Darstellung einer von Gott gegebenen Macht stand im Vordergrund, sondern der Ausbau zu einer modernen, zunehmend funktionsorientierten Stadt.

Der im Barock verkörperte Wunsch nach Überzeugung durch Überwältigung wich in Karlsruhe schon früh einer an den Ansprüchen der neuen Bürgergesellschaft ausgerichteten baulichen Entwicklung. Wobei sich dies in einem um Beruhigung und Versachlichung bemühten stilistischen Wandel niederschlug. Noch bevor in München und Berlin durch große Architekten wie von Klenze und Schinkel große Veränderungen umgesetzt werden konnten, war es deshalb das eher beschauliche Karlsruhe, dem in der deutschen Stadtplanungs- und Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle zukommen würde. Dass aus der von Sigismund von Reitzenstein noch als "Gespött ganz Europas" bezeichneten Ansammlung von Hütten innerhalb von 20 Jahren eine klassizistische Vorzeigestadt entstehen konnte - gespickt mit repräsentativen Boulevards und großzügigen Platzanlagen, modernen Kulturbauten sowie nach modernen hygienischen Maßstäben errichteten Wohnhäusern - war vor allem das Verdienst des ehrgeizigen und zugleich sehr geschickt agierenden Architekten Friedrich Weinbrenner.

Der Architekt weithin beachteter Bauwerke wie des Karlsruher Rathauses oder der evangelischen Stadtkirche unternahm keineswegs zufällig seine ersten beruflichen Schritte als Zimmermann. Zu seinen ältesten Arbeiten gehörte der Entwurf für eine komplexe übereck verlaufende Dachstuhlkonstruktion, in der er einen älteren Plan seines aus Untermünkheim stammenden Vaters Johann Ludwig Weinbrenner (1729-176) weiterentwickelt hat. In der Schulung seiner Fertigkeiten als Zimmermann, unter anderem konzipierte er doppelte Kuppelkonstruktionen aus Holz, legte er den handwerklichen Grundstock für seine erfolgreiche Architektenlaufbahn. Anders als den meisten zeitgenössischen Baumeistern gelang es ihm, die praktischen Erfahrungen aus seiner im Alter von 16 Jahren begonnenen Tätigkeit im elterlichen Betrieb mit einer bemerkenswerten Sensibilität für die sich ändernden Anforderungen an Zweck und Ästhetik des Gebauten zu verbinden. Zugleich entwickelte er eine für die rege Bauaktivität der badischen Hauptstadt wirtschaftliche und zugleich würdevolle Architektursprache.

Als Autodidakt lernte er in Berlin die Architekten Carl Langhans und Hans Christian Genelli kennen. Zwei Jahre später reiste er zu ausgedehnten Architekturstudien nach Italien, wo er sich das Verständnis antiker Architektur aneignete. Aus der Verquickung all dieser Erfahrungen - verbunden mit dem Ehrgeiz, der ihn zum großherzoglichen Oberbauinspektor aufsteigen ließ - gelang es ihm, die barocke Planstadt für die Bedürfnisse eines neuen Zeitalters funktionsfähig zu machen. Zugleich realisierte er ein einheitliches Stadtbild von bemerkenswerter Klarheit und Ebenmaß.

Neben Weinbrenners intensiver Bau- und Planungstätigkeit gehörte auch die Verbreitung seines Architekturverständnisses durch eine eigens konzipierte Lehrtätigkeit. Im Jahr 1800 gründete er in einem Anbau seines Wohnhauses eine private Bauschule, die zu einer der Keimzellen der späteren Technischen Hochschule wurde, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Info Der Autor Luigi Monzo lebt in Schwäbisch Hall, er hat in Karlsruhe Architektur studiert und ist Architekturhistoriker am KIT.

Ausstellung in Karlsruhe

Lebenswerk Noch bis einschließlich Sonntag, 4. Oktober, ist die Ausstellung "Friedrich Weinbrenner, 1766-1826. Architektur und Städtebau des Klassizismus" in der Städtischen Galerie Karlsruhe zu sehen. Präsentiert werden mehr als 400 Exponate - teilweise noch nie gezeigte Leihgaben, aquarellierte Baupläne, historische Fotografien, detailreiche Modelle und digitale Rekonstruktionen. Sie dokumentieren die Entwicklung eines herausragenden städtebaulichen und baukünstlerischen Talents. Die Städtische Galerie ist mittwochs bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

www.weinbrenner-ausstellung.de

SWP

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