Mindestens zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 14 Banküberfälle gehen auf das Konto des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Über teils dilettantische Ermittlungsarbeit sprach am Dienstagabend Clemens Binninger im Heilbronner Ratskeller. Der Böblinger ist CDU-Obmann im Berliner NSU-Untersuchungsausschuss. Bundesweit hätten etliche Behörden versagt.

Erst im Zuge der Ermittlungen zur Terrorzelle wurde öffentlich, dass es von 2000 bis 2003 einen bundesweit agierenden Ku-Klux-Klan mit Sitz in Hall gab. Die Behörden selbst waren schon 2000 informiert - die Wohnung des damaligen Klan-Chefs Achim S. in einem Teilort wurde mehrfach von der Haller Polizei durchsucht, wo auch Kapuzen und Urkunden gefunden wurden. Außerdem wurde der Klan vom Verfassungsschutz beobachtet.

Ist es Zufall, dass zwei Polizeibeamte aus Böblingen, die Mitglied im rassistischen Klan waren, zur selben Einheit gehörten, wie die 2007 vom NSU kaltblütig erschossene Polizistin Michèle Kiesewetter? Denn auch Thomas R. mischte im Klan mit und hatte offenbar Kontakte zu den Tätern. Er taucht handschriftlich in der Adressliste von Uwe Mundlos auf, die 1998 in einer Garage gefunden wurde.

An dieser Stelle wird es auch für Clemens Binninger rätselhaft. "Ich habe keine Verbrecherserie erlebt, bei der es so viele Merkwürdigkeiten gibt." Wieso tötete der NSU Kiesewetter? Wieso war die Tat in Heilbronn? Und welche Rolle spielt Thomas R., der vom Verfassungsschutz als Spitzel "Corelli" geführt wurde?

Vieles lasse Raum für Spekulationen, beispielsweise die Geschichte mit der Gaststätte in Kiesewetters Heimatort im Thüringer Oberweißbach. Der Stiefvater hätte das Objekt pachten wollen, zog seine Anfrage aber zurück. Später übernahm der Schwager von Ralf Wohlleben das Objekt - ein guter Freund der drei NSU-Terroristen, der auch auf der Adressliste auftaucht, direkt unter Thomas R. Medien berichteten, dass Kiesewetter früher gegenüber der Wirtschaft gewohnt habe. Kannten sich Täter und Opfer? Wurde der NSU durch Thomas R. und die Kapuzen-Polizisten über Kiesewetters Einsatzort informiert?

Das lasse sich nicht belegen, so Binninger. Aber "Corelli", der alle zwei Monate den Haller Ku-Klux-Klan besucht und für diesen im Osten Mitglieder rekrutiert hatte, könnte bei der Aufklärung dennoch eine wichtige Rolle spielen - er tauche an vielen Stellen in den Untersuchungsakten auf. "Wir wollen diesem Rechtsradikalen aber keine Bühne bieten. Deshalb bin ich strikt gegen seine Befragung", so der CDU-Obmann - auch wenn Hans-Christian Ströbele (Grüne) und Sebastian Edathy (SPD) diesen gerne persönlich gehört hätten. "Viel wichtiger ist, seine V-Mann-Führer zu bekommen", so Binninger weiter. Aber noch weigert sich das Bundesinnenministerium.

Nach derzeitiger Lage geht der Böblinger davon aus, dass Kiesewetter ein Zufallsopfer war. "Der Angriff hat sich vermutlich pauschal gegen die Staatsmacht gerichtet." Er stellt in Frage, dass die Kollegen der getöteten beim Haller Klan überhaupt Kontakt zu Thomas R. hatten - obwohl sie über ein Jahr in der Kapuzen-Fraktion mitwirkten.

Der Untersuchungsausschuss hat die Spur KKK aber nicht aufgegeben. Zwei ermittelnde Beamte sollen in Berlin aussagen. Dass die Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe vom Kapuzen-Klan nicht abgeneigt waren, belegen Fotos aus den 90er Jahren, die sie vor Kreuzverbrennungen zeigen. Zudem waren sie laut Binninger häufig im Süden.

In der Adressliste, die dem HT vorliegt, tauchen vier Namen aus Ludwigsburg auf. Die Berliner Tageszeitung schreibt von den "Spätzles"-Kontakten der NSU. Und auch Binninger bestätigt: "Die Region war für sie nicht unbekannt." Grund für Besuche waren wohl "Partys und Besäufnisse". Dokumente belegen, dass der NSU auch mögliche Anschlagsziele ausgespäht hat - unter anderem in Stuttgart.