Schwäbisch Hall Aus Schmerz und Schönheit wird Musik

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 08.11.2018
Der Kammerchor Jubilate bietet in der Haller Urbanskirche ein berührendes Konzert mit jiddischer Musik und Klezmerklang.

Dieser Tage wird vielerorts an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht erinnert – als Synagogen zerstört, Ladengeschäfte verwüstet und Friedhöfe geschändet wurden. Mit zahlreichen Veranstaltungen wird der Juden gedacht, die Opfer der antisemitischen Angriffe und des anschließenden Holocausts wurden. Das jüngste Konzert des Kammerchors Jubilate tut dies auch – auf seine Weise, nämlich indem es mit jiddischen Liedern und Klezmermusik auch den Alltag der Menschen im osteuropäischen Schtetl erklingen lässt, ihre Wünsche, ihren Widerstand.

Die Haller Urbanskirche ist am Samstag voll besetzt, und sogar übervoll ist die Lukaskirche am Sonntag, als Jubilate unter der souveränen und umsichtigen Leitung von Susanne Kolb die vielen Zuhörer beeindruckt. Mit zunächst im Raum der Urbanskirche verteilten Stimmgruppen und dem melancholischen eingängigen Schalom-Kanon von Heinz Martin Lonquich eröffnen die Sänger den Abend. Unterstützt wird das 16-köpfige Vokalensemble vom Duo Jailhouse Classics mit Jochen Narciß-Sing (Violine) und Jürgen Ohnemus (Gitarre).

Drängender Tanz-Groove

Susanne Kolb hat für ihre letzten beiden Auftritte als Leiterin des Kammerchors Jubilate ein berührendes Programm zusammengestellt. Viele Stücke sind in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden. Sie beschreiben jedoch nicht nur Schmerz und Angst, sondern suchen in der Schönheit der Natur auch Trost – wie beispielsweise das traurig-schöne Lied „Birdsong“.

Es basiert auf einem Gedicht, das im Konzentrationslager in Theresienstadt entstand. In Stephen Hatfields jiddischem Klagelied „Mayn Rue Platz“ entwickelt der Chor gemeinsam mit Geige und Gitarre einen drängenden Tanz-Groove. Überhaupt bringen Narciß-Sing und Ohnemus mit ihren Instrumentalstücken zusätzlichen Schwung ins Programm. Genussvoll mixen sie beispielsweise ihre Improvisationen über das hebräische Volkslied „Hava Nagila“ auch mit Deep Purples „Smoke on the Water“.

Vielfältige Charaktere

Fast wie ein romantisches Volkslied klingt Mark Zuckermans Lied „O, kum shoyn shtiler ovnt“ (O, komm schon stiller Abend). Vom schluchzenden „Schpilsche mir a Lidele“ wechselt der Chor in einen humorvollen Tango. Aufwühlend und bewegend erklingt das hebräische Gebet „Ani Ma’Amin“, eine Hymne der Erinnerung an die dunkelsten Stunden der Verfolgung. Doch dem lässt der Chor das trotzige und lebensbejahende „Mit lebn ejbig“ folgen. Die Dirigentin versteht es bestens, die unterschiedlichen Charaktere der Stücke mit dem Kammerchor Jubilate herauszuarbeiten.Und ihre Erklärungen sind beim Zuhören sehr hilfreich.

Die Stimmengruppen Sopran, Alt, Tenor, Bass sind fast gleichmäßig besetzt. Vor allem die Männerstimmen harmonieren gut, was sie mit Amy Feldman Bernons gesungenem Plädoyer für eine friedvolle Gesellschaft, „On Justice, Truth and Peace“, charaktervoll unterstreichen. Nicht ganz so harmonisch gelingt der Zusammenklang im Sopran, der in der Höhe teils mit einem deutlichen Vibrato zu kämpfen hat. Dennoch: Es ist eine Freude, diesem Chor zuzuhören und sich auf diese Musik einzulassen.

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