Gerabronn Augen machen 95 Prozent der Musik aus“

Einige Frauen des Beerdigungschors Gerabronn proben mit ihrer Chorleiterin Ruth Tischer.
Einige Frauen des Beerdigungschors Gerabronn proben mit ihrer Chorleiterin Ruth Tischer. © Foto: Guido Seyerle
Gerabronn / Guido Seyerle 08.06.2018
Der Gerabronner Beerdigungschor probt einmal wöchentlich. Ruth Tischer sorgt für den richtigen Ton.

Beim „Im-Chor-Singen“ denkt man gemeinhin an fröhliche Singstunden, gesellige Nach-Singstunden und an gelegentliche Auftritte bei kleinen und großen Konzerten. Die Mitglieder eines besonderen Chors in Gerabronn üben ebenfalls intensiv in ihren Vormittagsproben. Sie freuen sich auf das wöchentliche Wiedersehen – und sind insgeheim nicht unglücklich, wenn die Zahl der Auftritte niedrig ausfällt. Denn sie werden, wie es der Name schon sagt, für Beerdigungen angefordert. „Wir sehen das als Auftrag“, sagt Chorleiterin Ruth Tischer. „Für eine Trauergemeinde ist es gut, dass noch jemand da ist.“

Eine Domäne der Frauen

Wenn alle anwesend sind, dann besteht der Gerabronner Beerdigungschor aus zwölf Frauen in der Altersklasse 55 plus zuzüglich der Jüngsten im Bunde, der Chorleiterin. Tischer spielt seit dem vierten Lebensjahr Klavier, das hilft in der Chorarbeit. Sowohl bei der Tonlage, als auch der Klangfülle. Die gebürtige Ansbacherin gehört zu den Enßle-Schülerinnen. Der Haller Bezirkskantor Kurt Enßle ist dafür bekannt, dass er im C-Kurs hohe Ansprüche stellt. Bei der C-Prüfung handelt es sich um die schwierigste Prüfung, die man als Hobbymusiker bestehen kann. Sie setzt eine zweijährige intensive Vorbereitung, sowohl am Klavier beziehungsweise Kirchenorgel, wie auch in der Chorleitung voraus.

Viele Teilnehmer absolvieren den Kurs vor ihrem Musikstudium. Ruth Tischer war damals bereits 30 Jahre alt. Sie lächelt: „Das war schon anstrengend.“ Seit rund 20 Jahren leitet Tischer nun Chöre in Schainbach, Gerabronn (inklusive Kinderchor) und den Frauenchor in Rot am See. Begonnen hat alles in einer Jugendgruppen-Band.

 Eine Prise Jugendlichkeit ist zu Beginn der Probe zu spüren. „Wir lassen das Gesicht ganz locker, alle Falten sind weg“, fordert Tischer ihre Sängerinnen auf. „Wir spüren Regentropfen auf dem Schopf. Dann räumen wir den Mund auf. Liiiiiii – oooooo – uuuuuuuuuh.“ Die Chorleiterin macht vor, die Sängerinnen ziehen willig nach. Dann werden die Damen auf die Stücke vorbereitet. „Das sind drei schöne Sachen. Die kann man notfalls auch einstimmig singen.“ Sie sind zwar dreistimmig gesetzt, aber das wird erst später das Ziel sein. „Ich sehe empor zu den Bergen“, der Psalmtext klingt gesanglich anfangs etwas verhalten. „Wir machen es so, dass es schön für uns ist, dann klingt es auch schön“, kommentiert Tischer. Kurz darauf hört sich der Choral deutlich harmonischer an, die Chorleiterin strahlt: „Die Augen machen 95 Prozent der Musik aus!“ Für ihr eigenes Lächeln bekommt sie ein vielfaches Lächeln zurück.

 Auch wenn es nicht um das Einüben von konzertanten Werken geht, so ist doch ein gewisser Ehrgeiz zu spüren. „Bevor wir schief singen, singen wir was zwei Mal.“ Helga Benda nickt. „Man tut etwas Gutes, wenn man als Chor auf einer Beerdigung singt.“ Ludmilla Reiter ist „seit Jahrzehnten dabei“ und „freut sich auf die gemeinsamen eineinhalb Stunden Probenzeit“. Nach einer kurzen Pause wird weiter geübt, Tischer stimmt die Damen ein: „Wenn ihr durch die Augen singt, hört sich das ganz anders an!“

Der Lauf des Lebens

Ob es den Chormitgliedern sehr nahegegangen ist, als sie vor kurzem auf der Beerdigung einer Mit-Sängerin aufgetreten sind? Die Antwort der Sängerinnen lautet unisono: „Es ist der Lauf des Lebens.“

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