Senioren Aufräumen, so lange man noch kann

Das Übergangscoaching von Ursula Schneider-Szutta ist eine lösungsorientierte Beratung für Menschen rund um den Ruhestand und um Übergänge im Allgemeinen.
Das Übergangscoaching von Ursula Schneider-Szutta ist eine lösungsorientierte Beratung für Menschen rund um den Ruhestand und um Übergänge im Allgemeinen. © Foto: Michaela Christ
Michaela Christ 12.01.2018

Paul zählt voller Erwartung die Tage bis zur Rente. Maria ist nach langer schwerer Krankheit Frührentnerin. Peter wurde nach Standortschließung und Stellenabbau von heute auf morgen unfreiwillig in den Ruhestand versetzt. Drei verschiedene Wege, die alle zu ein und demselben Ergebnis führen: Die Hauptbeschäftigung, die die meiste Zeit des Lebens eingenommen hat, fällt plötzlich weg.

Unter den vielen Übergängen in einem Leben ist der Wechsel vom Beruf in den Ruhestand von besonderer Bedeutung. „Hatte man in früheren Lebensphasen noch sehr viel Zeit vor sich, tritt bei diesem Übergang die Endlichkeit unseres Lebens mit ins Bewusstsein“, sagt Ursula Schneider-Szutta (63) aus Vellberg, die ehemalige Konrektorin des Schulzentrums Bühlertann.

Lebenslustig wie nie zuvor

Ist das wirklich so? Schließlich sind die Rentner des 21. Jahrhunderts so lebenslustig wie noch nie zuvor. Laut Sterbetafel von 2013/2015 wird ein heute Sechzigjähriger durchschnittlich 82 Jahre alt, während seine gleichaltrige Ehefrau sogar noch ihren 85. Geburtstag feiern darf. Umgerechnet auf das Renteneintrittsalter von derzeit 65 Jahren blieben Männern damit 17 Jahre Zeit im Ruhestand, Frauen sogar runde 20 Jahre. Zeit, das zu tun, was oftmals im Arbeitsleben als unerfüllte Wünsche oder Träume auf der Strecke blieb. „Lebenszeit genießen, ist im Alter oft besser möglich, wenn man mit sich im Reinen ist“, richtet Schneider-Szutta den Blickwinkel dieser Lebensphase auf die Endlichkeit. An exakt dieser Stelle setzt ihr Übergangscoaching an.

Die pensionierte Konrektorin weiß, wovon sie spricht. Vor einem Jahr hat sie die Schule verlassen und selbst den Schritt ins „dritte Alter“ gemacht. In dieser Zeit des Zeithabens verbringt Schneider-Szutta viele Tage in Seniorenheimen mit ihrer Mutter und Schwiegermutter. Sie sitzen gemeinsam im Speisesaal, im Gruppenraum, im Garten. Schon zu Schulzeiten gehörte eine gute Beobachtungsgabe zu ihren Stärken. Denn Schneider-Szutta blickt mit dem Herzen und löst Probleme mit Verstand. 2001 schloss sie berufsbegleitend eine mehrjährige Ausbildung zur Beraterin am Institut für lösungsorientierte Beratung und Supervision (ILBS) in Heidelberg ab. Das brachte ihr über die Schulgrenzen hinaus den Ruf einer exzellenten Supervisorin und lösungsorientierten Schulberaterin ein.

„In den Seniorenheimen erlebte ich Menschen, die unzufrieden und vorwurfsvoll auf ihr Leben blickten. Und darum ihre letzten Jahre sehr unglücklich und innerlich belastet verbringen müssen“, erzählt Schneider-Szutta. Dazu zählen Enttäuschungen, Verluste, Verletzungen, Familienzwist, verpasste Aussprachen, Selbstvorwürfe und Kränkungen, aber auch verpasste Chancen. Dinge, die weder gelöst noch verarbeitet wurden und die mit über 80 Jahren bei entsprechender körperlicher Verfassung oft nicht mehr in Angriff genommen werden können. „Das ist das Traurige an dieser Situation. Dass es in diesem Alter oft zu spät ist. Diese Dinge können deutlich besser zu Beginn des Ruhestandes angegangen werden, wenn man noch aktiv Entscheidungen treffen und umsetzen kann“, beschreibt die Beraterin den Hintergrund ihres Coachings.

Verpasste Chancen

Das hört sich eigentlich ganz einfach an. „Ist es oftmals auch. Vor allem aber ist es erleichternd“, erfährt Schneider-Szutta in ihren Sitzungen. Weil nach dem letzten Arbeitstag zuerst die Verluste in Augenschein genommen werden. Dabei hat jede Phase des Lebens auch Gewinne. Es gibt eine Vielzahl von Dingen, die älteren Menschen meistens besser gelingen als Jüngeren, weiß die neue Psychologie des Alterns. Dazu zählen nicht nur Omas leckeres Weihnachtsgebäck oder Opas Fertigkeit beim Flicken von Fahrradreifen.

Ältere Menschen verfügen zum Beispiel über günstigere Bewältigungsformen, um alltägliche Konflikte mit Mitmenschen zu lösen. Einzig und allein, weil sie viel mehr Lebenserfahrung mitbringen. Die sie auch für sich selbst einsetzen können, indem sie Ereignisse ihres Lebens neu bewerten, alte Träume aufleben lassen und den einen oder anderen Traum sogar erst realisieren. Aufräumen, so lange man noch kann: Damit das Leben keine Baustelle bleibt, Ordnungen hergestellt oder umgeräumt werden, Ballast zurückbleibt und neue Räume aufgemacht werden können.

Info Weitere Informationen gibt es unter www.schneider-szutta.com.

60 Jahre – und noch jede Menge Zukunft

Sowohl die Kirche als auch Netzwerke wie „Zwar“ (Zwischen Arbeit und Ruhestand) oder der Kreisseniorenrat bieten Themennachmittage und Seminare zur Übergangssituation sowie zum Themenkomplex „60 Jahre – und noch jede Menge Zukunft“ an. Dazu werden vom Kreisseniorenrat jährlich drei Bildungstage angeboten. Ziel ist einerseits, Politik und Gesellschaft für die Bedürfnisse der Älteren zu sensibilisieren. Andererseits werden konkrete Hilfestellungen angeboten, die neugewonnene freie Zeit mit sinnvollen ehrenamtlichen Betätigungen zu ergänzen. Hierzu gibt es bereits viele Beispiele im Landkreis: Die Bürgervereine, der Besuchsdienst, die Seniorengenossenschaft, die Stadt- und Ortsseniorenräte, die Bürgerbusse und viele mehr. „Wir sind über jede sinnvolle Ergänzung der Angebote dankbar“, sagt Karl Heinz Pastoors (65), Diakon in Rente und seit 2015 Vorstand des Kreisseniorenrats in Schwäbisch Hall. mc