Unternehmen Aufräumen und tschüß

Schwäbisch Hall / Jürgen Stegmaier 15.12.2018
Zwei Mahle-Gesellschaften kehren dem Standort Schwäbisch Hall-Sulzdorf den Rücken, bei einer dritten ist dies noch ungewiss. Etwa 75 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Wer sich auf der Internet-Seite von Mahle über die Standorte des Stuttgarter Konzerns informieren will, kommt ins Staunen: Eine großformatige Fotografie zeigt die eindrucksvolle Skyline Hongkongs. Einen Klick weiter erreicht der Besucher die Liste der deutschen Niederlassungen. Auf dieser könnte Schwäbisch Hall schon bald getilgt werden. Vielleicht aber behält eine von drei Mahle-Gesellschaften ihren Sitz im Sulzdorfer Industriegebiet. Über die Zukunft der Behr Hella Service ist noch nicht entschieden.

Dagegen sind die Tage der Betriebe Mahle Behr Service sowie Mahle Industrial Thermal Systems in Sulzdorf gezählt. Anfangs der Woche fuhren Laster vor, sie transportierten Einrichtungen ab. Schon seit Wochen wird das Lager demontiert. Arbeitsplätze gehen verloren.

Abschied 2015 angekündigt

Die Mahle Behr Service (MBS) ist ein Ersatzteilespezialist im Bereich des Thermomanagements für Fahrzeuge. Der Betrieb liefert Teile, die zur Wartung, Reparatur und Nachrüstung nötig sind. Als Branchenbegriffe haben sich dafür die Worte Aftermarket und Aftersales etabliert. Bereits 2015 hat Mahle angekündigt, dass das Lager des Betriebs in Schwäbisch Hall-Sulzdorf Ende 2018 geschlossen wird. Jetzt wird der Standort wie geplant aufgelöst.

Mahle teilt über seinen Pressesprecher mit, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben habe. Den Beschäftigten aus der Verwaltung wurden Jobs in Stuttgart angeboten. Vier Staplerfahrer finden bei Mahle Ventiltrieb GmbH in Gaildorf neue Arbeit. Den rund 25 Mitarbeitern im Lager werden entweder Abfindungen angeboten oder sie landen in einer Auffanggesellschaft. Zuletzt hat die Mahle Behr Service in Sulzdorf rund 30 Menschen beschäftigt.

Aus der Belegschaft ist zu hören, dass die Logistik der MBS verlagert wird. Seit September seien rund 10 000 Paletten, Gitterboxen und Kleinteilebehälter von Sulzdorf ins westböhmische Horšovský Týn (Tschechien) versandt worden. Soviel die Redaktion in Erfahrung gebracht hat, ist dort das Unternehmen Sigloch Distribution aus Blaufelden künftig für die Lagerabwicklung zuständig.

Verzögerung um ein Jahr

„Die Mahle Industrial Thermal Systems befasst sich am Standort Schwäbisch Hall mit dem Service und der Instandsetzung von Kühlanlagen und Wärmetauschern sowie der Montage und Reparatur von Hydraulikpumpen und -motoren“, macht der Konzernsprecher deutlich. Die Verlagerung der Geschäftsaktivitäten wurde zunächst ebenfalls für Ende 2018 angekündigt, sie verzögert sich aber voraussichtlich um ein Jahr. Ende 2019 soll der Wechsel in den Raum Stuttgart, möglicherweise nach Zuffenhausen, erfolgen. Diese Gesellschaft beschäftigt etwa 15 Mitarbeiter.

Ob auch die Behr Hella Service Sulzdorf verlässt, steht noch in den Sternen. „Es gibt noch keine Standortentscheidung“, lässt Mahle wissen. Der Betrieb ist darauf spezialisiert, Produkte für Kühlung und Klimatisierung im Fahrzeugbereich für Wartung, Reparatur und Nachrüstung zu vermarkten und zu vertreiben. Mahle plant die Übernahme der Anteile von Hella an dem Gemeinschaftsunternehmen Behr Hella Service nach einer Übergangszeit bis Ende 2019. Der Betrieb in seiner bisherigen Struktur soll Ende 2019 liquidiert werden, alle rund 30 Mitarbeiter sollen ein Übernahmeangebot erhalten.

„Sauberer Sozialplan“

Für den Abzug beziehungsweise Teilabzug aus Sulzdorf haben nicht alle Beschäftigten Verständnis. „Die halten aber durch. Sie räumen den Dreck auf und lassen sich dann rausschmeißen“, äußert sich ein verantwortlicher Mitarbeiter mit einiger Bitterkeit. Er will anonym bleiben, ist der Redaktion aber bekannt. Immerhin räumt er ein, dass Mahle einen „sauberen Sozialplan vorgelegt“ hat. Es hätte schlimmer kommen können.

Allerdings hätten die bisherigen Lagermitarbeiter erhebliche Einbußen hinzunehmen. Sie seien nach Metalltarifvertrag bezahlt worden, hätten also gut verdient. „Eine solche Stelle finden die nie wieder“, vermutet der Informant.

Einer der größten Zulieferer der Automobilindustrie

Spezialisiert hat sich Mahle auf die Geschäftsbereiche Motorsysteme, Filtration und Thermomanagement. Zu den Kernkompetenzen der Unternehmensgruppe zählen die Entwicklung von Kolbensystemen und Zylinderkomponenten. Damit wird Mahle in allererste Linie auch in Verbindung gebracht. Das Unternehmen gehört nach eigenen Angaben zu den 20 größten Automobilzulieferern der Welt. An rund 170 Produktionsstandorten beschäftigt Mahle rund 80 000 Menschen. Davon arbeiten rund 13 000 Beschäftigte in Deutschland.

2017 erwirtschaftete Mahle einen Umsatz von 12,8 Milliarden Euro (+3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). 2017 machte der Konzern einen Gewinn (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) in Höhe von 960 Millionen Euro. Dies entspricht einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 11 Prozent.

Mahle gehört zu 99,9 Prozent der Mahle-Stiftung GmbH. Sie hat ihren Sitz in Stuttgart. Die Stiftung wurde 1964 von den Brüdern Ernst und Hermann Mahle gegründet. Geführt wird der Konzern von einer siebenköpfigen Geschäftsführung. Dieser steht Jörg Stratmann vor.

Was Umsatz und Anzahl der Mitarbeiter anbetrifft ist die Mahle GmbH vergleichbar mit dem Würth-Konzern.

In der Haller Region hat Mahle weitere Standorte: Mahle Ventiltrieb GmbH in Gaildorf und Mahle Filtersysteme GmbH in Öhringen.

Gegründet wurde Mahle 1920 in Cannstatt. Damals entwickelte der Betrieb Zweitaktmotoren.

Das Betriebsgelände in der Sulzdorfer Dr.-Manfred-Behr-Straße 26-46 ist rund 25 000 Quadratmeter groß, die Lagerfläche beträgt 11 000 Quadratmeter. just

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