Baugeschichte Auf Spurensuche im Dachgebälk der Michaelskirche

Schwäbisch Hall / Brigitte Hofmann 21.08.2018
Für das Projekt „Gastgeber Kirche“ führt Bernd Weber hinauf in den Dachstuhl der Haller Kirche St. Michael.

Früher waren sie ganz schön clever“, konstatierte Bernd Weber, was alle in der Runde mit Kopfnicken bestätigten. Annähernd 30 Interessierte bewegten sich zwischen mächtigen Balken, Sparren und Dielenböden in den oberen Geschossen des mittelalterlichen Prachtbaus. Sie waren die schmale Wendeltreppe hinaufgestiegen, um besonders den Dachstuhl der Kirche in Augenschein zu nehmen und Wissenswertes über ihn zu erfahren.

Früher Erfahrung, heute Formeln

Darunter Schornsteinfeger Jörg Engelhardt und Pastoralreferent Wolfram Rösch aus Schwäbisch Hall, die als ehrenamtliche Feuerwehrmänner ihr Augenmerk nicht zuletzt auf den Brandschutz richteten. Oder Johannes und Christine Michael aus Gaildorf, die mit der Kirche mehr verbindet als der Name Michael. Zimmermeister Karl-Heinz Paxian aus Fichtenberg war in erster Linie aus beruflichem Interesse da. Er musste Bernd Weber laufend bestätigen, dass man das alles heute so niemals machen würde.

Die Tragfähigkeit des Daches, die vom Statiker mittels komplizierter Formeln errechnet würde, schufen die Zimmerleute von damals mit Köpfchen und dem überlieferten Erfahrungsschatz vorhergehender Generationen.

Erste urkundliche Erwähnung fand die zunächst romanische Basilika im Jahr 1156, als der Würzburger Bischof Gebhard von Henneberg, zu dessen Diözese Hall gehörte, den Neubau zu Ehren Christi, Mariens, des Heiligen Kreuzes und des Erzengels Michael weihte. Sie war nach vorliegenden Zeugnissen flach gedeckt und verfügte über einen innen halbrunden Rechteck-Chor.

Ab 1427 wurde sie abgebrochen und an ihrer Stelle ein quadratisches gotisches Hallenschiff errichtet. Ein neuer gotischer Westturm anstelle des romanischen war auch geplant, wurde aber nie gebaut. Vorübergehend kamen die Arbeiten am neuen Langschiff zum Erliegen, ehe sie 1495 unter den Baumeistern Hans Scheyb und Bernd Schaller fortgeführt wurden.

Vom 31. März 1516 datiert die Urkunde, mit der Meister Hans, Zimmermann aus Waldenburg, den Auftrag für die Errichtung von „Bau und Holtzwerck auf dem Chor zu Sannt Michael“ erhielt. Darin festgeschrieben war, dass die Bezahlung der Knechte für die Zimmerarbeiten „uff sein Costen“ gehe, der Haller Rat aber Material und zusätzliche Leute stelle. 200 rheinische Gulden sollte er für seine Leistungen bekommen.

Erster Halt auf der Tour war im Hans-Werner-Hönes-Raum. Als der Regierungsbaudirektor, der mit einer Hallerin verheiratet war, 1984 in Ruhestand ging, nahm ihn die Haller Kirchengemeinde sofort in Beschlag. 1988 begann die Außenrenovierung der Kirche St. Michael, achteinhalb Millionen Euro wurden investiert. Als Beauftragter und Bevollmächtigter sei Hönes täglich auf der Baustelle gewesen, erzählte Weber. „Jeden Sparren hat er gestreichelt und jeden Dachziegel begrüßt.“ Hönes, der 2015 starb, hat die „Baugeschichtliche Dokumentation St. Michael“ auf über 500 Seiten festgehalten.

„Gottvertrauen“ ins Dach

Auch im Dach ist viel passiert. An allen Ecken und Enden wurde Hand angelegt, um es zu stabilisieren. „Oftmals mit Gottvertrauen“, mutmaßte Weber und erklärte die Besonderheiten des zweifach stehenden Dachstuhls mit liegender Konstruktion und Steigbändern. Mit fundiertem Wissen, pädagogischen Fähigkeiten und bemerkenswerter Lebendigkeit wusste er die Gruppe zu fesseln. Dann ging es hinauf auf die zweite Ebene und schließlich durch eine Feuerschutztüre hindurch, um über den Chorbereich zu gelangen. Alle Teilnehmer zeigten sich beeindruckt von den damaligen Baukünsten und fasziniert vom Naturbaustoff Holz, der mit seinen vielfältigen Eigenschaften seit 500 Jahren das Dach trägt.

Regelmäßig offene Türen in den Gotteshäusern

Mit dem Projekt „Gastgeber Kirche“ lädt die evangelische Kirchengemeinde St. Michael und St. Katharina Menschen aus nah und fern ein, die mittelalterlichen Kirchen St. Michael, St. Katharina und Urbanskirche zu besuchen. Hinter dem Namen „Gastgeber Kirche“ verbergen sich engagierte Männer und Frauen, die dafür sorgen, dass die drei Kirchen auch unter der Woche der Öffentlichkeit zugänglich sind. Regelmäßige Führungen gibt es von April bis Oktober; an jedem 2. Samstag im Monat in den Turm und zu den Glocken, an jedem 3. Samstag in den Dachstuhl und an jedem 4. Samstag in den Kirchenraum. Die Führungen beginnen jeweils um 11.15 Uhr, anmelden muss man sich nicht.Näheres unter www.gastgeber-kirche.de.

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