Die beiden, ein Mann und eine Frau, fallen auf – egal wo sie sind. Sie ziehen neugierige Blicke auf sich oder werden direkt angesprochen. „Seid ihr Wandergesellen?”, fragt die Dame am Tisch nebenan im Café, noch bevor sie ihren Kaffee abstellt und sich setzt.

Falk ist 32 Jahre alt und seit fünf Jahren auf der Wanderschaft. Während der Walz wird der Nachname abgelegt, sodass er nun „Falk, fremder freireisender Bäcker und Konditor“ heißt. In Kassel ist der ruhige Bäcker geboren und hat in den vergangenen Jahren viel gesehen. „In Deutschland war ich schon von Flensburg bis Passau unterwegs. Meine nächsten Ziele sind Frankreich und Südamerika.”

Er ist Helens Altgeselle. Das heißt, er hilft ihr in den ersten Monaten der Wanderschaft. Deshalb sind die beiden zu zweit auf der Walz. Die 23-Jährige ist erst zwei Monate unterwegs und, anders als ihr Altgeselle, nicht freireisend, sondern „Aspirantin bei den vereinigten Löwenbrüdern und -schwestern“. Das ist einer der acht Schächte, denen sich Wandergesellen anschließen können. In einigen Wochen ist Helens Probezeit vorbei. Dann wird sie alleine weiterreisen und die anderen Gesellen des Schachtes werden entscheiden, ob sie aufgenommen wird.

Solche Begegnungen wie jene mit der Dame im Café freuen Helen und Falk. Begeistert beantworten sie die Fragen und verfallen in ein langes Gespräch mit der Tischnachbarin. Es stimmt: Sie sind Wandergesellen. Ihre auffällige Kleidung lässt es viele bereits erahnen.

Zurzeit machen die beiden Halt in Ilshofen-Obersteinach und wohnen und arbeiten bei der Bäckerei Kretzschmar. Falk und Helen sind Bäcker und Konditor. Bekannt sind meist nur Zimmerer oder Dachdecker, die auf die Walz gehen, doch ein Handwerker, egal welches Fachgebietes, kann nach einer abgeschlossenen Ausbildung die Wanderschaft antreten. Früher war es Voraussetzung, um den Meistertitel bekommen zu können. Heute ist es freiwillig und vor allem eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln.

Drei Jahre und einen Tag

Menschen zu begegnen, das sei einer der wichtigsten Gründe, warum Helen und Falk sich auf die Wanderschaft begeben. Einige Regeln helfen ihnen dabei, nicht den bequemen und einfachen Weg zu gehen, sondern auf Menschen aktiv zuzugehen. Mindestens drei Jahre und einen Tag dauert die Walz.

Währenddessen darf man dem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen und kein Smartphone oder internetfähiges Gerät besitzen. Für Fortbewegung und Logis darf kein Geld ausgegeben werden. Dieser Verzicht soll dabei helfen, Menschen anzusprechen, zu fragen und zu suchen. Zum Antritt der Walz muss man jünger als 30 Jahre alt, ledig, kinderlos und straffrei sein.

Falk weist immer wieder auf wichtige Regeln hin, auch wenn sie zum Teil nur Kleinigkeiten betreffen. Doch wo findet man dieses kompliziert erscheinende Regelwerk? „Woran wir uns halten sollen, ist uns sehr wichtig”, betont der Bäcker und Konditor, „alles wird nach alter Tradition mündlich an neue Wandergesellen weitergegeben.”

100 Gesellen auf einer Baustelle

Maximal drei Monate arbeiten und leben die Bäcker auf Wanderschaft an einem Ort, bevor sie wieder weiterziehen. Ob die Regeln nicht einengen und das ständige Weiterreisen einsam macht? „Manchmal wäre ein Handy praktisch”, räumt Helen ein, „wenn zum Beispiel die Arbeitspläne per E-Mail oder Whatsapp verschickt werden, müssen wir andere Wege finden, um trotzdem die Informationen zu bekommen.“ Doch beide betonen, dass die Gemeinschaft unter den Wandergesellen so stark sei und die kleinen Stolpersteine schnell vergessen sind, wenn man sich beispielsweise im Sommer zu einer Großbaustelle trifft. Hier kommen bis zu 100 Wandergesellen zusammen und arbeiten ohne Bezahlung für ein soziales Projekt.

In Obersteinach in der Backstube der Bäckerei Kretzschmar wurden Helen und Falk ohne zu zögern aufgenommen. In der ersten Nachtschicht war die Aufregung und Neugier unter den anderen Bäckern groß. Mittlerweile funktioniert das Miteinander sehr gut. „Wir sind immer offen für Neues”, so Geschäftsführer Markus Kretzschmar, „deshalb haben wir den Wandergesellen auch innerhalb weniger Tage einen Schlaf- und Arbeitsplatz zugesagt.“ Der Fachkräftemangel im Handwerk trifft vor allem die ländlichen Gebiete. Die neuen Kollegen auf Zeit können hier ein wenig aushelfen.

Ein Leben ohne Smartphone?

Die Wandergesellen Falk und Helen wirken ruhig, bescheiden, dankbar und zufrieden. Eigenschaften, die in der heutigen Arbeitswelt immer seltener werden. Und nachdem man alle Neugierde gestillt hat und alle Fragen zu ihrer besonderen Lebens- und Reiseart beantwortet sind, bleiben sie im Gedächtnis. Man stellt sich selbst Fragen: Wie wäre es, ohne Smartphone zu leben? Wie wäre es loszulaufen, ohne das Ziel zu kennen? Die Gedanken bleiben für einen kurzen Moment und schon verfliegen sie wieder, denn das Handy vibriert und man eilt zum nächsten Termin.

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Jedes Detail der Kluft hat eine Bedeutung


Die Kluft der Bäcker ist nicht nur auffällig, sondern auch traditionell. Jedes kleine Detail hat eine Bedeutung. Nur beim Arbeiten in der Backstube wird die Kluft mit üblicher Arbeitskleidung getauscht.

Deckel: Die Form des Hutes ist frei wählbar. Wichtig ist, dass die Krempe fünf Zentimeter breit und die Farbe schwarz ist.

Staude: So wird das weiße Hemd genannt. Bei Freireisenden ist der Kragen eingeschlagen. Die Ärmel des Hemdes sind stets nach innen hochgekrempelt – damit man immer arbeitsbereit ist.

Weste: In der Weste sind wichtige Dinge verstaut, zum Beispiel das Wanderbuch, das niemals fotografiert werden darf.

Muster: Das Pepitamuster drückt das Lebensmittelgewerk aus. Bäcker, Metzger, Brauer und Co. tragen dieses Muster.

Knöpfe: Die acht Perlmuttknöpfe stehen für acht Stunden Arbeit am Tag. Perlmutt diente in früheren Zeiten auch als Notgroschen.

Gepäck: Das Gepäck besteht mindestens aus einer Hauptrolle und wird traditionell linksschultrig getragen. Es ist in ein Tuch, ein sogenannter Charlottenburger, eingepackt und beinhaltet alles, was zur Arbeit benötigt wird.

Stock: Der Stock heißt Stenz und ist der Reisekamerad der Wanderer. Die Windungen des Geißblatts sind darin zu erkennen. fb