Geschichte Auf der Spur des Großvaters im Schützengraben

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 19.06.2018
Vor 100 Jahren kämpfte Heinrich Schmid im Ersten Weltkrieg. Sein Enkel Walter Schmid fand einen alten Stellungsplan.

Da liegt es auf dem Tisch: ein etwa auf Din-A-4-Größe gefaltetes, bräunliches Stück Papier, sicherlich ziemlich alt. Eigentlich könnte man so etwas, wenn man schon beim Ausräumen ist, einfach wegwerfen. Doch das bringt Walter Schmid aus Hall nicht übers Herz. Das war schon immer so. Der 53-Jährige stammt aus der Mittelmühle in Oberscheffach, „und da wurde nicht einfach etwas weggeschmissen“.

Als er vor vielen Jahren die elterliche Mühle – immerhin sieben Stockwerke – ausräumte, hat er das meiste schnell in Kisten gepackt und sie vorerst in Sulzdorf eingelagert. Später kaufte Schmid ein altes Bauernhaus in Untersontheim und brachte dort die Hinterlassenschaften aus der Mühle unter. Als er dann vor einiger Zeit begann, dieses Lager aufzulösen und sämtliche Kisten gründlich zu durchforsten, geriet ihm auch der Karton mit jenem gefalteten Papier in die Hände.

Da lag es also. Einfach entsorgen, ohne wenigstens einmal nachgeschaut zu haben? Das geht nicht. Walter Schmid klappt das Papier auf. Vor ihm breitet sich eine Karte aus dem Ersten Weltkrieg aus: der Stellungsplan der Stadt Arras im Norden Frankreichs, mit dem Datum vom 20. Juni 1918 versehen – genau 100 Jahre alt. Ungezählte Linien sind zu sehen, eingezeichnete Kampfgräben, Hauptmarschwege, Versorgungslinien, Munitionslager, Ballonaufstiegsstellen, von einer Wotanstellung ist zu lesen. Ein Dokument, das sich auch ein Historiker anschauen sollte, denkt sich Schmid und knüpft daher Kontakt zum Stadtarchiv.

Derweil geschieht quasi etwas, das viele Menschen kennen, wenn sie auf ein Familienfundstück stoßen. Der Anblick des Stellungsplans bringt den ständig laufenden Denkerrädchen in Walter Schmids Kopf einen zusätzlichen Impuls – und bringt ihn zu seinem Großvater väterlicherseits: Heinrich Schmid, 1880 in Feld­stetten geboren und 1965 in Hall gestorben, als Enkel Walter gerade mal ein Jahr alt ist. Der Großvater hatte das Haus am Postgütle in Hall gebaut, in dem der Enkel heute lebt. Nebenan, sozusagen in Sichtweite, liegt er auf dem Friedhof. Der Großvater hat am Ersten Weltkrieg teilgenommen.

Erste Panzerschlacht

Längst recherchiert Walter Schmid mit detektivischem Spürsinn in seiner Familiengeschichte, und er stöbert in alten Unterlagen seiner Familie. Er fördert alte Fotografien zutage, die den Großvater, der damals in Pommertsweiler Lehrer war, in Uniform zeigen – auch gemeinsam mit seiner Frau Juliane. Walter Schmid entdeckt Feldpostbriefe und -karten, in denen dem Großvater beispielsweise zur Beförderung als Leutnant gratuliert wurde. „1918 war er beim Infanterieregiment 180, 6. Kompanie/Sturmbataillon 4“, berichtet Schmid. Auch bei der Panzerschlacht im November 1917 bei Cambrai, südöstlich von Arras, der ersten Panzeroffensive der Geschichte, war der Großvater dabei. Seine Einheit gehörte zur 51. Reserve-Infanterie-Brigade aus Tübingen, der auch das Reserve-Infanterieregiment Nr. 121 aus Hall angehörte. Im November 1918 erlebte Heinrich Schmid die Räumung des besetzten Gebiets und trat den Rückmarsch über Lüttich, Köln und Barmen an. Im Dezember 1918 erfolgte der Heimtransport per Bahn, hat der Enkel herausgefunden. Ob sein Großvater später in der Familie von seinen Kriegserlebnissen berichtet hat? „Nein, er hat nicht viel erzählt“, weiß Walter Schmid von älteren Verwandten. Dieses Schweigen kenne er von seinem Vater, der Soldat im Zweiten Weltkrieg war, und dem seine Erinnerungen offenbar schwer zu schaffen machten: „Mein Vater war immer nachts wach, der Krieg hat ihn verfolgt“, sagt Walter Schmid.

Sortieren, erkennen, zuordnen

Ihn treibt heute die Frage um, warum Großeltern und Eltern diese alten Papiere aufbewahrt haben. Und: Was bleibt denn einmal übrig vom Menschen? „Ich will es wenigstens dokumentieren“, sagt der 53-Jährige. Deshalb öffnet Walter Schmid nach und nach jede Kiste, er sortiert, systematisiert, digitalisiert, recherchiert, muss zuordnen – und damit ergeben sich für ihn sowohl immer wieder neue Fragen als auch neue Verbindungen und Erkenntnisse. Ein echter Jäger und Sammler also? „Absolut“, gibt er unumwunden zu.

„Die einzelnen Fragmente ergeben dann ein ganzes Bild über die Person“, erklärt Walter Schmid. Ob sie auch etwas über die persönlichen Eigenschaften aussagen? Schmid analysiert nüchtern und hat da seine Zweifel. Dennoch: Hinter all diesen Bildern, Briefen, Postkarten, Urkunden und Rechnungen entsteht eine Geschichte – auch die eigene Familiengeschichte.

Aufgewachsen im Bühlertal

Walter Schmid ist 53 Jahre alt. Aufgewachsen ist er in der Mittelmühle in Oberscheffach. Seit rund 20 Jahren lebt er in Hall. Der kaufmännische Angestellte hat 20 Jahre lang in der Holzbranche gearbeitet, inzwischen ist er im Service der Verpackungsindustrie tätig. Schmid ist verheiratet, er hat einen Sohn und eine Tochter im Alter von 23 und 21 Jahren. Seit jeher interessiert er sich für die Umwelt, und er hat ein großes Faible fürs Sammeln.

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