Essenskultur Asien in der Gelbinger Gasse

Verena Köger 01.12.2018

Viele Wege führen nach Schwäbisch Hall. Das beweisen die Besitzer der mittlerweile acht asiatischen Geschäfte in der Gelbinger Gasse in der Altstadt. Schwere Jahre, Schicksale, liegen teils hinter ihnen. Ihre Lebensgeschichten bewegen.

Ratanaporn Rudolph, Thailand (1)

Goldene Elefanten, Bilder von Feldarbeitern, ein plätschernder Brunnen: Ratanaporn Rudolph hat dem ehemaligen Gasthof „Sonne“ direkt am Anfang der Gelbinger Gasse Thailand eingehaucht. Seit Mitte November führt die 47-Jährige das Restaurant Lai Thai. Es trägt denselben Namen wie ihr Massage-Salon, den sie 2014 in der Gelbinger Gasse eröffnet hat. Sie lebt mit ihrem Mann in Künzelsau. Während seines Thailand-Urlaubes verlieben sie sich. Die damals 34-Jährige entscheidet sich 2006, nach Deutschland auszuwandern und ist mittlerweile selbstständig.

Obwohl Rudolph in Künzelsau wohnt, fühlt sie sich Hall verbunden, vor allem wegen der bunten Fachwerkhäuser. Im Brenzhaus trifft sie sich mit anderen zum Kochen. Der schwäbische Dialekt stellt sie allerdings noch vor ein Rätsel. Doch einen Satz hat sie drauf: „Geh mer heim.“

Duangporn Topheng, Thailand (2)

Auch Duangporn Topheng ist 2000 aus Liebe zu ihrem heutigen Mann von Thailand nach Deutschland gezogen. Die 47-Jährige lernte ihn beim Besuch ihrer Tante in Hamburg kennen. Das Paar zieht 2008 nach Hall, da ihr Mann eine Arbeit im Diak bekommt. Seit Juni 2015 betreibt Topheng den Massage-Salon Sawasdee Ka: Großes Schaufenster, Elefanten-Vorhang und viele Orchideen. Die gelernte Friseurin ist zufrieden mit dem Standort, aber wünscht sich, dass nach 18 Uhr mehr Leute in der Gelbinger Gasse unterwegs sind. Die andere Thai-Massage sei keine Konkurrenz. „Jede Frau hat eine eigene Technik. Manche Kunden mögen es stärker, manche schwächer.“

Spricht man die Mutter von zwei Kindern auf ihr Leben in Hall an, strahlt sie. Die Frau mit Blüte im Haar und Sternmotiv auf den Strümpfen fühlt sich wohl. „Hier kennt man seinen Nachbarn und grüßt sich auf der Straße.“ Sie freue sich schon auf Weihnachten, wenn alles so schön dekoriert ist.

Sirwan Ali, Irak (3)

Die Regale im Can Market sind prall gefüllt mit arabischen und türkischen Lebensmitteln. In dem schmalen, länglichen Laden duftet es nach Kaffee und Tee. Etwas kalt ist es, die Kühltheken surren. Beim Gespräch hinter der Kasse erzählt Sirwan Ali seine Geschichte.

2000 flüchtet der Iraker nach Deutschland. Er lebt eine Weile in Köln, bekommt den Tipp, nach Hall zu ziehen. Doch dann wird sein Vater krank. Ali geht zurück in den Irak, steht seiner Mutter bei, auch nach dem Tod des Vaters. Nach seiner Heirat dann der Schicksalsschlag: Sein Sohn stirbt mit sechs Monaten. Ali macht die schlechte medizinische Versorgung verantwortlich. Kein Arzt konnte helfen. „Von da an hasste ich diesen Ort.“ Ali und seine Frau beginnen vor drei Jahren neu in Hall. Den Laden haben sie vor einem Jahr vom Vorbesitzer übernommen.

Denkt der Vater von zwei Kindern heute an sein Heimatland, ist er zwiegespalten. „Der Irak ist reich. Es gibt dort so viel Öl wie Wasser in Deutschland. Aber das Land kommt nicht zur Ruhe. Immer ist Krieg“, sagt der 50-Jährige mit traurigem aber auch sehnsuchtsvollem Blick. Kontakt zu seiner Familie und Freunden im Irak hält er übers Internet.

Die ersten Wochen im Can Market waren schwer, der Umsatz gering. Die Miete dennoch zu zahlen. Mittlerweile hat sich die Familie eingelebt. Der Laden läuft gut. Beim Kundenkontakt kommt Ali zugute, dass er viele Sprachen spricht: kurdisch, persisch, arabisch und deutsch. Hall ist für ihn ein sicherer Platz für seine Familie. Ob er den Laden halten kann, weiß er nicht: „Wir schauen, was die nächsten Monate bringen.“

Quang Hong Nguyen, Vietnam (4)

Fester Händedruck. Abstehende Ohren. Strahlendes Lächeln. So lernt man Quong Hong Nguyen kennen. In dem Betreiber des vietnamesischen Restaurants steckt deutsches Unternehmertum. „Ich trage den Fleiß im Herz“, sagt er. Mit seinem Arbeitswillen zeige der 49-Jährige Respekt gegenüber seiner Wahlheimat.

Dass es mittlerweile so viele asiatische Läden in der Gelbinger Gasse gibt, bewertet Nguyen positiv. „Das ist eine Bereicherung für die Stadt und auch für mein eigenes Geschäft“, sagt Nguyen. „Konkurrenz fördert die Qualität.“ Er setzt seinen Gästen nur vor, was er selbst mag und probiert hat. „Die Küche ist mein Heiligtum.“ Seine Künste rühren von der Zeit, als er mit seiner Familie im zentralen Hochland Vietnams wohnte. „Dort konnten wir nur mit frischen Naturmaterialien kochen.“

Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort. Der Aufenthalt erinnere ihn an ein Leben, das er nicht mehr führen möchte. Chaotisch und unsauber beschreibt er sein ehemaligen Heimatland, das er 1988 mit 18 Jahren verlässt. Über Ost-Berlin und Regensburg, kommt der Anfang 30-Jährige 2001 nach Hall. Seine Frau hat hier Verwandte. 2007 eröffnet Nguyen das vietnamesische Restaurant – mit Tischen, Stühlen und Wänden aus Bambus.

Innerhalb von 30 Jahren hat er sich viele deutsche Eigenschaften einverleibt. Vor allem das Pünktlichsein. Für Nguyen ist klar: „Ich bin mehr Deutscher als Vietnamese. Ich bin Haller.“ In Hessental hat er ein Haus gebaut. Zwei Steinlöwen – 1,40 Meter hoch und 600 Kilometer schwer – stehen dort vor der Tür.

Ananthiran Philuppaiya, Sri Lanka (5)

Schräg gegenüber verkauft Ananthiran Philuppaiya Lebensmittel aus Sri Lanka, Indien und Afrika. Der heute 43-Jährige flüchtet in den 90ern aus Sri Lanka, landet schließlich in Hall. Seine heutige Frau Anusiya kommt 2007 nach. Ihre Ehe wurde arrangiert. Seit 2014 führen sie Aegis Asian Grocery und wohnen mit ihren Kindern im Reifenhof. Der Jüngste leistet Mama Gesellschaft hinter der Kasse. Am Schaufenster stapeln sich Reissäcke. Die Gemüseauswahl ist groß. Auffällig sind die großen Kartoffeln. Maniok, Bittermelone und Okra-Bohnen sind die Verkaufsschlager, weiß Anusiya. Die Mutter ist froh, dass ihre Kinder in Frieden aufwachsen können. Sie und ihr Mann waren, seit sie in Hall leben, nicht mehr auf Sri Lanka. „Zu gefährlich für die Kinder“, sagt die 38-Jährige.

Peter und Dennis Chiu, China (6)

Von Honkong nach England, Frankreich und schließlich nach Hall. Peter Chiu erlangt früh internationales Ansehen als Koch. Mit 14 Jahren verlässt er für seine Ausbildung sein Elternhaus. 1982 wird er in Hall sesshaft und eröffnet das erste chinesische Restaurant in der Gelbinger Gasse. In den ersten Monaten änderte Chiu dreimal die Karte, um den Geschmack der Haller zu treffen, erzählt sein Sohn Dennis. Heute hat der Familienbetrieb eine feste Karte.

Und was schmeckt denn nun den Hallern? „Viel Soße“, sagt der 37-Jährige und lacht. Der studierte Betriebswirt hat das Restaurant 2016 übernommen. Sein Vater ist mittlerweile 73 Jahre alt. Dennoch steht er jeden Tag in der Küche: „So lange ich mich unterordne, gibt es keinen Streit“, sagt Dennis Chiu gelassen und fügt ein „Gell“ an. „Ja, i schwätz schwäbisch“, sagt Chiu aus voller Inbrunst.

Wieso sich gerade in der Gelbinger Gasse viele Asia-Läden angesiedelt haben, erklärt er sich so: „Wo es nach asiatischem Essen riecht, geht man auch gerne zur Thai-Massage.“ Die anderen Restaurants sieht Chiu als „Ergänzung“. Jeder konzentriere sich auf seine Spezialität. Seine Eltern kaufen auch in dem arabischen Geschäft von Sirwan Ali ein, die Mitarbeiter essen beim Vietnamesen. „In der Harmonie kann man gut wirtschaften“ – ein chinesisches Sprichwort.

Sajjad Ahmed Cheema, Pakistan (7)

Der Tandoori Palace befindet sich am Ende der Gelbinger Gasse. Sajjad Ahmed Cheema hat das indische Restaurant vom Vorbesitzer übernommen und im Juli neu eröffnet. Seit Juni 2016 führt der 41-Jährige schon das Restaurant Taj Mahal in Crailsheim. Dort wohnt er auch mit Frau und Kindern. Aufgewachsen ist Cheema in Pakistan. Mit 17 Jahren wandert er ins spanische Llorett de Mar aus. 2014, rund 20 Jahre später, rät ihm ein Freund, nach Hall zu kommen. Auch wenn Cheema noch nicht weiß, ob er seine Restaurants halten kann, sagt er, dass seine Familie hier ein Zuhause gefunden hat.

Der Gang durch die Gelbinger Gasse zeigt: Die asiatische Kultur hat viele Gesichter. Es sind die Lebensgeschichten der Menschen, die die Unterschiede ausmachen. Was auffällt: Die Betreiber schätzen und grüßen sich, kennen sich aber nur wenig. Gemeinsam haben sie den Willen, in Hall ihr Glück zu finden. Sie sind eine Gemeinschaft im Geiste.

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