Armut in einem armen Land ist das Problem des Mangels. Armut in einem reichen Land ist das Problem des Mangels an Gerechtigkeit“, sagt Wolfgang Sartorius. Vor knapp 50 Personen referiert der 56-jährige Diakon und Sozialpädagoge am Montagabend im Brenzhaus. Anlass ist der Kongress der Weltmarktverlierer – ein Gegenpol zum Gipfeltreffen der Weltmarktführer, das gestern in Hall startete. Wer gilt überhaupt als arm? Laut Sartorius jeder, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient. In Deutschland liegt die Armutsgrenze für Singles bei 1086 Euro monatlich, bei einem Paar mit zwei Kindern bei 2281 Euro.

Sorgen und Stress

„Arm ist man nicht für sich alleine, sondern im Verhältnis zu anderen“, so der geschäftsführende Vorstand der diakonischen Erlacher Höhe. Und weiter: Armut beschränke sich nicht auf das Materielle, sondern umfasse unter anderem Gesundheit, Ernährung und Bildung. „Armut bedeutet Sorge und Stress“, so Sartorius. „Wenn Sie ein Loch gestopft haben, entdecken Sie nebenan drei neue.“ Gewisse Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und das metabolische Syndrom kämen besonders häufig bei Armen vor. „Armut ist eine lebensverkürzende und tödliche Situation.“

Der Referent zeigt eine Statistik, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Auftrag gegeben hat. Es geht um die Lebenserwartung bei Geburt. Ist die Familie arm, sterben die Männer im Alter im Schnitt mit 70,1 Jahren. Liegt das Einkommen 150 Prozent über dem durchschnittlichen Wert, ist die Lebenserwartung mehr als zehn Jahre höher, genauer 80,9 Jahre. Entsprechend sind die Werte bei den Frauen.

Das Kritische, so Sartorius: Obwohl die Wirtschaft boomt, steige die Armutsquote im Land. Vor 20 Jahren lag sie bei knapp über zehn Prozent, heute bei mehr als 16. Die Politik habe versäumt, gegenzusteuern. Hartz IV hätte die Probleme verschärft.

Hans Graef, pensionierter Haller Lehrer und Sprecher des Kongresses der Weltmarktverlierer, sieht die wachsende Armut als Konsequenz der Wirtschaftspolitik – nicht nur in Deutschland. „Das Wirtschaftssystem ist in eine Art entgleist, dass mir die Worte fehlen.“ Ungleiche Lebenschancen ließen sich nur aushalten, „wenn man abstumpft“.

Keine Langzeitethik

Um dem gegenzusteuern, bedürfe es der freiwilligen Verpflichtung der Wirtschaftsbosse, die aktuell in Hall tagen. „Reichtum verpflichtet“, so Graef. Aber wieder werde beim Weltmarktführer-­Gipfel das Thema Langzeitethik ausgeblendet. „Beim Weltwirtschaftsforum in Davos gab es zumindest ein Papier dazu.“

Doch wie ist die Situation in Hall? Die Erlacher Höhe betreibt in der Kocherstadt unter anderem den Tagestreff Schuppachburg und die Obdachlosen-Unterkunft am Kelkertor. Geschäftsführer Sartorius nennt in seinem Vortrag keine Zahlen aus Hall, geht aber in der folgenden Diskussion auf die Situation ein, die für die Betroffenen prekär sei.

Beispielsweise sei in Hall, wie in vielen anderen Orten auch, der Wohnungsmarkt abgegrast. Leistungsbezieher seien in Konkurrenz mit anderen Wohnungssuchenden klar benachteiligt, obwohl das Amt die Mietzahlung übernehmen würde. „Je weiter man aus Hall rausgeht, desto eher bekommt man eine Wohnung.“ Dort mangle es dann aber an Bus-Anbindung und Arbeitsplätzen. Es müsste gezielt sozialer Wohnraum geschaffen werden.

Den Armen fehle aber der politische Einfluss. „Theoretisch sind wir alle gleich vor dem Gesetz“, so Sartorius. Faktisch macht es aber einen großen Unterschied, ob man zu den Reichen, zur Mittelschicht oder den Armen gehört. Ohnehin würde die Schere zwischen diesen drei Gruppen immer weiter auseinandergehen, nicht nur was das Einkommen betrifft. Jede Schicht lebe in eigenen „Parallelgesellschaften“.

Ein Problem sei auch die Kinderarmut. In Baden-Württemberg seien 10 bis 20 Prozent des Nachwuchses von Armut bedroht. Es sei entscheidend für ein Leben, „wo die Wiege steht“, so Sartorius. Wer in armen Familien aufwachse, erreiche seltener einen höheren Bildungsstand und einen gesellschaftlichen Aufstieg.

Grundsicherung für Kinder

Was hilft? Sartorius hat mehrere Forderungen: die Abkehr von Hartz IV, eine Grundsicherung für Kinder, Mindestbildungsleistungen für Ausbildung und Studium, ein höheres Mindestgehalt. Außerdem müssten Vermögen wieder besteuert und Privilegien für Kapitalerträge abgeschafft werden. Bei großen Unternehmen müssten „Steuern tatsächlich erhoben werden“. Jeder könne etwas tun, wenn er etwa nicht zu Zehn-Euro-Friseuren gehe.

Weitere Termine der Veranstaltungsreihe


Die Akademie der Weltmarktverlierer, eine von Haller Bürgern gegründete Initiative, startete am Freitag in die dritte Auflage ihrer Reihe. Sie will den Fokus auf die Schattenseiten der Globalisierung legen. Durch „hemmungsloses Wirtschaftswachstum“ werde das Klima zerstört, würden die Meere verseucht, Regenwälder abgeholzt und Kleinbauern ihrer Existenzgrundlage beraubt, so die Veranstalter – und weiter: „Kriegs- und Klima­flüchtlinge klopfen an die Türen der reichen Länder, die selbst gespaltene Klassengesellschaften sind.“

Die nächste Veranstaltung ist am Donnerstag, 19.30 Uhr, im Club Alpha. Thema: „Was haben Glyphosat und Bienensterben mit Blackrock zu tun?“ Am Freitag zeigt die Initiative „Umverteilen“ um 19.30 Uhr einen Film im Haus der Bildung. Kabarettist Chin Meyer ist am Dienstag, 12. Februar, 20 Uhr, mit seinem Programm „Macht! Geld! Sexy?“ im Theatersaal im Schlachthaus zu erleben. Karten für das Kabarett gibt es im Vorverkauf in der Tourist-Info.