Schwäbisch Hall Arbeit gegen das Nichtwissen

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 20.08.2018
Beim jenischen Kultur- und Begegnungstag in Wackershofen wird die Geschichte und das Schicksal eine Minderheit lebendig.

Die Tore der Scheune aus Michelfeld beim Steigengasthaus stehen weit offen. Im Hof steht der restaurierte Reisewagen, das Schmuckstück der vor mehr als einem Jahr eröffneten Ausstellung „Auf der Reis – Die ,unbekannte‘ Minderheit der Jenischen im Südwesten“ ist. Gleich daneben im Steigengasthaus ist das Tor im Erdgeschoss ebenfalls geöffnet und gibt den Blick frei auf farbenfrohe und fein gearbeitete Bilder des jenischen Künstlers Ernst Spichiger. Die Werke des Schweizers sind hier zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.

Offene Türen und Tore laden dazu ein, sich in der Scheune über die Geschichte und den Alltag der Jenischen zu informieren, einer transnationalen Minderheit, deren Angehörige vor allem in Teilen Süddeutschlands, der Schweiz und Österreichs leben. Alexander Flügler aus Singen am Hohentwiel zeigt, wie eine Schleifmaschine betätigt wurde. Seit Jahren engagiert sich der Singener für die Pflege der jenischen Kultur, für die Akzeptanz der Jenischen als Teil der Gesellschaft, und er hat einen jenischen Verein in Singen gegründet. „Dreckszigeuner“, „Gesindel“ – solche Beleidigungen hat Flügler sein Leben lang gehört. Jahrhundertelang sei das reisende Volk von Handwerkern und Händlern als asozial abgestempelt gewesen, beklagt er. Dass man bis heute mit Vorurteilen konfrontiert sei, wird deutlich, wenn Flügler von seinen Behördenerlebnissen erzählt: „Wenn sich einer hochschafft, wird er super streng überprüft.“

Gespannt lauschen Karin und Berthold Hees den Schilderungen Flüglers. Das Ehepaar aus Heilbronn ist ganz gezielt zum jenischen Kultur- und Begegnungstag gekommen. Die beiden betreiben Ahnenforschung und sind bei den Vorfahren von Berthold Hees möglicherweise auf Jenische gestoßen. In Wackershofen erhoffen sie sich weitere Impulse und Kontakte. „Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, sagt Karin Hees.

Benedikt Stross, genannt Bemp, aus Karlsruhe ist Jenischer und hat seinen Stammbaum mitgebracht. Bis ins Jahr 1404 kann er seine jenische Familie nachweisen. Geboren wurde Bemp 1940 in Heilbronn. Etliche von Bemps Verwandten sind im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden. Er selbst weiß genau, was es heißt, mit dem Wohnwagen „auf der Reis“ zu sein und sich als Scherenschleifer, Bürstenbinder und Korbmacher durchzuschlagen. „Als 14-Jähriger war ich unterwegs als Schiffschaukelbremser, mit 15 Korbmacher und mit 17 habe ich geheiratet“, erzählt der mittlerweile siebenfache Urgroßvater. Auch er habe immer wieder Ausgrenzungen erfahren. Woraufhin sich ein Museumsbesucher, der in Stimpfach geboren wurde, erinnert, wie er als Kind in den 60er-Jahren nicht mehr vor die Tür zum Spielen durfte, sobald die Fahrenden aus Matzenbach oder Unterdeufstetten ins Dorf kamen: „Da hieß es tatsächlich, die Zigeuner kommen“, schüttelt er den Kopf.

Besucher kommen ins Gespräch

Rund ums Steigengasthaus kommen viele Menschen miteinander ins Gespräch, berichten von Erlebnissen und stellen Fragen. Auch die Vorträgen stoßen auf großes Interesse: Selbst im Flur vor der Gaststube im ersten Stock stehen noch Zuhörer. Venanz Nobel, in Basel lebender jenischer Autor, Künstler und Gründer der jenischen Organisation „Schäft Qwant“ (Jenisch für „es ist gut“), hofft, dass das Museum mit seinen Ausstellung über die Jenischen ein „Geburtshelfer für die Akzeptanz“ des Volks werden könne. Lediglich in der Schweiz sind bislang die Jenischen als Minderheit anerkannt – allerdings erst seit 2016.

Dem „leider verbreiteten Nichtwissen über die Jenischen“ möchte Anna Lipphardt entgegenwirken. Die Professorin am Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie der Uni Freiburg informiert gemeinsam mit Museumsleiter Michael Happe darüber, dass eine Art Verein gegründet werden soll, um weiter systematisch zur Kultur der Jenischen zu arbeiten, und um sich im Netzwerk auszutauschen.

Jenischer Künstler baut in seinen Bildern Brücken

Die Farben leuchten eindrucksvoll. Verblüffend – denn der Künstler selbst ist farbenblind. „Jenische hatten kaum Chancen, als Künstler eigene Wege zu gehen“, sagt Venan Nobel bei der Vernissage zur Ausstellung „Ernst Spichiger – Retrospektive“. Der 1951 geborene Spichiger ist ein Schweizer Jenischer. Als Opfer der Aktion „Kinder der Landstraße“, bei der bis in die 70er-Jahre jenischen Familien die Kinder weggenommen wurden, wuchs bei bäuerlichen Pflegeeltern auf. Ab Anfang der 90er-Jahre widmete er sich der Malerei. Das Trauma der „gestohlenen Kindheit“ habe Spichiger wohl nicht überwunden, sagt Nobel. Doch er schlägt mit seinen Ölgemälden Brücken zwischen der Welt der Bauern und der Welt der Fahrenden. Spichigers Werke werden in Wackershofen erstmals außerhalb der Schweiz gezeigt. Bis Ende September sind sie im Steigengasthof zu sehen. blo

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