Wüstenrot Anruf genügt und das Bürgermobil rollt

Christine Föll holt Traudl Orth in Bärenbronn ab. Sie chauffiert die Senioren zum Einkaufen in einem Supermarkt und hilft ihr anschließend, ihre Sachen zu verstauen.
Christine Föll holt Traudl Orth in Bärenbronn ab. Sie chauffiert die Senioren zum Einkaufen in einem Supermarkt und hilft ihr anschließend, ihre Sachen zu verstauen. © Foto: Sabine Friedrich
Wüstenrot / Sabine Friedrich 20.07.2018
Der kostenlose Service der Gemeinde Wüstenrot für Senioren und Schwerbehinderte ist gestartet. Wer sich anmeldet, wird abgeholt und wieder zurückgebracht. Derzeit gibt es elf ehrenamtliche Fahrer und zwei Koordinatoren.

Heute darf ich dich fahren“, begrüßt Christine Föll in der Neuhüttener Rathausstraße Else Hehr. Statt einzusteigen, wendet diese sich um. „Dann geh’ ich noch mal kurz zurück“, murmelt die Seniorin, läuft ins Haus, um wenig später ihrer früheren Sonntagsschülerin ein Schälchen mit Obst und eine Tafel Schokolade in die Hand zu drücken.

Die zierliche 84-Jährige will sich unbedingt erkenntlich zeigen. Ohnehin hat sie überlegt, ob sie den neuen Service der Gemeinde Wüstenrot überhaupt in Anspruch nehmen soll. „Weil mir das peinlich ist“, sagt Hehr. Und dann ist das Bürgermobil auch noch kostenlos. „Das ärgert mich sowieso“, sagt die Neuhüttenerin geradeheraus.

Trinkgeld kommt ins Kässle

Da kann Christine Föll noch so oft beteuern, dass das doch völlig in Ordnung sei. Nach der Rückkehr von der Physiotherapie in Wüstenrot schiebt die Senioren noch einen Fünfer ins Ablagefach der Mittelkonsole. Die Fahrerin steckt das Trinkgeld später ins Kässle im Rathaus. Einmal im Jahr will das Team aus ehrenamtlichen Fahrern und Koordinatoren davon zusammen essen gehen.

Neun Fahrten hat Christine Föll an diesem Tag. Else Hehr ist die erste Kundin. Während diese ihre Massage bekommt, lässt die 44-Jährige noch schnell die Rück­bank im Autohaus Lauckner ausbauen, wo das über Firmen gesponserte Gemeinschaftsmobil seine Basis hat. Dann ist mehr Platz für die Einkäufe und Trolleys der Fahrgäste.

Den beiden geht der Gesprächsstoff nicht aus. „Ich schwätz immer“, meint „Tante Else“, wie ihre Chauffeurin sie nennt, mit entwaffnender Offenheit. Die Frauen tauschen Erinnerungen an die Sonntagsschule aus. „Das macht solche Fahrten besonders, wenn man Menschen trifft, die man als Kind kennengelernt hat“, sagt Christine Föll. Sie arbeitet im Haus Tabor in Teilzeit mit Suchtkranken. Deshalb ist die gelernte Erzieherin, deren Kinder erwachsen sind, in Sachen Bürgermobil flexibel. An zwei Tagen ist sie derzeit für sechs Euro pro Stunde Aufwandsentschädigung im Einsatz.

Ihren Beitrag leisten

Dass die Gemeinde mit diesem kostenlosen Service etwas für die älteren Einwohner tut, findet Föll „ganz toll“. Auch sie will ihren Beitrag leisten. „Ich bin dankbar, dass es mir gut geht, und das will ich weitergeben“, sagt sie mit einer liebenswerten Selbstverständlichkeit. Else Hehr gibt dann doch zu, wie praktisch das Bürgermobil ist. „Einwandfrei“ sei es, dass man an der Haustür abgeholt werde.

Nicht an der Haustür, aber auf einem Bänkchen in der Nähe wartet Rosemarie Olislagers, die Christine Föll auf der Rückfahrt nach Neuhütten mitnimmt. Die Seniorin hat ihren wöchentlichen Friseurtermin bei der Schwiegertochter. Olislagers gehört quasi schon zu den Stammkunden.

In den ersten drei Wochen, seit das Bürgermobil läuft, hat sie es schon vier Mal geordert. „Ich finde das ganz prima“, sagt sie. „Die Fahrer sind sehr freundlich“, schiebt sie hinterher. „Vielleicht lernt man neue Leute kennen“, kann sich die Wüstenroterin einen positiven Nebeneffekt vorstellen. „Bis nächste Woche“, verabschiedet sich Rosemarie Olislagers von Christine Föll.

An jedem Endpunkt macht die Fahrerin den Eintrag ins Fahrtenbuch und schaut immer mal wieder aufs iPad, ob der Koordinator noch einen kurzfristigen Termin in den Kalender eingetragen hat. Das ist nicht der Fall. Weiter geht’s nach Bärenbronn zu Traudl Orth.

Seit Kurzem fährt die Rentnerin nicht mehr selbst Auto. Also kommt ihr der Start des Bürgermobils zupass. „Wenn niemand es nutzt, wird es wieder abgeschafft“, bringt sie es auf den Punkt. Das Ruf-Taxi-System findet die Bärenbronnerin prima, sie würde auch was dafür bezahlen. Das kostenlose Angebot sei aber für Leute mit knapper Rente besser.

Traudl Orth will heute Blumen kaufen und anschließend noch zum Discounter. „Treffen wir uns dort um viertel eins wieder. Das müsste mir reichen“, macht sie mit der Fahrerin aus. Für Christine Föll ist es selbstverständlich, die Blumen zum Auto zu tragen und im Kofferraum zu deponieren. Und wenn sie den Fahrgast im Supermarkt begleiten soll, dann macht sie auch das gerne.

Taxi fährt von 8 bis 17 Uhr

Etwa 30 Wüstenroter haben das Bürgermobil in den ersten drei Wochen geordert, gibt Helmut Kurz, einer der beiden Koordinatoren, zur Auskunft. „Es ist sehr gut angelaufen“, sagt er. „Wir wollen unsere älteren Bürger mobil halten“, begrüßt er den Service der Gemeinde, der montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr angeboten wird. Gebucht werden kann unter Telefon 0 15 20 / 4 29 68 04, am besten ein bis zwei Tage vor dem Wunschtermin. Mitfahren kann jeder Einwohner ab 60 Jahren oder wer einen Schwerbehindertenausweis besitzt. Bislang stehen elf Fahrer zur Verfügung. Es dürften gerne mehr sein, sagt Kurz. Das gelte auch für die Koordinatoren. Die Ehrenamtlichen erhalten eine Aufwandsentschädigung von sechs Euro pro Stunde. sf

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