Heilbronn/Ilshofen Angeklagter: "Gras war meine Welt"

 
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ELEONORE HEYDEL 05.10.2015
Vor dem Heilbronner Landgericht muss sich seit Freitag ein 27-jähriger Altenpfleger aus Ilshofen wegen illegalen Drogenhandels verantworten. Der Mann gibt seine Drogengeschäfte überwiegend zu.

Der Vorwurf, der dem inhaftierten Altenpfleger gemacht wird, wiegt schwer: In Obersontheim soll er im Jahr 2014 insgesamt sechs Kilogramm Marihuana und 300 Gramm Amphetamin angekauft haben, um das Drogenmaterial gewinnbringend zu veräußern. Die Anklage listet noch weitere Fälle von illegalem Drogenhandel in der Region auf.

Obwohl der 27-Jährige im wesentlichen geständig ist - nur bei den gehandelten Drogenmengen macht er Abstriche - , hat die 3. große Strafkammer des Heilbronner Landgerichts den Prozess auf fünf Verhandlungstage terminiert. Mehr als ein Dutzend Zeugen und ein medizinischer Sachverständiger sollen gehört werden.

"Ich hab' eine gute Kindheit gehabt"

Zum Prozessauftakt am Freitag stand der Lebenslauf des Angeklagten im Mittelpunkt. Ausführlich berichtete der schlanke, gepflegt wirkende Brillenträger über seine Kindheit und seinen beruflichen Werdegang.

"Ich hab' eine gute Kindheit gehabt", sagt er. "Keine Gewalt, keine Trennung", ergänzt er im Beisein seiner Eltern, die als Zuhörer im Gerichtssaal sitzen. Seine Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf will das so nicht stehen lassen: "Die Familie war völlig überfordert." Eine ADHS-Erkrankung (Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom) habe schwere Auswirkungen gehabt. Als Kind habe sich der Angeklagte distanzlos und frech verhalten: "Er war immer Außenseiter, immer am Rand, immer auffällig", sagt Stiefel-Bechdolf.

Früh bekam er das verschreibungspflichtige Medikament Ritalin, die ADHS-Betroffenen in der Regel hilft. Er schaffte den Realschulabschluss und durchlief erfolgreich eine Ausbildung zum Altenpfleger.

Er war in seinem Beruf langjährig in verschiedenen Seniorenheimen tätig. Gleichzeitig verfiel er zunehmend der Droge Cannabis, die er schon als Jugendlicher kennengelernt hatte.

Polizeikontrolle im Dezember 2014

"Ich war Dauerraucher", bekennt er. Mindestens drei Gramm habe er pro Tag konsumiert. "Haschisch oder Marihuana?", fragt der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann. "Beides", antwortet der Angeklagte und gibt zu: "Gras war meine Welt."

Am 14. Dezember 2014 geriet er auf der Autobahn bei Walldorf in eine Polizeikontrolle. Die Beamten fanden in seinem Auto 198 Gramm frisch erworbenes Marihuana. Erst im April dieses Jahres aber wurde er nach weiteren belastenden Ermittlungen verhaftet.

Richter Winkelmann fragt ihn nach seiner Zukunftsperspektive. Der 27-Jährige, der keine Vorstrafe hat, will mit seiner Verlobten eine Familie gründen und weiter in seinem Beruf arbeiten: "Wenn das alles fertig ist, dann kann man mir nichts mehr ankreiden", sagt er. Aber er sieht ein: "Ich weiß, dass ich professionelle Hilfe brauche."

In welcher Weise die Strafkammer Haft- und Therapiezeit miteinander verbinden wird, wird sich spätestens am 2. November klären. Dann will die Strafkammer ihr Urteil verkünden.

Anklageschrift der Staatsanwaltschaft

Vorwurf Der Angeklagte soll in Obersontheim zwischen Mai und November 2014 in 21 Fällen unerlaubt Betäubungsmittel erworben haben. Ziel sei es gewesen, das Rauschgift sodann gewinnbringend zu verkaufen, und zwar insgesamt mindestens etwa 6,2 Kilogramm Marihuana und 300 Gramm Amphetamin.

Ferner soll er zwischen Mitte 2012 und April 2014 in 35 Fällen insgesamt 3,5 Kilogramm Marihuana und 80 Gramm Amphetamin verkauft haben.

Im Dezember vergangenen Jahres soll er im Besitz von etwa 200 Gramm Marihuana gewesen sein, welches er ebenfalls habe verkaufen wollen.

Urteil Das Urteil soll am 2. November gefällt werden.

SWP