Als gekonnter Trauerredner hat sich Peter S. in der Region einen Namen gemacht. Am Montag ringt er aber sichtlich mit sich selbst, als ihm der Richter Roland Kleinschroth das letzte Wort erteilt. „Es tut mir alles sehr leid. Ich würde das gerne rückgängig machen.“ Dann bricht er in Tränen aus.

Der Oberstaatsanwalt Peter Bracharz hat zuvor viereinhalb Jahre Haft wegen gewerbsmäßigen Betrugs gefordert, den der Angeklagte gestanden hat. In den dreieinhalb Jahren, in denen S. die Geschäfte im „Haus des Abschieds“ geführt hat, habe es rund 250 Feuerbestattungen gegeben. Bei nahezu allen seien Verstorbene ohne Wissen der Angehörigen in Pressspan-Särge (Wert rund 40 Euro) umgebettet worden, so Bracharz.

Keiner hat etwas unternommen

Pietätloses Verhalten sei nicht eindeutig bewiesen, so der Staatsanwalt, allerdings hätte Zeugen aus unterschiedlichen Bereichen Vorwürfe bestätigt. „Bloß unternommen hat keiner was.“ Es bleibe die These: „Tote haben einfach keine Lobby.“

Belege für die Aussage des Angeklagten, derartige Umbettungen seien in der Branche gang und gäbe, wurden in der Verhandlung nicht bestätigt. Das Bestattungswesen sei aber schwer zu durchschauen, so Bracharz. Es bleibe daher jedem selbst überlassen, „wie viel Vertrauen er Bestattern“ einräume.

Tief beschädigt wurde das Vertrauen einer Michelbacher Witwe, die jahrelang nicht die Asche des verstorbenen Ehemanns in der Urne aufbewahrt hatte, sondern die eines Säuglings. Tochter und Enkelin sind am Montag ebenfalls im Gerichtssaal – und müssen einen weiteren schweren Schlag erdulden.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von Peter S. hat zuvor über die Zustände im Haller Bestattungshaus berichtet. Zweimal habe er mitbekommen, dass bei Trauerfeiern die falschen Personen im Sarg gelegen seien, weil die Zeit nicht gereicht habe, die Verstorbenen auszutauschen. Er nennt Namen: Just jener Senior, dessen Tochter und Enkelin im Gerichtssaal sitzen. Der Tote habe während der Trauerfeier im Sektionsraum gelegen. Tief erschüttert und laut schluchzend stürmen Mutter und Tochter aus dem Gerichtssaal. Da muss auch der sonst schlagfertige Richter nach Worten ringen.

Pflichtverteidiger Michael Fust stellt die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Frage. Er sei mittlerweile bei einem konkurrierenden Bestatter in Hall angestellt und sei von diesem 2013 zur Anzeigeerstattung animiert worden – „ein Jahr nachdem er von meinem Mandanten gekündigt worden war“.

Der ermittelnde Kriminalpolizist berichtet, das ein anderer ehemaliger Angestellter ausgesagt habe, dass der Angeklagte einem Verstorbenen Goldzähne gezogen haben soll. Ein weiterer Mitarbeiter erklärte als Zeuge, dass der Angeklagte samt Belegschaft mehrmals vor Leichen posiert hat – mit den Fingern ein Teufel-Zeichen formend.

Handlung aus Profitgier?

Dem Verteidiger Fust klingt das nach einem Komplott von Mitarbeitern – auch wenn er die Existenz der Bilder nicht bestreiten kann. Der Staatsanwalt ergänzt: „Da sind Urnen im Krematorium aufgetaucht, die seit drei Jahren unter der Erde liegen sollten.“ Das habe nichts mit einem Versehen zu tun. Peter S. habe aus Profitgier gehandelt.

Das beweise auch die lange Vorstrafenliste. Mehrfach war der 33-Jährige verurteilt worden – unter anderem wegen Insolvenzverschleppung und Betrug. So hatte er 2002 als Veranstalter Stripperinnen gebucht, diese aber nie bezahlt.

Unklar bleiben auch die finanziellen Hintergründe des Bestattungshauses. Der Steuerberater spricht von hohen Umsätzen – die Firma war aber von 2012 an nicht mehr zahlungsfähig. Wo ist also das Geld, will der Richter wissen. S. behauptet, sein ehemaliger Geschäftspartner habe Gelder abgezwackt. Kontoauszüge belegen hohe Zahlungen. Unklar bleiben Bargeldautomaten: knapp 60000 Euro alleine von Januar bis Juli 2013 – davon rund 13000 Euro nach der Geschäftsaufgabe. Eine plausible Antwort dafür hat Peter S. nicht. Am Mittwoch, 13.30 Uhr, wird das Urteil erwartet.