Schwäbisch Hall An den Stelen der Hessentaler KZ-Gedenkstätte werden 200 neue Schilder befestigt

Folker Förtsch befestigt das Namensschild von Szmuel Ackermann an einer der Holzstelen. Er und die anderen Mitglieder der Gedenkstätten-Initiative wollen die Erinnerung an die Opfer wach halten.
Folker Förtsch befestigt das Namensschild von Szmuel Ackermann an einer der Holzstelen. Er und die anderen Mitglieder der Gedenkstätten-Initiative wollen die Erinnerung an die Opfer wach halten. © Foto: Gottfried Mahling
Schwäbisch Hall / GOTTFRIED MAHLING 16.10.2014
Die Gedenkstätten-Initiative hat die Aufarbeitung der Geschichte des KZ Hessental wieder ein Stück vorangebracht. 70 Jahre nach dem Eintreffen der ersten Zwangsarbeiter sind die Namen fast aller Opfer bekannt.

Es grenzt an ein Wunder, dass Szmuel Ackerman heute noch lebt - angesichts des unermesslichen Leides, dass ihm gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Hessental widerfuhr. 1951 verließ der aus dem polnischen Radom stammende Jude Deutschland in Richtung Kanada. Und kehrte nie zurück.

Dennoch ist Szmuel Ackermanns Name an der Karl-Kurz-Straße am Hessentaler Bahnhof präsenter denn je. Am vergangenen Dienstag, auf den Tag genau 70 Jahre nach dem Eintreffen der ersten Häftlinge im Konzentrationslager, ist sein Metall-Namensschild das erste neue, das an den Holzstelen befestigt wird. Etwa 200 weitere werden in diesen Tagen von der Gedenkstätten-Initiative angebracht.

"Wir wollen die Opfer aus der namenlosen Masse herausholen", nennt Folker Förtsch das vielleicht wichtigste Anliegen der Initiative. Von den etwa 800 polnischen Juden, die zwischen 14. Oktober 1944 und 5. Mai 1945 nach Hessental deportiert wurden, sind mittlerweile etwa 750 namentlich bekannt. Fast die Hälfte der Männer, Frauen und Kinder aus Radom starb entweder im Lager oder später auf den sogenannten Todesmärschen.

Dass die kleine Gedenkveranstaltung überhaupt stattfinden kann, ist nicht zuletzt Manfred Krey zu verdanken. Zehn Mal hat der Hobby-Historiker mittlerweile das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen besucht und dort intensives Aktenstudium betrieben. "Der Suchdienst des Roten Kreuzes hatte Zugang zu den Konzentrationslagern, nur deshalb sind heute die Namen vieler Opfer bekannt", erklärt er.

Nicht nur Manfred Krey wird am Dienstag für sein Engagement gedankt. Folker Förtsch erwähnt ebenso die Haller Unternehmen Stego und Puntschuh, die die neuen Tafeln angefertigt haben und der Gedenkstätte kostenlos zur Verfügung stellen. Viel Applaus erhält Sylvia Neumann, die seit vielen Jahren Kontakte zu den wenigen noch lebenden, in aller Welt verstreuten Hessentaler KZ-Häftlingen hält. Und auch für Hans Kumpf gibt es anerkennende Worte - weil er die Veranstaltungen in der Gedenkstätte immer wieder musikalisch begleitet. Seine traurig-melancholischen Klarinetten-Melodien machen betroffen, lassen das Leiden der Zwangsarbeiter erahnen.

Im harten Winter 1944/1945 arbeiteten sich etwa 350 Lager-Insassen am Rande der Produktion des Düsenjägers Messerschmidt ME 262 sprichwörtlich zu Tode - bei der Beseitigung von Bombenkratern, Schneeschippen auf der Landebahn des Luftwaffen-Fliegerhorstes, beim Errichten von Wällen oder bei Gleisarbeiten. "Sie waren verlaust und unterernährt und kamen schon an wie die Leichen selbst." So lautete ein zynischer Kommentar von Lagerkommandant August Walling. Wegen der systematischen Unterernährung und der katastrophalen hygienischen Zustände waren Krankheiten und Seuchen alltäglich. Viele Häftlinge litten an Mangelkrankheiten wie der Ruhr, im Februar 1945 forderte eine Typhus-Epidemie über 100 Opfer. Hinzu kamen brutale Übergriffe und Morde - teilweise direkt vor den Augen der Einwohner Hessentals.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erinnerte über Jahrzehnte nichts an das Lager. Wo sich einst Baracken und der Appellplatz befanden, entstand ein Schrottplatz. Erst im Jahr 2001 eröffnete die Initiative die Gedenkstätte - als Mahnmal gegen das Vergessen.

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