Sie können tun, was Sie wollen, ich will nur aus dem Gefängnis raus!“, erklärte der 28-jährige Angeklagte am zweiten Verhandlungstag vor dem Haller Schöffengericht. Eine Dolmetscherin hatte seinen Appell zuvor aus dem Französischen übersetzt. Der Angeklagte, der aus Kamerun stammt, wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Er musste sich wegen räuberischer Erpressung, exhibitionistischer Handlungen und Körperverletzung verantworten.

Das dreiköpfige Gericht unter Vorsitz von Richter Sven Güttner ist seiner Forderung nicht nachgekommen. Es hat eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verhängt. Sie kann schon von der Höhe her nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Überraschend ging das Gericht über den Antrag von Halls Oberstaatsanwalt Harald Freyer hinaus. Freyer hatte zweieinhalb Jahre gefordert.

Die angeklagten Taten liegen fast ein halbes Jahr zurück. Ende August ist der Kameruner in seiner Unterkunft in der Haller Bahnhofstraße ausgerastet. Er hat einen etwas älteren Zimmernachbarn aus Gambia mehrfach mit der Faust geschlagen. Dessen Platzwunde am Auge musste genäht, ein angeschlagener Zahn musste gezogen werden. Der verletzte Gambier hatte daraufhin große Angst und kam hilfesuchend bei einem AWO-Betreuer unter, bevor er eine neue Wohnung fand.

Schwäbisch Hall

In derselben Nacht machte sich der Angeklagte an eine Haller Zeitungsausträgerin (62) heran, die in der Innenstadt ihrer Arbeit nachging. Er folgte ihr im Morgengrauen bis in die Damentoilette des Haller ZOB, entblößte dort sein Glied und sagte so etwas wie: „Komm, wir machen es!“

Als die tapfere Zustellerin die Polizei rufen wollte, versuchte er, ihr das Handy zu entwenden. Sie wehrte ihn erfolgreich ab. Er suchte das Weite. Die Polizei spürte ihn schnell auf, nahm ihn aber nicht fest.

Am 2. September räumte er freiwillig sein Zimmer. Seinem Vermieter (45) aber wollte er den Schlüssel nicht aushändigen. Vielmehr forderte er 1900 Euro bar auf die Hand. Er drohte dem Vermieter dermaßen massiv – er würde dessen Haus abfackeln oder ihm mit dem Kugelschreiber das Auge ausstechen –, dass der stattlich gebaute Geschäftsmann vollkommen eingeschüchtert das geforderte Geld abhob. Die Überwachungskamera der Haller Südwestbank hat aufgezeichnet, wie der Täter im Foyer des Gebäudes ungeduldig auf das erpresste Geld wartete.

Der Täter war einst selbst Opfer

Verteidiger Claudio Pfisterer hatte in der Verhandlung einen schweren Stand. Die Beweise gegen seinen Mandanten waren eindeutig. Pfisterer erinnerte daran, dass der Angeklagte im Jahr 2016 selbst Opfer einer schweren Attacke war. Er bekam bei einer Streiterei im Übergangswohnheim im Haller Steinbeisweg von einem afrikanischen Mitbewohner einen Beilhieb auf den Kopf.

Der Angeklagte überlebte den Angriff und fand wenig später sogar eine Arbeitsstelle. Ihm sei aber in der Folge die Arbeitserlaubnis entzogen worden, erklärte Pfisterer. Vergeblich plädierte der Anwalt auf eine maximal zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden solle.

In seiner Urteilsbegründung nannte Richter Sven Güttner das erpresserische Vorgehen des Angeklagten „völlig kaltblütig“. Er habe den Vermieter „in Schach gehalten“, bevor er die geforderten 1900 Euro erhalten habe.

Der Haller Zeitungs-Zustellerin, die vom Angeklagten in der einsamen ZOB-Damentoilette in exhibitionistischer Weise belästigt wurde, zollte Güttner ausdrücklich seinen Respekt: „Sie hat es ganz gut weggesteckt.“