Wolpertshausen Mitmachzirkus: Am Seil sind alle gleich

Sich mit Hand und Fuß ans Seil hängen und schweben: Für die Wolpertshausener Schülerin Sadja (11), die aus dem Irak kommt, scheint es eine Leichtigkeit zu sein.
Sich mit Hand und Fuß ans Seil hängen und schweben: Für die Wolpertshausener Schülerin Sadja (11), die aus dem Irak kommt, scheint es eine Leichtigkeit zu sein. © Foto: sasch
Wolpertshausen / Sonja Alexa Schmitz 08.06.2018
Anlässlich der Heimattage ist der Mitmachzirkus Piccolo in die Grundschule gekommen. Eine Woche lang trainieren die Schüler um am Samstag ihr Können zu präsentieren.

Alle wollen ans Trapez. Bei der Gruppeneinteilung muss André Riedesel streng sein. Nur rund ein Dutzend der Mädchen und Jungen kann ans Trapez. Also verteilen sich die 80 Grundschüler auf die anderen Disziplinen: Bodenturnen, Hula-Hoop, Vertikalseil, Seiltanz, Clown und Jonglage.

„Alle Seiltänzer zu mir!“, ruft Giorgia Riedesel. Viele Mädchen laufen durch das Zirkuszelt, das in dieser Woche auf dem Sportplatz steht, zur Seiltanztrainerin. Es geht über Stühle und Bänke – und gleich werden sie ermahnt. Die Begeisterung ist groß, das Durchsetzungsvermögen der Zirkusleute aber auch. Seit rund 20 Jahren ist die – einst Stuttgarter, heute Eckartshausener – Zirkusfamilie mit dem Projektzirkus Riedesel unterwegs. Bisher nur im Großraum Stuttgart, jetzt möchten sie gerne im Ländle bekannt werden. Schulleiterin Brigitte Gronbach, schon immer begeistert vom Mitmachzirkus –  wegen seiner guten Wirkung auf Sozialverhalten und Selbstbewusstsein – wollte ihn an die Wolpertshausener Grundschule holen. Kosten: 4000 Euro. Dreitausend hat sie von der Sparkassenstiftung und der Volksbank bekommen, den Rest vom Förderverein der Schule.

Eine Woche Zirkusluft

Dafür können die Schüler auf dem Pausenhof eine Woche lang Zirkusluft schnuppern. Dort sind die Wohnwagen der Familie aufgebaut, auf dem Sportplatz steht das Zelt. Von Dienstag bis Freitag trainieren die Schüler den hal­ben Vormittag, die andere Hälfte sind sie im Klassenraum für Lern- und Entwicklungsgespräche.

Sechs Mädchen stehen rund um das Vertikalseil, mitten in der Arena, beleuchtet von hellen Spots. Giorgia Riedesel macht vor, wie es geht. Eine Hand durch die Schlaufe, eine andere ans Seil und „Hoch!“. Das Seil wird hochgezogen. Das Bein streckt sich, umschlingt das Seil, grazil schwebt die Artistin zwei Meter über dem Boden. Die Mädchen schauen ihr mit offenem Mund und spürbarer Erregung zu. Sie sind dran. Mia ist die Jüngste, sie geht in die erste Klasse. Eigentlich traut sie sich nicht viel, hier hängt sie sich ohne zu zögern ans Seil. Sadja ist elf Jahre alt, kommt aus dem Irak und lebt seit einem Jahr in Deutschland. „Das war total einfach“, sagt sie, nachdem sie zwei Stunden am Seil geturnt hat. Sie freut sich darauf, wenn am Samstag ihre ganze Familie zuschauen wird. Die Mädchen weichen Giorgia auch nach Ablauf der Zeit nicht mehr von der Seite. Sie haben viele Fragen. Die wichtigste: „Was ziehen wir an?“ Sie werden vom Zirkus ausstaffiert und aussehen wie echte Artistinnen.

Die Kinder sind alle zusammen in den Workshops, erste und vierte Klasse gemischt. Das ist ebenso Konzept, weil es das Miteinander stärkt und den Schülern vermitteln soll: Wir sind eins! Mit dem Mitmachzirkus setzt Brigitte Gronbach auf ihr Leitbild „Stärken stärken!“. Sie hatte schon Schüler, die waren schlecht in Deutsch, aber sehr gut auf dem Trampolin. So hat man deren gute Fähigkeit gefördert und siehe da, der Schüler wurde auch in Deutsch besser. Seine Stärken entdecken, wenn sie nicht offensichtlich in den gängigen Lehrfächern liegen, ist bei der Wolpertshausener Grundschule mit hohem Ausländeranteil besonders wichtig, so die Pädagogin.

Sprache nicht entscheidend

Wie gut man die Sprache spricht, spielt im Zirkus keine Rolle. Giorgia Riedesel hat in zwanzig Jahren, in denen der Ausländeranteil in den Schulen gestiegen ist, bei ihrer Arbeit keine Unterschiede festgestellt. Am Seil sind alle gleich. Vor dem Zelt zeigt André Riedesel, dass ein echter Clown nicht nur einfach den Blöden spielen muss. Er lässt sie eine unsichtbare Bank hineintragen, hinstellen, drübersteigen und sich draufsetzen. Jetzt sollen sie essen und ein Buch lesen. Er kommt hinzu und fragt die Kinder, die mit dem Po in der Luft hängen: „Was macht ihr denn hier?“ . „Wir sitzen auf einer Bank“, rufen die. „Aber die steht doch da drüben?!“ Und plumps lassen die Schüler sich ins Gras fallen – und lachen. Nicht wie ein Clown – eher wie sehr glückliche Kinder.

Info

Am Samstag, 9. Juni, von 16 bis 17 Uhr gibt es die Vorstellung der Grundschüler im Zelt auf dem Sportplatz.

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