Schwäbisch Hall Alte Klänge neu in Szene gesetzt

Die Kantorei und das Orchester an St. Michael musizieren unter der Leitung von Kurt Enßle, der auch als Komponist am Programm beteiligt ist.
Die Kantorei und das Orchester an St. Michael musizieren unter der Leitung von Kurt Enßle, der auch als Komponist am Programm beteiligt ist. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / CLAUDIA ADJEI 26.11.2014
Der Michaelskantor Kurt Enßle nutzt den Ewigkeitssonntag, um Musik des Mittelalters zu präsentieren. Dabei legt er auch selbst kompositorisch Hand an. Das Publikum applaudiert kräftig.

"Frühe Zeiten - Ferne Klänge" ist das diesjährige Thema der Kantorei St. Michael am Ewigkeitssonntag. Auf dem Programm stehen Werke von Heinrich Schütz, Johannes Ockeghem und Kurt Enßle. Letzterer führt Chor und Musiker mit bestimmendem Dirigat durch das Konzert, so dass von Beginn an klar wird, dass es sich bei dieser Veranstaltung der Reihe "Musik in St. Michael" um ein Heimspiel des Kantors handelt.

Aus der "Symphoniae sacrae III", einer Sammlung geistlicher Konzerte von Heinrich Schütz, ist "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" (SWV 415) zu hören. Dieser verzweifelte Ausruf wird eingeleitet von wuchtigen Männerstimmen, unterstützt durch tiefe Streicher, was die Dramatik des Werkes unterstreicht. Schnell baut sich das Stück auf, Frauenstimmen und Streicher setzen dazu ein. Dynamik und musikalische Gestaltung sind sehr abwechslungsreich, Chor und Orchester präsentieren sich klanglich sehr homogen.

Es folgt eine gotische Ciacona zum Lied "Ich wollt, dass ich daheime wär" des mittelalterlichen Theologen Heinrich von Laufenberg, komponiert von Kurt Enßle. Er gestaltet sein Werk durchgängig sehr ruhig und flächig, ohne jegliche musikalische Aufgeregtheit. Leider ist die Textaussprache des Chores schwer verständlich. Mit ein Grund dafür könnte die Choraufstellung sein, bei der die Frauenstimmen hinter den Säulen im Seitenschiff stehen und die Männer frontal zum Publikum im Mittelschiff. Am Ende klingt das Werk mit sehr durchsichtigen und hohen Streicherklängen aus, wobei die Musiker mit einer sehr guten Intonation glänzen.

Heinrich Schütz komponierte den Psalm 84 "Wie lieblich sind deine Wohnungen" für zwei vierstimmige Chöre und Basso Continuo. Viel Klang erfüllt den Kirchenraum, und wieder ist der Chor besonders bei vielstimmigen Stellen kaum zu verstehen. Doch es wird sauber intoniert, unterstützt durch vier Barockposaunen, die sich hinter den Choristen im Mittelschiff positionieren.

Bei Johannes Ockeghem handelt es sich um einen flämischen Komponisten und Sänger, der im 15. Jahrhundert lebte. Sein Lebenslauf ist nicht vollständig dokumentiert, aber man weiß, dass er zu Lebzeiten sowohl als barmherziger Mensch als auch hervorragender Musiker geschätzt wurde.

Sein Requiem, auch "Missa pro defunctis" genannt, hat wiederum Kurt Enßle eingerichtet für gemischten Chor und Instrumente. Im Laufe der Aufführung drängt sich aber unweigerlich die Frage auf, ob dieses Werk tatsächlich nach einer Wiederbelebung lechzte. Das Präludium beginnt vielversprechend mit sphärischen Klängen der Streicher, begleitet von Vibrafonklängen eines E-Pianos. Es entsteht eine ruhige und getragene Stimmung.

Doch diese hält nahezu eine halbe Stunde lang an. Es bieten sich kaum Varianten, der langsame Viervierteltakt dominiert in fast allen zehn Sätzen. Nur die Teile "Tractus" und "Offertorium" variierten in ihrer Taktart. Im "Offertorium" bringt ein tänzerisches Zwischenspiel der beiden Fagotte - später gemeinsam mit den Oboen - Leben in die Musik und lassen die mittelalterlichen Wurzeln des Werkes aufblitzen. Natürlich gebietet der Ewigkeitssonntag nicht Grund, ausgelassen zu feiern. Doch ein bisschen mehr Freude am Singen und eine intensivere musikalische Bindung zwischen Chor und Dirigent hätte man sich schon gewünscht.

Mit Heinrich Schütz und dem Psalm 24 "Domini est terra" - "Die Erde ist des Herrn" (SWV 476) findet der Konzertabend einen versöhnlichen Abschluss. Denn diese finale Aussage stellen alle Mitwirkenden noch einmal mit einem runden Gesamtklang überzeugend dar. Nach längerem Schweigen, in dem die Musik nachwirkt, spenden die rund 350 Zuhörer kräftigen Applaus.

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