Schwäbisch Hall Als TV-Kameras in den Knast kamen

Ein Bild aus alten Tagen: Rolf Zelter im Jahr 2005 auf einem Gang der verlassenen JVA. Mittlerweile ist der ehemalige Knast an der Salinenstraße komplett umgebaut, heute ist dort das Haus der Bildung untergebracht.
Ein Bild aus alten Tagen: Rolf Zelter im Jahr 2005 auf einem Gang der verlassenen JVA. Mittlerweile ist der ehemalige Knast an der Salinenstraße komplett umgebaut, heute ist dort das Haus der Bildung untergebracht. © Foto: thumi/Archiv
Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 26.11.2014
Viele Bedienstete und Gefangene sind "echt" in diesem Film. Auch sonst haben viele Haller als Statisten mitgespielt.

Viele Bedienstete und Gefangene sind "echt" in diesem Film. Auch sonst haben viele Haller damals als Statisten mitgespielt vor 42 Jahren, er selbst auch: Rolf Zelter. Bis 1995 hat er die Haller Jugendvollzugsanstalt geleitet. Als er 1968 nach Hall kam, war er mit 35 Jahren Deutschlands jüngster Anstaltsleiter. Und Rolf Zelter schrieb das Drehbuch für den Film "Freizeitraum, Bau 2", der am Freitag im Haller Kino im Schafstall gezeigt wird.

Gedreht wurde einst in der Haller Anstalt, der damals einzigen Jugendvollzugsanstalt Baden-Württembergs. Die Hauptrollen in der ZDF-Fernsehproduktion hatte Regisseur Diethart Klante mit namhaften Schauspielern wie Edith Heerdegen, Hans Mahnke und Dinah Hinz besetzt. Von den Schauspielschülern, die damals für die Hauptrollen der Gefangenen engagiert wurden, sind einige später sehr bekannt worden: Uwe Ochsenknecht und Martin Semmelrogge - Letzterer machte übrigens später auch mit eigenen Knast-Erfahrungen Schlagzeilen.

Nicht wie im Tatort

Im Film geht es um die Reform der Jugendstrafanstalten in der Bundesrepublik Ende der 1960er-Jahre. Einem Psychologiestudenten wird eine Gesprächstherapie mit schwierigen Gefangenen erlaubt. Doch der Student ist überfordert. Der Schwächste in der Gruppe wird gedemütigt, verzieht sich auf die Toilette, wo er sich erhängt. Ob er sich tatsächlich töten wollte oder sich durch seinen Suizid-Versuch eine Art Respekt verschaffen wollte, bleibt offen. Vorbild für die Geschichte ist ein realer Fall in einer anderen Anstalt, von dem Zelter erfahren hatte.

Im Film wird gezeigt, was dieser Vorfall auslöst: Untersuchung, Reaktion des Personals, Gewissensbisse des Anstaltsleiters, Betroffenheit oder auch klammheimliche Freude ob des Misserfolgs einer Reform. "Man darf sich da aber keinen Krimi à la ,Tatort vorstellen", betont Zelter. Ihm war eine realistische und sachliche Darstellung sehr wichtig.

Aber wie kam es überhaupt, dass ein Anstaltsleiter ein Drehbuch schreibt? Zelter hat literarische Erfahrungen. Im Urlaub hat er gerne Hörspiele geschrieben, etliche wurden vom Saarländischen Rundfunk auch produziert. Oder er schrieb kleine Theaterstücke, die teilweise im Stuttgarter Theater der Altstadt aufgeführt wurden. "Das Schreiben habe ich immer als angenehme Entspannung empfunden", sagt Zelter, "aber ich merkte auch, dass ich es nicht zu meinem Beruf machen sollte."

Filmcrew residierte zwei Wochen lang im Hotel Hohenlohe

"Freizeitraum, Bau 2" war zunächst auch als Schauspiel verfasst. Das ZDF interessierte sich für den Stoff als Fernsehspiel - also machte Zelter daraus ein Drehbuch. Die meisten Filmszenen wurden Ende Januar und Anfang Februar 1972 in Hall gedreht. Zelter erinnert sich gut, dass die Filmcrew für die zwei Wochen Drehzeit quasi das ganze Hotel Hohenlohe in Beschlag nahm.

Der Kameramann habe einen auffälligen Jaguar gefahren und parkte einfach überall, "die Haller Buben haben über das Auto nur so gestaunt". Und in der Gaststätte "Löwen" in der Mauerstraße ist eine Faschingsszene gedreht worden.

Im Juli 1972 wurde der Film im ZDF ausgestrahlt, zur besten Sendezeit. "Das war auch in Hall ein Straßenfeger", erinnert sich Zelter. Das Echo in der Presse sei geteilt gewesen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Welt bewerteten "Freizeitraum, Bau 2" sehr positiv, das Urteil in der Süddeutschen Zeitung fiel durchwachsen aus. Die Frankfurter Rundschau fand den Vollzug viel zu schön dargestellt, und im Haller Tagblatt fand man den Film wohl etwas fade, erzählt Zelter lachend.

Wie sah Zelter selbst das Ergebnis? "Meine erste Reaktion war: Oh je - bloß schnell vergessen." Der Drehbuchautor war mit der Umsetzung nicht zufrieden. Er habe den Film dann eigentlich verdrängt und auch kein Drehbuch mehr geschrieben, es blieb sein einziges.

Erst als er sich vor kurzem mit einer Schriftstellerin unterhielt, einer Bekannten seines Sohnes Joachim, der ebenfalls Autor ist, kam das Gespräch auf den Film. Besagte Schriftstellerin habe sich vom ZDF eine DVD kommen lassen und meinte schließlich, der Film sei gar nicht so schlecht. "Vor allem die Dialoge haben ihr gefallen", berichtet Zelter. Als er selbst den Film nun wieder sah, habe er die Meinung der Schriftstellerin durchaus teilen können, sagt der 81-Jährige bescheiden und lächelt.

Und so wuchs die Idee, den Film doch einmal öffentlich zu zeigen. Am Freitag, 28. November, ist es so weit: Um 20 Uhr wird "Freizeitraum, Bau 2" im Haller Kino im Schafstall gezeigt. Rolf Zelter ist mit dabei. Und er hofft, auch manchen Haller zu treffen, der damals mitgewirkt hat.

Zur Person vom 26. November 2014

Rolf Zelter wird am 13. April 1933 in Swinemünde auf der Insel Usedom geboren. Er wächst in Staufen bei Freiburg im Breisgau auf, besucht Schule und Internat Schloss Salem, macht das Abitur in Freiburg. 1953 beginnt er sein Studium, an den Universitäten Freiburg und Kiel studiert er Jura, in Paris Kriminologie. Es folgen Referendarzeit und das zweite Staatsexamen. 1961 heiraten Rolf und Brigitte Zelter in Freiburg. Der Ehe entstammen drei Kinder: Joachim (geboren 1962), Toni-Andrea (1964) und Ricarda (1969). Seit 1981 wohnen die Zelters in Gnadental. 1962 ist Rolf Zelter Assessor, wird in den Staatsdienst übernommen. 1968 wird er Leiter der Jugendvollzugsanstalt Hall. Am 31. Dezember 1995 geht er als Leitender Regierungsdirektor in den Ruhestand. Rolf Zelter war viele Jahre Vorsitzender des Haller Theaterrings, den er mitgegründet hatte. Er ist im Cercle Français aktiv und war Mitglied im Kuratorium der Freilichtspiele.

SWP

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