Wann erneut ein Ereignis wie die Sturzflut vom 29. Mai 2016 auftritt, lässt sich nur mit großer Unsicherheit sagen. Als gesichert gilt jedoch, dass es sich wiederholen wird.“ Das stellen die Doktoranden des Graduiertenkollegs der Hochschule Potsdam in ihrer Bestandsaufnahme zur Sturzflut Braunsbach fest. Axel Bronstert, Professor  für Hydrologie und Klimawissenschaft, spricht für den Standort Braunsbach von einem Jahrtausendereignis. Sprich: Im Schnitt alle 1000 Jahre kann sich in Braunsbach ein solches Ereignis wiederholen – im schlechtesten Fall kann dies aber schon in diesem Jahr sein.

Begrenzte Rückhaltebecken

Rund 90 Bürger – vorwiegend Braunsbacher – kamen vergangenen Donnerstag, um sich die Forschungsergebnisse anzuhören. Wenige Tage nach der Sturzflut  waren Studenten der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und Doktoranden des Graduiertenkollegs der Universität Potsdam vor Ort, um die Schäden zu dokumentieren und später am Computer zu berechnen, was sich zugetragen hat. Wie sich bei der Fragerunde zeigte, interessierte besonders, wie sich der Ort hätte schützen können, beziehungsweise was jetzt getan werden müsste, damit die Braunsbacher geschützt sind. „So ein Ereignis wird man mit Hochwasserschutzmaßnahmen nicht in den Griff bekommen.“ Wasserrückhaltebecken minimierten das Risiko. „Aber die haben ein begrenztes Volumen“, so Bronstert. Ein Becken am oberen Zulauf des Orlacher Bachs würde nur ein Viertel des zulaufenden Wassers auffangen, weil viel über die Seiten zuläuft. „Und wenn so ein Ding bricht, dann ist alles viel schlimmer.“ Dann steige innerhalb von Sekunden die Wasserhöhe, kein Mensch könnte mehr fliehen. „Es bräuchte einen Tunnel nach Süden, um den Orlacher Bach abfließen zu lassen.“ Im Iran beispielsweise, bei einer Stadt mit einer Million Einwohnern, gebe es einen.  „Die Chance, dass so etwas hier wieder passiert, ist klein – so klein wie vor dem Unglück.“

Zahlreiche Rekorde

Wie viel Verantwortung trägt der Mensch für das Unglück? „Die Natur selbst hat eine Menge auf Lager. Welchen Anteil der Mensch daran hat, kann nicht quantifiziert werden“, sagt Bronstert. Zwei Drittel bis drei Viertel der Wassermenge und des Gerölls wären seiner Ansicht nach auch heruntergekommen, wenn man die menschlichen Einflüsse herausrechnet. „Der menschliche Anteil ist hier sehr klein.“ Was sich vor eineinhalb Jahren in Braunsbach abgespielt hat, sei „record-breaking“.

 Spitzenwerte gab es in vielerlei Hinsicht. Das Sturmtief Elvira brachte im Einzugsbereich des Orlacher Bachs bis zu 180 Liter Wasser pro Quadratmeter. In den 70 Minuten zwischen 18:50 und 20 Uhr regnete es 146 Liter pro Quadratmeter. Rund 50 000 Kubikmeter Schlamm und Geröll wurden in den Ort geschoben. Die Folge: Bei einer Fließgeschwindigkeit von zwei bis drei Metern pro Sekunde gab es Spitzenabflusswerte von bis zu 150 Kubikmeter pro Sekunde. „Das ist der Wert des Neckars bei Mittelwasser“, so Bronstert. „Das floss hier durch Braunsbach.“ Fachleute gehen davon aus, dass das Mittelwasser des Orlacher Bachs bei unter 0,2 Kubikmeter pro Sekunde liegt. Die Spitzenabflussraten waren während der Sturzflut 500- bis 800-mal größer. Damit wurden die bisherigen Schätzwerte für ein maximales Hochwasser um den Faktor zehn übertroffen.

Flussbett ausgewaschen

Außergewöhnlich sei auch die Schadenshöhe mit rund 50 000 Euro pro Einwohner. „Das ist rekordverdächtig, solche Schäden hat man sonst nicht.“ Ein „Spitzenwert“ seien auch die 42 000 Kubikmeter Geröll, die aus Braunsbach abtransportiert wurden. Etwa 10 000 bis 15 000 Kubikmeter Humus wurden von den Feldern abgetragen. Diese Sedimente wurden in den Kocher geschwemmt.

Doch zurück zu den von Menschen zu verantwortenden Ursachen: Der Klimawandel trage dazu bei, dass extreme Wetterlagen zunähmen, insbesondere Starkregenereignisse. Der Ausbau des Orlacher Bachs im Jahr 1903 sei nicht ökologisch gewesen, habe aber den Effekt gehabt, dass das Wasser schneller abfloss, so Bronstert. Durch den Starkregen wurde jedoch das mit Steinquadern ausgebaute Flussbett abschnittsweise einige Meter tief ausgewaschen. Keine Rolle für die Sturzflut habe die Drainage der Felder auf der Höhe gespielt. „Bei so viel Regen, wie da gekommen ist, sickert das Wasser nicht mehr in die Tiefe.“

Beim Bronstert-Vortrag konnten die Zuhörer erfahren, dass das Regenradar mit Mikrowellen arbeitet. Die nächste Messttation steht in Türkheim. Dieses Radar misst die reflektierte Strahlung und kann so zwar erfassen, wo Wolken schweben, nicht aber, wie viel es regnet. Bei der Forschung verlassen sich die Umweltwissenschaftler zudem nicht nur auf die Messdaten, sondern auch auf Beobachtungen der Betroffenen. „Diese Aussagen sind wichtig und stellen sich oftmals als die genauesten Daten heraus. Wenn jemand sagt, um halb acht hat es hinter dem Haus Rumms gemacht, dann prallte zu diesem Zeitpunkt erstmals das Geröll an das Gemäuer.“

Mörderische Sturzfluten

Die Studenten der Eberhard-Karls-Universität Tübingen untersuchten, wie sich die Landformen an den Bächen durch die Sturzflut verändert haben und woher das Schwemmholz stammte.  Professorin Christiane Zarfl hob die Bedeutung des Braunsbacher Naturereignisses hervor: Bislang gebe es nur sehr wenige Daten über Sturzfluten. Die Forschungsergebnisse von Braunsbach sollen dazu beitragen, künftig bessere Vorhersagen und Schutzmaßnahmen treffen zu können. Die Erforschung von Sturzfluten sei auch deshalb wichtig, weil diese Naturgefahr weltweit die größte Zahl von Menschen betreffe und die Ursache für die höchsten Sterblichkeitsraten bei Hochwasserereignissen sei.

Wie im Gebirge

Die Tübinger Studenten erfassten die Erdrutsche (allein 48 in der Orlacher Klinge),  berechneten deren Häufigkeit in Abhängigkeit zum Gefälle und klärten, wo das Schwemmholz herstammte. Die morphologischen Veränderungen – also beispielsweise, wie sehr sich der Grimmbach verbreitert hat – glichen denen von Gebirgsflüssen. „Solche Daten würde man im Gebirge erwarten, aber nicht hier“, stellte die Professorin fest. „Das zeigt, wie außergewöhnlich das Ereignis ist.“ Schwemmholz stamme übrigens vor allem aus den Flussauen.

Christiane Zarfl wie auch Axel Bronstert dankten den Braunsbachern für die Zusammenarbeit und das Interesse. „Es ist nicht selbstverständlich, dass sich eine Gemeinde und Bürger die wissenschaftlichen Ergebnisse anhören wollen“, lobt Bronstert.

Wie Adrian Riemer, Geologe an der Hochschule Potsdam, berichtet, sei eine Doktorarbeit für Braunsbach bereits ausgeschrieben. Zudem seien Nachfolgestudien geplant. „Wir werden die nächsten Jahre weiterhin hier sein.“