Luftfahrt Als Blinde im Heißluftballon unterwegs

Kerstin Vlcek 03.11.2018

Schwebend. So fühlt es sich für Adelheid Traub an, während sie lautlos in rund 350 Metern Höhe im Ballon über Schwäbisch Hall hinwegfährt. Sie macht das zum ersten Mal. Und Adelheid Traub ist blind. Als Blinde in einem Ballon? Was zuerst etwas befremdlich anmutet, geht eine vier Jahre zurückliegende Geschichte voraus. Ursprünglich wollte sie nur fühlen, wie sich der Ballonkorb und die Ballonhülle anfühlen. Christoph Mau, der zusammen mit Volker Herrmann den Verein Ballonfreunde Schwäbisch Hall gegründet hat, ist ein guter Freund von Traub. „Wenn wir das machen, dann machen wir es gleich richtig“, erzählt Mau. „Er hat mich so lange bequatscht, bis ich endlich Ja gesagt habe“, erinnert sich Traub.

Vor Kurzem war es dann so weit, Adelheid Traub wagt eine Fahrt. Untergehakt bei ihrem Mann Reinhold und begleitet von ihrer Tochter Anja Scharf sowie ihrer Enkelin Lilli trifft sie auf der Auwiese ein. Dort warten schon Christoph Mau, Volker Herrmann und Eberhard Kurz auf sie. Reinhold Traub übergibt seine Frau kurzum in die Obhut von Mau. „Ich bin schon mal Ballon gefahren, deswegen mache ich mir keine Sorgen“, sagt Reinhold Traub. Scharf sieht das anders: „Ich könnte es mir nicht vorstellen.“

Ertasten und fühlen

In der Zwischenzeit haben die Ballonfahrer den Korb aus dem Anhänger ausgeladen und auf der Wiese positioniert. Ruhig redet Mau auf Traub ein, während er sie zum Korb führt. „Da kann überhaupt nichts passieren.“ Sein Kollege Herrmann ist derweil damit beschäftigt, den Höhenmesser am Korbgestänge anzubringen. „Das fühlt sich ja an wie ein Weidenkorb“, beschreibt die 62-Jährige und fährt mit ihren Handflächen am Korb­rand entlang. Dann wird es sportlich für sie. Mithilfe von Mau klettert sie auf den Korb hinauf, um den Brenner zu ertasten. „Du kannst wieder herunterkommen“, sagt er zu ihr und greift ihre Hand. „Wir legen jetzt die Ballonhülle aus.“

Rund 30 Meter ist die rote Hülle samt Korb lang. Alleine diese wiegt 110 Kilogramm. „Fühlt sich an wie ein Wasserballon oder ein Umweltbeutel. So flutschig“, beschreibt Traub, die als Masseurin im Kerz arbeitet, ihre Wahrnehmung. „Welche Farbe hat sie?“, möchte sie wissen. „Rot mit zwei aufgenähten grünen Krokodilen“, beschreibt der Ballonfahrer. Da Adelheid Traub nicht von Geburt an blind war, sondern ihre ersten Lebensjahre lang einen „Sehrest“ hatte, weiß sie auch, wie die Farbe Rot aussieht.

Und dann wird es plötzlich laut. Mit einem Ventilator und Kaltluft wird der Ballon aufgeblasen. Schnell wird er größer. Traub und Mau haben in der Zwischenzeit ihre Runde um den Ballon beendet. „Jetzt kann ich es mir besser vorstellen“, freut sich die Gaildorferin. „Es ist ein komisches, ein fremdes Gefühl“, aber Angst habe sie keine.

Und dann geht es auch schon los. Flink klettert sie in den Ballonkorb hinein, in dem schon Volker Herrmann auf sie wartet. Diesmal fährt auch Christoph Mau mit. „Normalerweise fährt nur einer von uns mit, aber heute ist Volker für den Brenner zuständig und ich erkläre Adelheid, was man unter uns sieht“, so Mau. Gemeinsam mit Herrmann hat er den Verein Ballonfreunde Schwäbisch Hall vor einem Jahr ins Leben gerufen und bietet hobbymäßig Ballonfahrten an.

Fauchen und Zischen

Es faucht und zischt laut. Der Brenner erhitzt die Luft in der Hülle. Langsam erhebt sich der Ballon in die Höhe. „Ich bin schon gespannt, was ich oben höre und rieche“, freut sich Traub. „Heute ist es ein bisschen diesig, der Wind weht aus nordöstlicher Richtung mit fünf Knoten“, erklärt Herrmann. Stetig und ruhig steigt der Heißluftballon immer höher und fährt in Richtung Haller Innenstadt. Die Stille wird nur unterbrochen vom Fauchen des Brenners. „Jetzt halte ich mal den Zinken raus und rieche einmal.“ Bisher noch nicht viel. „Der neue Rewe ist links vorn, und dahinten rechts kommen der Katzenkopf und der Teurershof“, erklärt Mau. „Dann muss ja gleich der Streifleswald kommen“, meint sie. „Genau“, bestätigt er. Der Ballon ist auf ungefähr 600 Meter über Normalnull angekommen. „Hörst du es auch rauschen?“, fragt sie Mau. „Nein“, sagt er. „Dann mach einmal die Augen zu.“ Er folgt ihrer Anweisung. „Ich höre die Straße rauschen“, sagt Mau. Und dann tauchen die ersten Bäume unter dem Ballon auf. „Riechst du auch den Wald? Die Bäume und die Erde?“, fragt sie, während der Ballon tief und fast die Baumwipfel streifend über den Streifleswald fährt. „Den rieche ich nicht“, gesteht Mau. „Deine Sinne sind wohl schärfer als meine.“

„Hallo“, rufen Kinder von unten, als der Heißluftballon über ein Wohngebiet in Michelfeld fährt. Der Brenner faucht. „Hallo“, ruft Traub der winkenden Gruppe zu. „Es ist eine heile Welt hier oben, so still“, beschreibt sie es. Und es ist wahr. Die Sorgen scheinen ausgeblendet zu sein, die Sinne können sich entspannen, nur unterbrochen vom gelegentlichen Anfeuern des Brenners, um wieder ein bisschen an Höhe zu gewinnen.

Nach rund 45 Minuten ist der Ausflug in die Lüfte wieder vorbei. Herrmann steuert ein Feld in Michelfeld an. „Dort werden wir landen“, ruft er in Richtung Mau. Nun ist Konzentration gefragt. Routiniert verringert Herrmann die Höhe, Mau stellt sich hinter Traub und hält sie fest, damit sie bei der Landung sicher ist. „Gut festhalten!“, und schon setzt der Korb mit der Vorderkante auf dem Acker­boden auf, hüpft dreimal und bleibt balancierend auf der Vorderkante stehen, ehe er sich nach hinten absenkt. Mithilfe von Christoph Mau klettert Adelheid Traub aus dem Korb. „Schade, dass es schon vorbei ist“, meint Traub. „Die Fahrt ist zwar vorbei, aber nun kommt noch die Taufe“, sagt Mau.

Das ist Tradition, jeder, der seine Jungfernfahrt im Ballon begeht, muss getauft und in den Adelsstand erhoben werden. Zurück geht dies auf Frankreichs König Ludwig XVI. Kurz gesagt, veranlasste er, dass nur Adelige sich in die Lüfte erheben dürfen. „Bevor er das Gesetz zurücknehmen konnte, wurde er geköpft“, erzählt Herrmann, während Adelheid Traub auf einer Decke neben dem Acker kniet. Dann holt Herrmann ein Feuerzeug hervor, um eine Haarlocke anzuzünden und sie danach mit Wasser zu löschen.

Und da wird aus Adelheid Traub „Königin Adele mutige Himmelspionierin mit dem Feuer in andere Sinneswelten sanft entschwebend“. Zu den Pflichten gehört für sie ab jetzt, diesen Namen nie wieder zu vergessen. Aber auch die Ballonfahrt wird die Himmelspionierin nie vergessen: „Es war besser, als ich es mir vorgestellt habe und Christoph hat das toll gemacht.“ Sie würde sofort wieder fahren. „Auch für mich war das neu. Ich habe bei einer Ballonfahrt noch nie so viel geredet“, zieht Mau sein Resümee und grinst.

Vom Pilotenschein zum Heißluftballon-Hobby

Die Ballonfreunde Schwäbisch Hall sind ein Verein, den die beiden Freunde Volker Herrmann und Christoph Mau im Sommer 2017 gemeinsam mit ihren Familien und Freunden gegründet haben. Beide betreiben das Heißluftballon-Hobby seit rund 20 Jahren. Volker Herrmann hat den Pilotenschein 1996 und drei Jahre später dann die Lizenz erworben, um Ballonpiloten ausbilden zu können. Christoph Mau ist seit 2013 ausgebildeter Pilot. Mit dem Kauf eines eigenen Ballons und der Vereinsgründung haben sie sich den Wunsch erfüllt, den Ballonsport gemeinsam aktiv auszuüben. Der Verein hat aktuell 17 Mitglieder. Weitere Informationen unter www.ballonfreunde-sha.de.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel