Schwäbisch Hall Alptraum zu Übungszwecken

Die Umstände sind zwar gestellt, aber realistisch. So könnte ein Unfall tatsächlich geschehen. Die Haller Feuerwehrleute üben die Rettung von Menschen aus einem Autowrack.
Die Umstände sind zwar gestellt, aber realistisch. So könnte ein Unfall tatsächlich geschehen. Die Haller Feuerwehrleute üben die Rettung von Menschen aus einem Autowrack. © Foto: Beatrice Schnelle
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 18.08.2018
Was ist die „Golden Hour Of Shock?“ Und warum sind Feuerwehrleute manchmal die wichtigsten Menschen auf der Welt? Unsere Reporterin hat es bei einem fiktiven Unfall erfahren.

Der weiße BMW hängt schräg in der Böschung, ein Baumstamm hat die Frontscheibe in der Mitte bersten lassen und ragt tief ins Fahrzeug. Jenseits der hölzernen Barriere sitzt, reglos und in sich zusammengesackt, mein Beifahrer. „Wie geht es Ihnen?“, fragt mich ein behelmter Mann in orangener Schutzkleidung. Es ist eine Übung, ich bin rundum intakt. Aber ich ahne, wie es mir ginge, wäre alles echt, und der Mensch neben mir einer, der mir nahesteht. Wahrscheinlich würde ich völlig hysterisch herumschreien. Vielleicht wäre mir auch der Adrenalinstoß gnädig, den der Schock durch meine Adern gejagt hat, als es krachte.

Ein schwerer Unfall ist der Albtraum jedes Autofahrers. Selbst in der Simulation rebellieren die Instinkte. Ich stelle ein Opfer dar, damit die Männer und Frauen von der Feuerwache Ost meine Rettung üben können. Das stumme Bündel auf dem Beifahrersitz war noch nie sehr gesprächig, denn es handelt sich um einen 80 Kilogramm schweren Dummy. Der BMW wurde zuvor „trockengelegt“, damit austretende Flüssigkeiten keine Umweltschäden anrichten, und die Böschung hinutergehievt.

Gemäß Übungsplan ist Folgendes geschehen: „Auf der engen Waldstraße kamen sich zwei Pkw entgegen, touchierten sich, gerie­ten von der Fahrbahn ab und stürzten die Böschung hinunter“, beschreibt Gruppenführer Tobias Freimüller das fiktive Szenario. Etwas weiter weg, auf der anderen Seite, steht ein blauer Corsa im Wald. Auf der Rückbank liegt eine Babypuppe im Kindersitz, seine „Mutter“ sitzt am Steuer. Zu Übungszwecken bin ich besser als ein Dummy, wie Freimüller erläutert: „Eine Puppe hat nicht die Spannung eines Körpers mit Knochen, Muskeln und Sehnen.“

Vier Menschen in prekärer Lage

Vier Personen müssen die 19 Feuerwehrleute also aus ihrer prekären Lage befreien. Sie schaffen es in rund 30 Minuten. Die einzige Zeitvorgabe sei die „Golden Hour Of Shock“, erklärt der Gruppenführer. So werde die Stunde bezeichnet, die zwischen dem Unfallzeitpunkt und der Einlieferung in die Klinik höchstens verstreichen soll. In dieser Zeit, so fanden amerikanische Wissenschaftler heraus, hat ein Verletzter die besten Chancen, halbwegs unbeschadet davonzukommen.

Mehrere Retter sorgen zunächst mit Spanngurten und Blöcken dafür, dass der Wagen nicht weiter abrutschen kann. Vier starke Arme heben mich aus dem BMW. Nun geht es richtig zur Sache. Mein Beifahrer hatte weniger Glück. Seine Wirbelsäule wurde bei dem Aufprall in Mitleidenschaft gezogen. Die kleinste falsche Bewegung könnte eine Querschnittslähmung auslösen. Inzwischen sitzt ein „innerer Retter“ hinter ihm und überwacht seinen Zustand. Um die beiden herum nimmt die Mannschaft das Auto mit einer Hydraulikschere auseinander und klappt das Dach weg. Der „Verletzte“ wird ganz behutsam auf einer Spezialtrage fixiert, die seine Wirbelsäule beschützt, und mit vereinter Kraft herausgezogen. Im Corsa muss eine Tür aufgespreizt werden, danach erreichen die Retter die Insassen relativ einfach.

Im Ernstfall sei längst der Notarzt und ein medizinischer Rettungsdienst vor Ort, stellt Freimüller klar. Manchmal nähmen DRK, Johanniter oder Malteser darum an diesen Übungen teil. Wie oft hat er schon den Ernstfall erlebt? „Ich zähl’ das nicht“, sagt der erfahrene Feuerwehrmann, „aber es passiert schon, dass wir mit dem Tod konfrontiert werden.“ Wie steckt man so etwas emotional weg? „Wir kennen uns durch die enge Zusammenarbeit so gut, dass es sofort auffällt, wenn jemandem das Geschehen zu nahe geht. Den nehmen wir dann raus und reden mit ihm. Wir haben auch ein Kriseninterventions-Team, das die Leute später betreut.“

Dienst am Nächsten

Was die Mitglieder der Feuerwehr da auf sich nehmen, kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Das ist mir nach dieser Übung klarer denn je. Einem Menschen, der wirklich einen Unfall hatte, müssen sie vorkommen wie eine Schar leuchtend orangener Himmelsboten.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel