Schwäbisch Hall/Michelbach Afrikanische Lebensart lehren

So soll die Landkarte vom Kongo einmal an der Wand hängen, zeigt der katholische Pfarrer Jean de Dieu in seiner Wohnung in Gschlachtenbretzingen. Wenn er doch nur den Tesafilm finden würde, um sie zu befestigen . . .
So soll die Landkarte vom Kongo einmal an der Wand hängen, zeigt der katholische Pfarrer Jean de Dieu in seiner Wohnung in Gschlachtenbretzingen. Wenn er doch nur den Tesafilm finden würde, um sie zu befestigen . . . © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall/Michelbach / SONJA ALEXA SCHMITZ 19.11.2013
Gschlachtenbretzingen habe er gegoogelt. "Das gibt es nur einmal in Deutschland", fand der Pfarrer Jean de Dieu heraus. Zum Erkunden seines neuen Wohnortes bleibt ihm vorerst kaum Zeit.

"Sie fotografieren um die Zeit stehen zu lassen, aber die Zeit läuft Ihnen davon", sagt Jean de Dieu zum Zeitungsfotografen, der etwas in Eile ist. Zeit ist ein Thema für ihn. Die Deutschen ließen sich zu arg von der Zeit unter Druck setzen. Sich Zeit nehmen, nicht nur für seine eigenen Bedürfnisse, sondern auch für die der Mitmenschen, das lebe er. Eine Voraussetzung für einen Priester, der Menschen beisteht, die in Not sind und viel Zeit und Aufmerksamkeit benötigen. "Mein Großvater hat immer gesagt: ,Wenn es pressiert, werde ruhiger und langsamer. Dann bleibst du gesund." Bei ihm zu Hause im Kongo sei es eine Verachtung des Menschen, zu behaupten, man hätte keine Zeit für den anderen.

"Ich bin 25 Jahre Priester", sagt der 53-Jährige, "fünf Jahre habe ich davon im Kongo verbracht." Das war eigentlich nicht sein Wunsch. Er wurde Diözesanpriester, um nicht in der Welt herumreisen zu müssen. Aber die göttliche Fügung - "Nichtgläubige würden es Schicksal nennen" - bewirkte, dass er immer wieder seinen Wirkungsort änderte. Innsbruck, Dachau, Berlin und Heilbronn waren seine bisherigen Stationen.

Ein geselliger Mensch, der ger gerne Musik hört

In Hall ist er nun für die fünf Kirchengemeinden Christus König, St. Markus, St. Joseph, Johannes Baptist und St. Maria zuständig. Er hält mindestens zwei Gottesdienste an Sonntagen und weitere an Werktagen. "Manche denken, Pfarrer würden nur Messen lesen, aber da kommen die ganzen pastoralen Aufgaben hinzu", erklärt Jean de Dieu. Krankenbesuche und Kommunion, Sterbebegleitung und Begleitung in Lebenskrisen. "Außerdem hat ein Priester auch ein Telefon und das klingelt nicht selten."

In seiner Wohnung in Gschlachtenbretzingen allerdings wartet er noch auf den Telefonanschluss. Ende Oktober ist er angekommen. Halb ausgepackte Kisten stehen herum, die Landkarte vom Kongo wartet darauf, aufgehängt zu werden. "Aber wo ist bloß der Tesafilm?!" Auf dem Tisch stehen gebrauchte Tassen, leere Bierflaschen und hart gewordenes Gebäck. Kollegen waren gestern da. Jean de Dieu ist ein geselliger Mensch, der gerne Musik hört - "alles, was schön ist" - und noch lieber die, auf die sich tanzen lässt. Bringt er mit seinem afrikanischen Wesen einen neuen Geist in die hiesige Kirche? "Es stimmt, dass unser Gottesdienst lebendiger ist und die Besucher aktiver teilnehmen. Ich kann niemanden mit der afrikanischen Lebensart anstecken, aber wir können voneinander lernen."

Deutschland sei ein Mosaik. So viele verschiedene Nationen lebten hier. Es gab Orte, da fiel er durch seine Hautfarbe auf. Aber auch dort habe er die Erfahrung gemacht, dass die Menschen sich dem Fremden öffneten. "Manche taten sich schwer, das Fremde objektiv zu betrachten und Vertrauen zu fassen." Er weigerte sich das Kreuz am Hemdkragen als Erkennungszeichen seines Amtes zu tragen. "Ich möchte als Mensch empfangen werden, nicht weil ich Priester bin."

Jean de Dieu - ist das tatsächlich sein Name? "Mitschüler in der Grundschule haben mich so genannt, nachdem ich enthusiastisch die Geschichte des ,Johannes von Gott vorgelesen habe", sagt Mbaki Myuanda, so heißt er eigentlich. Er erzählt, wie die Namensgebung im Kongo funktioniert. Ein Beweis für ein ganz anderes Denken und Empfinden von Alter und Respekt. Es lohnt sich, den fröhlichen Mann einmal danach zu fragen.

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