Der Hausherr des Abends im Hällisch-Fränkischen Museum, Dr. Armin Panter, war zugleich der Hausmeister: Viele Stühle musste er herbeischaffen, um den vielen Gästen einen Platz anbieten zu können. „Alle Stühle, die wir im Haus haben, sind nun genutzt“, verkündete er bei seiner Begrüßung.

Ihm folgt Barbara Bräuer von der Schwäbisch Hall-Hohenlohe Tibet-Initiative. Während sie ins Thema „Säkulare Ethik“ einleitet, vermerkt Rinpoche Tendzin Choegyal schmunzelnd: „Ich hoffe, Sie sagen gute Dinge über mich.“ Er und seine Frau Rinchen Khando werden vom Englischen ins Deutsche übersetzt: Wolfgang Schwarzkopf und Wilfried Pfeffer, Leiter des Tibet-Kailash-Hauses in Freiburg, sorgen für die Übersetzung.

Elementare Verhaltensweisen

Tendzin Choegyal beginnt scherzhaft: „Schlechte Nachricht: Ich habe alles vergessen.“ Was dabei zum Vorschein kommt: Dessen Gelassenheit. Als später seine Frau ein längeres Statement abgeben wird, befühlt er währenddessen gefühlvoll einen vor ihm stehenden Tulpenstrauß.

Doch der Professor, wie sein Titel Rinpoche ins Deutsche übertragen werden kann, ist zugleich von einer offenbar tiefen Klarheit durchdrungen. Er spricht von einer Leerheit. Vielleicht liegt hier zugleich der Mittel- und Ausgangspunkt seines gesamten Denkens. Getrieben von zwei elementaren menschlichen Verhaltensweisen, etwas zu mögen und etwas nicht zu mögen, seien alle Menschen „leer von einer bleibenden Gleichheit“.

Was ist darunter zu verstehen? In uns Menschen gibt es demnach nichts Gleichbleibendes. Wir seien keine „gleichbleibende Identität, wir sind nicht stabil“. Vor allen Dingen: Es ist die Absage an das Ego. An den Egoismus. Wir bräuchten vielmehr den „mikroskopischen Blick“: Die säkulare Ethik vermittle eine Sichtweise, dass der Organismus Erde von über acht Milliarden Menschen bewohnt werde. Ständig sei dadurch jeder Mensch beeinflusst von anderen Menschen. Die Ideale dieser Ethik hätten schon alle Humanphilosophen zum Ausdruck gebracht. Der Dalai Lama greife diese Ethik auf, mit dem Ziel, sie über die Religionen hinaus zu entwickeln.

Wie diese Ethik Kindern vermittelt werden könne, fragt jemand aus dem Publikum. Tiere hätten Instinkte, Kinder nicht. Tendzin Choegyal antwortet: Kinder hätten ein „inneres Bild“, eine „ursprüngliche Reinheit“. Man nehme an, dass „das Gute“ von Anfang an im Menschen stecke. Diese Basis gelte es weiterzuentwickeln.

Mit dem Begriff der Leerheit gerät im Denken der säkularen Ethik die Veränderung ins Zentrum. Wir seien ausnahmslos alle kleine Heuchler. „Wir tun das Gegenteil davon, was wir für richtig halten.“ Zugeben können, dass man falsch handele, verlange Stärke und eine Absage an Nachlässigkeit und Trägheit, aber eben auch an den Egoismus, Traditionen und Gebräuche. Die Erwachsenen – selbst wenn sie 70 Jahre alt seien – müssten demnach erzogen werden.

Die anderen nicht vergessen

„Veränderung ist die größte Schwierigkeit“, manifestiert Tendzin Choegyal. Diese Veränderung begänne bei jedem selbst. Gleichsam mittels eines „inneren Forschungsprojektes“ könnten wir analytisch in uns hineinhorchen, wie es um uns bestellt sei – unter der Maßgabe des Selbstrespektes, aus dem der Respekt für andere hervorgehe.

Immer wieder taucht der Bezug zu den anderen auf. „Don`t forget others“ – zu deutsch: „Vergiss die anderen nicht“, lautet sein Credo. Insbesondere in schwierigen Beziehungen bedürfe es einer „inneren Haltung“, Geduld und Ausdauer, um nicht zu verzweifeln. Meditation verhelfe zum Dranbleiben: „Ich werde nicht zornig, auch wenn der andere noch so blöd ist.“

Zum Ende kommt seine Frau zu Wort: Sie habe mit dem Sprechen gewartet, bis er fertig sei – wortlose Heiterkeit ist zwischen dem Ehepaar zu spüren. „Gleichheit ist der Schlüssel zu der Menschheit. Wir sind nicht verschieden, wir sind alle gleich“, sagt Rinchen Khando. Das Publikum quittiert dies mit viel Applaus. Dann folgt ihrerseits eine Zusammenfassung der säkularen Ethik: „Verantwortlichkeit für uns selbst, Respekt für andere.“

„Wenn Buddha heute leben würde, wäre er Quantenphysiker“, mit diesem Satz überlässt der Bruder des 14. Dalai Lama die wohl mehr als 100 Besucher  der nächtlichen Stille. Was er damit andeuten wollte? Dass wir gleichsam acht Milliarden Elementarteilchen sind? Keineswegs stabil?

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