Stadtentwicklung Abriss beendet 135-jährige Geschichte

Wolfram Lay (links) steht im einstigen Verkaufsraum und beobachtet, wie ein Arbeiter das Gebäude entkernt.
Wolfram Lay (links) steht im einstigen Verkaufsraum und beobachtet, wie ein Arbeiter das Gebäude entkernt. © Foto: Thumilan Selvakumaran
Thumilan Selvakumaran 10.01.2018
Auf dem Haller Bahnhofsareal soll ein neues Wohnquartier entstehen. Unternehmen müssen daher weichen. Wenig-Wolf stellt ohne Alternativen den Betrieb ein.

Kabel hängen von der Decke, eingerissene Trockenwände und Schutt türmen sich auf dem Boden des Verkaufsraums. Knapp zwei Jahre hatte Wolfram Lay Zeit, sich auf diese Situation einzustellen. Doch die reichten längst nicht aus. „Zehn Jahre hätte ich gerne noch gemacht“, sagt der 51-jährige Sulzdorfer. Ein Zurück gibt es aber nicht.

Das Unternehmen Wenig-Wolf hat zum Jahresende sein Geschäft aufgegeben. Das Gebäude zwischen dem Haller Bahnhof und der Ringstraße wird gerade entkernt. Noch im Januar soll es komplett abgerissen werden. Alle Versuche der beiden Betreiber – Wolfram Lay und sein Angehöriger Siegmar Lay – den Betrieb doch noch fortzuführen, sind gescheitert. Damit endet die Geschichte eines Haller Traditionsunternehmens, die vor mehr als 135 Jahren in der Haller Innenstadt begann (siehe Info).

Stadt kauft Areal von der Bahn

Hintergrund für die Geschäftsaufgabe ist die geplante Umgestaltung des Haller Bahnhofsareals. Dieses hatte die Stadt von der Bahn erworben und damit auch die Mietverträge der Geschäftsleute, die dort vor vielen Jahren auf eigene Kosten gebaut hatten.

Der Gemeinderat entschied 2014, einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, um das Gelände aufzuwerten. Geplant ist dort nun ein Quartier auf fünf Hektar Fläche. Darauf sollen Investoren mehrere Geschossbauten mit innenliegenden Freiflächen errichten. So könnten 350 Wohnungen entstehen. Allerdings müssen bestehende Gebäude weichen. Mehrere alte Schuppen sind bereits abgerissen.

Erschließung soll 2018 beginnen

Umgestaltet werden soll zudem der Bahnhofsvorplatz, wo weitere 70 bis 80 Wohneinheiten mit exponiertem Blick über die Altstadt entstehen sollen. Noch in diesem Jahr könnten die Erschließungsarbeiten starten.

Vor der Abstimmung 2014 über den Architektenwettbewerb bat Stadtrat Claus Unser (CDU) um Rücksicht auf die Geschäftsleute. Neben Wenig-Wolf sind das Raab Karcher und Gras & Sigloch. Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim sagte: „Die Mieten sind niedrig. Wir hoffen, dass die Firmen ausreichend Rückstellungen gebildet haben.“

Franziska Hof, Sprecherin der Stadt, ergänzt, dass mit dem Kauf des Geländes durch die Stadt „die Beendigung des Mietvertrags und der vollständige Rückbau der Immobilien festgelegt“ sei, „sollte das Gelände anderweitig genutzt werden“. Es habe frühzeitig Gespräche mit den Unternehmensführern über Alternativstandorte gegeben.

Neubau zu teuer

Gras & Sigloch sowie Raab Karcher haben beide das Angebot angenommen und im Gewerbegebiet im Haller Westen gebaut. Ungeklärt sei, so Hof, wohin die Luftmessstation zieht und welche Alternative dem BAG für das Waaghaus geboten wird. Wenig-Wolf hat sich letztlich gegen einen Neubau entschieden. „Das hätte noch mal zwei Millionen Euro gekostet. Für eine solche Investition bin ich zu alt“, sagt Wolfram Lay. Seine Kinder seien noch zu jung. Daher sei nicht klar, ob sie später das Geschäft übernehmen würden. „Und bis 70 will ich nicht arbeiten, um einen Neubau zu finanzieren.“

Ihm wäre es am liebsten gewesen, seinen Betrieb auf dem Areal fortzuführen, das Grundstück zu kaufen. Doch die Stadt habe ihr Vorkaufsrecht genutzt. „Dabei hatte der Alt-OB Binder uns damals noch  zugesichert, dass wir, sollte es zu einem Verkauf durch die Bahn kommen, Anspruch hätten.“ Doch eine mündliche Zusicherung ist nicht bindend.

50 000 Euro Rückbaukosten

Lay hätte Briefe an die Räte geschrieben, Kontakt zur Stadt gesucht. Als alle Versuche gescheitert waren, sei der Entschluss zur Geschäftsaufgabe schnell gefasst gewesen. Die fünf Mitarbeiter  seien in anderen Betrieben untergekommen. Seit Sommer seien die Lagerbestände abverkauft worden. „Jetzt ist alles weg“, so Lay. Als letzten Schritt muss Wenig-Wolf den Rückbau stemmen. „Wir rechnen mit 50 000 Euro.“

Vom Kohlehandel für Straßen-Dampfwalzen zum Fachmarkt für Baustoffe

Das Unternehmen wurde 1882 von Friedrich Wenig in der Sulengasse gegründet. Neben Briketts, Steinkohle für Dampfwalzen, Holzkohle für Dampfbügeleisen und Schmiedekohle handelte Wenig mit landwirtschaftlichen Artikeln wie Kutschenlaternen und Ochsenpeitschen. Friedrich Wenig junior übernahm 1896.

Da für Kohlelieferungen ein Gleisanschluss nötig war, wurde am Bahnhofs­areal ein Lager gebaut. Ausgefahren wurden die Bestellungen dann mit dem Pferdefuhrwerk. Der Handel florierte. So wurde in den 1930er-Jahren ein Stadtlager samt Büro an der Ecke Heimbacher Gasse/Katharinenstraße errichtet.

Wenigs Schwiegersohn Werner Steiner wurde 1936 Gesellschafter. 1951 trat dessen Sohn Hans Steiner in den Betrieb ein, übernahm in den 70er-Jahren die Geschäftsführung. Er übergab in den 1980ern an Hartmut Schneider und Anton Frech. Der letzte Wechsel folgte 1991 an Wolfram und Siegmar Lay.

Mit den Jahren hat sich das Angebot stark gewandelt. Nach Kohlehandel bekam Heizöl eine größere Bedeutung. Später widmete sich Wenig-Wolf immer mehr dem Baustoffsektor. Im Mai 1982 wurde der bis heute genutzte Bau mit Lager- und Ausstellungsflächen auf dem Bahnhofsareal eröffnet. thumi