Schwäbisch Hall Ab 18 auf der schiefen Bahn

Ein Jugendlicher (Bildmitte) stellt sich in der Schreinerwerkstatt des Seehauses in Leonberg der Kritik und dem Lob seiner Mithäftlinge und Betreuer. "Erziehung statt Knast" heißt das Konzept dieses Projekts für Jungen zwischen 16 und 21 Jahren. Ein 19-Jähriger aus dem südlichen Landkreis Hall hofft nun, über das Seehaus wieder Fuß zu fassen. Archivfoto: dpa
Ein Jugendlicher (Bildmitte) stellt sich in der Schreinerwerkstatt des Seehauses in Leonberg der Kritik und dem Lob seiner Mithäftlinge und Betreuer. "Erziehung statt Knast" heißt das Konzept dieses Projekts für Jungen zwischen 16 und 21 Jahren. Ein 19-Jähriger aus dem südlichen Landkreis Hall hofft nun, über das Seehaus wieder Fuß zu fassen. Archivfoto: dpa
Schwäbisch Hall / ELEONORE HEYDEL 05.03.2013
Ein 19-Jähriger aus dem südlichen Landkreis ist gründlich auf die schiefe Bahn geraten. Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung - das Jugendschöffengericht erkennt auf eine Jugendstrafe von eineinhalb Jahren.

Ein ungleiches Paar sitzt im Haller Amtsgericht einträchtig nebeneinander. Im blütenweißen Hemd mit Fliege und Anzug mit Weste ist Verteidiger Martin Stirnweiss aus Stuttgart angereist. Solche Eleganz ist man im Haller Sitzungssaal nicht gewohnt. Anders der 19-jährige Angeklagte: Unter der derben Reißverschlussjacke trägt er ein ausgeschnittenes T-Shirt. Er wird aus der Haft vorgeführt.

Die Anklage ist umfangreich. Der 19-Jährige hat mehrfach in Einkaufsmärkten Paletten mit Leergut gestohlen und sie in anderen Märkten gegen Bares abgegeben. Er hat Überweisungen gefälscht. Er hat mehrere Taxifahrer betrogen. Er hat ein Auto nach einer Probefahrt nicht zurückgebracht. Er ist mit einem nicht versicherten Auto herumgefahren.

Die schlimmste Straftat aber ist ein Vertrauensbruch. Er ist in das Haus seiner langjährigen Pflegemutter geschlichen und hat ihr einen Geldbeutel mit 70 Euro gestohlen. Später ist er noch einmal gekommen und hat ihren Laptop entwendet. Die Hunde haben nicht angeschlagen. "Die kennen mich", sagt der 19-Jährige.

Rechtsanwalt Stirnweiss hat die Stellungnahme eines Sozialtherapeuten eingeholt. Während der Vorsitzende Richter Dr. Wolfgang Amendt den ausgedruckten Text vorliest, verfolgt der Anwalt Zeile für Zeile auf dem Bildschirm seines Laptops. Der Angeklagte liest von der Seite aus mit. Er wird von dem Therapeuten als "Außenseiter" beschrieben und als ein Mensch, der kaum Gefühle zeigen könne. Man habe ihn nie weinen sehen.

Als Frühgeburt verbrachte der Angeklagte sein erstes Lebensjahr in einer Kinderklinik. Seine Eltern wollten ihn nicht. Bis zur Einschulung wurde er von seiner Großmutter aufgezogen. Über eine Jugendhilfe-Maßnahme kam er zu Pflegeeltern nach Gschwend. Unter deren Obhut brachte er es bis zum Realschulabschluss. Mit 18 Jahren verließ er die Pflegefamilie, weil die Maßnahme ausgelaufen war. Erst danach wurde er straffällig.

Norbert Liebsch vom Schwäbisch Haller Jugendamt plädiert dafür, den 19-Jährigen in das Projekt beim "Seehaus Leonberg" einzugliedern. Hier werden Jugendliche, die zu Haftstrafen verurteilt sind, gezielt gefördert. Verteidiger Stirnweiss hat die Zusage für das Projekt schon in der Tasche. Auch das Gericht befürwortet die Unterbringung im "gelockerten Vollzug". Grundlage aber ist erst einmal das Urteil: 18 Monate Jugendstrafe. Richter Dr. Amendt: "Wenn es zum Seehaus geht, ist es gut!"

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