„Landleben live“ Leben auf dem Bauernhof in Schwäbisch Hall

Judit Andrés Lavilla im Cockpit eines Radladers vom Gliemenhof. Michael Frank ist sozusagen ihr Bruder auf Zeit.
Judit Andrés Lavilla im Cockpit eines Radladers vom Gliemenhof. Michael Frank ist sozusagen ihr Bruder auf Zeit. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 06.08.2018
Die 17-Jährige Judit Andrés Lavilla aus Spanien hat eine tolle Zeit auf dem Gliemenhof in Gailenkirchen. Das Projekt Landleben-live des evangelischen Bauernwerks macht es möglich.

Wenn Judit Andrés Lavilla nach einem Monat auf dem Gliemenhof nach Hause fliegt, dann bringt sie ihrer Familie keine Geschenke mit, sondern Wissen: ganz frisch angeeignet auf dem Bauernhof mit Milchkuhhaltung. Sie wird ihrer Mutter zeigen, wie man Brot backt und Marmelade herstellt. „Ich kaufe sonst alles ein“, sagt das Mädchen aus der Großstadt Valladolid, „hier ist aber so vieles handgemacht.“ Ihre Augen leuchten. Sie ist ganz begeistert von ihrer Zeit und den Erfahrungen auf dem Gailenkirchener Bauernhof.

Ihre erste Motivation war, die Sprache zu lernen. Dafür suchte sie Organisationen, die einen Aufenthalt in Deutschland vermittelten. Aber die meisten richten sich an Jugendliche über 18 Jahre. „Einen Bauernhof? Warum nicht?“, dachte sich das Mädchen, dass bisher nichts mit Landwirtschaft zu tun hatte.

Und jetzt, nach drei Wochen Landleben-live, sitzt sie auf dem Radlader und steuert ihn ganz selbstverständlich über den Hof. Wie man Kühe melkt, hat man ihr beigebracht, jetzt gehe es schon sehr flott. Sie weiß jetzt, wie man mit Kühen umgeht, den Stall ausmistet und was man macht, wenn sie mal krank sind.

Morgens um halb sieben steht sie auf und frühstückt mit den drei Söhnen der Familie Frank. „Ich habe zwei Schwestern, nun habe ich hier drei Jungs. Das ist was ganz anderes und macht viel Spaß. Wir haben schon zusammen Fußball gespielt.“ Dann begleitet sie ihre Brüder auf Zeit manchmal zur Schule. Sie war auch einen Tag in der Grundschule in Gailenkirchen und fand auch das wahnsinnig nett. Nach der Schule geht sie in den Stall: Melken, saubermachen und dann gibt es Mittagessen. Daheim kommt die Städterin um 12.30 Uhr von der Schule und isst alleine. Ihre Mutter ist auf der Arbeit, die Schwestern kommen zu anderen Zeiten. Auf dem Gliemenhof essen rund fünfzehn Leute zusammen – Familie und Mitarbeiter. Nachmittags hat sie frei. Dann nimmt Judit das Fahrrad und fährt in der Gegend umher, genießt die Zeit zum Nachdenken und schreibt und malt in ihr Notizbuch. Stall, Kühe, Vokabeln, Rezepte, alles wird darin festgehalten.

„Sie ist total unkompliziert, interessiert an allem und hat vor nichts Angst“, erzählt Anna Frank. „Ich kann schon ‚Olé‘ und ‚qué tal‘ und ‚el loco‘ auf Spanisch sagen“, verkündet Sohnemann Michel ganz stolz. Auch für die Familie sei so ein Gast eine Bereicherung, so Anna Frank. Auf dem Hof hätten sie jedes Jahr einen Jugendlichen bei sich, der auf Zeit eine Weile mit ihnen lebt und arbeitet.

Judit hat neben vielen anderen Dingen auch gelernt, wie man von der Runde, die sich abends immer zusammen findet, aufsteht und ins Bett verabschiedet. Man klopft auf den Tisch und sagt: „Gute Nacht“. Dieses Ritual wird sie ganz sicher noch lange beibehalten.

Veronika Grossenbacher vermittelt die Kontakte über Landleben-live. Sie telefoniert vorab mit den Jugendlichen und findet heraus, was für ein Typ sie sind und auf welchen Hof sie passen könnten. „Die Soft Skills sind viel entscheidender als zum Beispiel, ob sie auf einen Hof mit Kälbern oder Ackerbau wollen“, berichtet sie. Ein entscheidendes Kriterium sei auch, ob der interessierte Jugendliche kleine Kinder um sich herum haben möchte.

Sich ausprobieren in einer neuen Region oder Familie

Das evangelische Bauernwerk vermittelt jährlich bis zu 100 Jugendliche ab 16 Jahren auf Höfe innerhalb Baden-Württembergs. Für Jugendliche heißt Landleben-live: Sich selber ausprobieren in einem neuen Umfeld, in einer anderen Familie, in einer neuen Region sowie das Kennenlernen anderer Lebensgewohnheiten und Ansichten. „Sie erleben unmittelbar, wie wächst und gedeiht, was täglich auf den Tisch kommt“, so das Bauernwerk. Manch einer entdecke sogar seine Berufung für den beruflichen Weg.

Interessierte Landwirtsfamilien oder Jugendliche wenden sich beim evangelischen Bauernwerk in Waldenburg an Veronika Grossenbacher: Telefon 0 79 42 / 1 07 12 oder E-Mail  V.Grossenbacher@hohebuch.de. Weitere Infos gibt es unter www.landleben-live.de sasch

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