Man könnte den Tag bei einem Bierchen ausklingen lassen, daheim die Beine hochlegen und den Fernseher anschalten oder noch ein bisschen spazieren gehen. Rund 50 Frauen und Männer entschlossen sich dazu, sich im Haller Brenzhaus mit Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen auseinanderzusetzen. Professor Gerhard Wegner gelang es, diese scheinbar schwere Kost bekömmlich darzubieten. Der Theologe und Sozialwissenschaftler arbeitete auf unterhaltsame Weise die wenigen Parallelen und vielen unterschiedlichen Ansätze der beiden im Jahr 1818 geborenen Männer heraus.

„Ziel von beiden war es, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, ihre Lösungen waren aber höchst unterschiedlich“, stellte Professor Wegner fest.

Karl Marx war ein Denker und Revolutionär, der den weltgeschichtlichen Ansatz verfolgt hat. Um Fortschritt zu ermöglichen, müsse der Kapitalismus zunächst zugelassen, dann aber überwunden werden. Kapitalismus würde die Menschen entfremden. Sie würden zu egoistischen Wesen, aus ihrer Liebe und Solidarität werde Sucht. Professor Wegner führt das Beispiel China an. Das Reich der Mitte habe sich auf den Kapitalismus eingelassen und damit die Armut stark einschränken oder überwinden können. Deutlich wird, dass dieser Schritt die Ungleichheit fördert und Opfer fordert. Gerechter werde die Welt erst, wenn der Kapitalismus durch den Sozialismus abgelöst wird, so die Erwartung Marx’.

Gegenseitig helfen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war derjenige, der den Genossenschaftsgedanken wesentlich entwickelt hat. Armut ließe sich überwinden, wenn sich die Menschen gegenseitig helfen. Als wichtigen Punkt identifizierte der Reformer die gemeinsame Haftung. Raiffeisen analysierte nicht die Wirtschaftssysteme, ihn trieb das Schicksal der Armen zur Suche nach einer praktischen Lösung an. Der Mann, dessen Großvater aus Mittelfischach stammt, ging davon aus, dass Reichtum von Gott anvertraut ist und dazu verpflichtet, den Armen zu helfen. Allerdings scheiterte dieser Ansatz. „Die Reichen waren nicht dazu bereit, jedem Armen zu helfen“, so Wegner.

Pfarrer Christian Horn, der die anschließende Fragerunde moderierte, betonte, dass die alleinige Fixierung auf das Wirtschaftswachstum zu hinterfragen ist. Es gebe durchaus einen auf die Genossenschaften bezogenen Egoismus. Anderseits sei die Welt ohne die Effizienz großer Unternehmen nicht zu ernähren.

Unterschiedliche Inspiration

Marx oder Raiffeisen – „wer hat gewonnen?“, fragte Gerhard Wegner nach anderthalb Stunden und gab sich selbst die Antwort. Das sei nicht zu erkennen. „Der Anspruch, die Wirtschaft muss für die Menschen da sein, hat beide auf unterschiedliche Weise inspiriert.“

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Geschwister hatte sowohl Friedrich Wilhelm Raiffeisen als auch Karl Marx.

Vier Fragen an Professor Gerhard Wegner …


1 Herr Wegner, wenn sich Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen gekannt hätten – wären sie Freunde geworden?

Ich glaube nicht. Die beiden waren zu unterschiedlich. Raiffeisen war ein kaisertreuer Preuße. Marx war ein Revolutionär, der den Kaiser stürzen wollte. Die beiden wären keine Freunde geworden.

2 Wenn Sie sich einen der beiden als Lehrer hätten aussuchen können – hätten Sie sich für Marx oder Raiffeisen entschieden?

Ich hätte Karl Marx bevorzugt. Weil Marx von der Sichtweise und der Totalität der Erkenntnisse als Lehrer viel besser geeignet gewesen wäre als Friedrich Wilhelm Raiffeisen. In der Praxis wäre mir wahrscheinlich Raiffeisen lieber gewesen.

3 Worüber würden die beiden heutzutage streiten?

Sie würden sich darüber streiten, wie sich die ­Armut in der Welt wirklich bekämpfen ließe und wie wir die Wirtschaft so organisieren könnten, dass sie in der Lage ist, die Armut zu beseitigen. In Deutschland ist dies gelungen, nicht aber überall auf der Welt. Das ist ein riesiges Problem. Marx hätte ganz große Zweifel daran, dass dies klappt. Raiffeisen glaube ich auch.

4 Und worüber könnten sich die beiden einigen?

Sie würden sich darüber einigen können, dass es Aufgabe der Wirtschaft ist, die Armut zu bekämpfen. Die Wirtschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist nicht dafür da, Gewinne zu machen, sie muss den Menschen dienen. Darüber würden die beiden letztendlich Einigung erzielen.